Ritterbands Klassikwelt 6 / 2019: Warum "Rigoletto" meine Lieblings-Verdi-Oper ist

Ritterbands Klassikwelt 6 / 2019  klassik-begeistert.de

von Charles E. Ritterband

Wer mich nach meiner Lieblingsoper fragt erhält, je nachdem, welche ich zuletzt gesehen habe, unterschiedliche Antworten. Wer mich jedoch nach meiner meistgeliebten Verdi-Oper fragt, erhält nur diese eine Antwort: Rigoletto. Ich bin ein glühender Bewunderer der Werke von Giuseppe Verdi, doch dieses eine verkörpert vielleicht mehr als andere die ganze Genialität dieses Komponisten: Die herrliche, berührende Musik, die packende Story, die jedem Thriller ebenbürtig ist, und die kühnen, experimentellen musikalischen Effekte. In der berühmten Opern-Trilogie „Rigoletto“, „Il Trovatore“ und „La Traviata“  ist das erste Werk zweifellos das innovativste.

Verdis Meisterwerk

Mit dieser Meinung bin ich in bester Gesellschaft – nämlich jener des Meisters selbst. Verdi hielt den „Rigoletto“ für das beste seiner Werke. Verdi schrieb an seinen Rigoletto-Librettisten Francesco Maria Piave im Jahr vor der Uraufführung – wohl um ihn für dieses Projekt zu gewinnen: „Das Sujet ist groß, immens und enthält eine Figur, die eine der größten Schöpfungen ist, deren sich das Theater aller Länder und aller Zeiten rühmen darf!“

„Le Roi s’amuse“, Victor Hugos Theaterstück, das dieser Oper zugrunde liegt, prallte auf den Widerstand der französischen Zensur – und musste unmittelbar nach seiner Uraufführung am 22. November 1832 im Pariser Théatre Francais abgesetzt werden. Bis es dann, knapp zwei Jahrzehnte danach, am 11. März 1851 im Teatro La Fenice in Venedig, in Form einer außergewöhnlichen Oper Auferstehung feierte. Bekanntlich musste Verdis Librettist zu einem Trick greifen, um die Zensur ruhig zu stellen – oder zu überlisten: Aus dem „Roi qui s’amuse“, dem französischen König Franz I. – die Zensur ortete zudem Anspielungen auf den damals Frankreich regierenden „Bürgerkönig“ Louis-Philippe – wurde der Herzog von Mantua. Und aus Hugos Figur Triboulet (und tauchte später bei Hugo wieder auf – als der behinderte Gwynplaine in dessen Roman „L’Homme qui rit“ aus dem Jahr 1869) wurde der Hofnarr Rigoletto. Dessen Worte bei der kaum zufälligen Begegnung mit dem professionellen Killer Sparafucule auf dem Heimweg klingen wie jene aus dem Mund Triboulets: „Je suis l’homme qui rit, il est l’homme qui tue“ („ich bin der Mann, der lacht, er ist der Mann der tötet“). Und Rigoletto sinniert: „Pari siamo! … Io la lingua, egli ha il pugnale“ – wir sind gleich: ich die Zunge, er das Schwert.

Le roi s’amuse…

Ich lebe zur Zeit in England und das Thema des „Roi qui s’amuse“ widerspiegelt nur scheinbar die Bühnenwelt längst vergangener Zeiten. Ganz im Gegenteil – es ist brandaktuell: Ich denke da natürlich sogleich an den Duke of York, Prince Andrew, der nicht umsonst schon vor Jahren von spitzen Zungen als „Randy Andy“ (der geile Andy) tituliert wurde und der inzwischen in den Strudel der Epstein-Connection (sexueller Missbrauch minderjähriger Mädchen) geraten ist. Nicht zu vergessen – bei seiner Geburt war Andrew immerhin Nummer Zwei in der englischen Thronfolge (inzwischen allerdings nur noch Nummer Acht) – unmittelbar hinter seinem älteren Bruder, dem Thronfolger Prinz Charles. Durch eine unglückliche Fügung des Schicksals – dem Ableben der Queen und des Prince of Wales – könnte dieser Andrew heute König von England sein, eine erschreckende aber durchaus nicht abwegige Vorstellung. Und „Le Roi s’amuse“ würde von der literarisch-musikalischen Fiktion in Mantua zur erschreckenden Realität in London…

Rigoletto, eine Figur, die Verdi selbst als „eine der größten Schöpfungen aller Länder und aller Zeiten“ bezeichnet hatte, wurde in seiner Ambivalenz – zynischer Helfershelfer des Herzogs und zärtlich-besorgter Vater Gildas – zur Inspirationsquelle zahlloser Inszenierungen. Dass ja der fiktive Herzogshof zu Mantua bereits ein willkürlich gewählter Schauplatz, eine Tarnung für den von Hugo tatsächlich gemeinten französischen Königshof war, öffnete der Phantasie ungezählter Regisseure Tür und Tor. Die Zahl der sinnvollen und unsinnigen Transpositionen, meist in die heutige Zeit, sind Legion und deren Variationsreichtum würde bereits ein ansehnliches Buch füllen.

Von Trump zu Charlie Chaplin

Allein was ich selbst in den letzten Jahren an Variationen auf europäischen Opernbühnen erlebt habe, ist berichtenswert: Die kargen Inszenierungen der Star-Regisseurin Tatiana Gürbaca in Graz (2007) und Zürich (2013), die den Hof von Mantua in heutigen Kostümen und Bühnenbildern zeigt als „verdorbene Männergesellschaft, die sich nur noch in Demütigungen und Amüsement aus Langeweile ergeht“ . Die (für viele Zuschauer schockierend) realistische Inszenierung des hochbegabten schottischen Regisseurs David McVicar an der Royal Opera London, die ich diesen Sommer im Kastell des finnischen Savonlinna am dortigen Opernfestival vor mittelalterlichen Steinwänden und Kostümen jener Epoche bewundern durfte. Ebenfalls in diesem Sommer die  aufsehenerregende Transponierung in eine verderbte Zirkuswelt auf der Seebühne Bregenz mit dem spektakulären technischen Wunderwerk des beweglichen Rigoletto-Clownkopfs im Zentrum (Inszenierung Peter Stölzl, Bühne in Zusammenarbeit mit Heike Vollmer).

Oder am Musiktheater Linz (November 2017) – der Herzog als allzu klar erkennbare Trump-Parodie, verkörpert noch dazu vom Südkoreaner Hyojong Kim, das Ganze auch angesiedelt in mehreren Stockwerken (durch Aufzug verbunden) des fiktiven goldglitzernden New Yorker Trump-Towers – die gruselige Mordszene fand vor einem Autowrack im Tiefgeschoss statt; Inszenierung Andreas Baesler, Bühne Harald B. Thor. Die Welsh National Opera versetzte ihren ausgezeichneten Rigoletto (den ich diesen Herbst in Cardiff sehen durfte) in ein korruptes, fiktives Washington der Kennedy-Aera, komplett mit der in jedem Akt weiter in die Ferne rückenden Kuppel des Capitols und dem Oval Office als Schauplatz skandalöser Vorgänge (Inszenierung James Macdonald, Bühnenbild Robert Innes Hopkins).

Die letzte Verfremdung des Rigoletto-Stoffs, die ich soeben gesehen habe, wurde von der Glyndebourne Opera auf die Bühne gebracht: Hier wird der Hofnarr des Herzogs zu Charlie Chaplin, der Herzog zum lüsternen Filmproduzenten der #meetoo – Ära, und das herzögliche Schloss zum realistisch dargestellten Hollywood-Studio. Gilda ist das Baby eines Vergewaltigungs-Opfers jenes skrupellosen Filmproduzenten – und es wird von Rigoletto-Chaplin adoptiert und Gilda genannt. Das erklärt dann plausibel die Geheimnistuerei um die Mutter und familiären Ursprünge, nach denen Gilda sich so intensiv erkundigt. Und sie verliebt sich dann folglich in ihren leiblichen Vater, der zu allem Übel noch Inzest an der eigenen Tochter begeht… So weit kann’s kommen – und nicht nur in der Oper (Inszenierung Christiane Lutz, Bühne Christian Tabakoff).

King Lear – Verdis ungeschriebene Oper

Verdi nannte ihn „Papa Shakespeare“ und bewunderte zeitlebens den genialen englischen Barden. Nicht weniger als drei Opern beruhen auf Shakespeares Werken: Die Tragödien „Macbeth“ und „Othello“ – sowie die Komödie „Falstaff“ („The Merry Wives of Windsor“). Was fehlt, ist das wohl dramatischste Meisterwerk Shakespeares: King Lear. Verdi fehlte keineswegs das Interesse an diesem Stück – ganz im Gegenteil. Doch die Vermutung liegt nahe, dass Verdis Respekt vor diesem Werk so groß war, dass er nie eine „King Lear“-Oper schuf. Aber es gibt Theorien, nach denen der „Rigoletto“ nichts anderes ist als ein verkappter „Lear“. Die Parallelen sind auffällig: Rigoletto als Vater, der wie sein Gegenstück Lear gegenüber der Tochter schwere Fehler begeht, die sowohl für Delia im „Lear“ als auch Gilda im „Rigoletto“ tödlich enden. In beiden Stücken, der Oper und Shakespeares Tragödie, macht sich die Titelfigur der blinden Hybris schuldig: Lear lässt sich durch die Schmeicheleien seiner älteren Töchter blenden und verkennt die Loyalität der jüngsten und Rigoletto gibt sich dem Wahn hin, sich aus falsch verstandener Liebe an seiner Tochter Gilda an einem Mächtigen rächen zu können.

Beide, Lear und Rigoletto, haben die Realität aus den Augen verloren: Lear, ein Mächtiger verschenkt in blindem Wahn seine Macht und verliert alles – Rigoletto, Narr ohne Macht misst sich einem Mächtigen und auch er verliert alles. „Lear“ und „Rigoletto“ konvergieren in der Gewitter-Szene: Im 3. Akt des Rigoletto mit Donner, Blitz, Sturmgeheule und Glockengeläute glaubt man Lear in Begleitung seines treuen Narren von seinem Irrweg über die Heide durch die Tür kommen zu sehen. In dieser Szene, der dramatischen Klimax dieser Oper, in welcher ein Männerchor das Heulen des Sturms imitiert wagt Verdi ein kühnes musikalisches Experiment. Ist „Rigoletto“ eine Variante des nie zustande gekommenen „Lear“? Die Hauptfiguren sind einander diametral entgegengesetzt – der Narr und der König – und doch sind die Berührungspunkte beachtlich. Tatsache ist: skizzenhaft war Verdi’s „Lear“ bereits lanciert – in Zusammenarbeit mit einem  Librettisten namens Salvadore Cammarano und, als dieser 1852 verstarb, mit Antonio Somma. Das Projekt blieb in den Anfängen stecken.

Des Herzogs rätselhaftes Pseudonym

Der ursprüngliche Titel dieser Oper sollte „La Maledizione“ – der Fluch heißen. Der Fluch des Grafen Monterone steht denn auch im Zentrum der Handlung – und führt denn auch zu deren tragisch-dramatischen Ausgang. Bemerkenswerterweise verflucht der Graf nicht den Herzog, der ja der Übeltäter und Verführer seiner Tochter war, sondern Rigoletto, der zum Schaden noch den Spott hinzufügte.

Ich habe oft über das Pseudonym nachgedacht, mit dem sich der Herzog bei Gilda einschleicht, nachdem er ihr die dreiste Lüge aufgetischt hatte, er sei „studente e povero“ – Student und arm: Gualtier Maldé (im Original von Victor Hugo übrigens Gaucher Mahiet). Während der letzten Rigoletto-Produktion, die ich sah, jener der Glyndebourne Opera, kam mir plötzlich ein Geistesblitz: Dieses Pseudonym ist nicht nur wohlklingend, es ist auch bedeutungsvoll. Wenn man dem erfundenen Namen Gualtier Maldé sechs Buchstaben entnimmt, und diese in anderer Reihenfolge zusammenwürfelt, so erhält man – MAUDIT. Das französische Wort für „verflucht“. Das kann kein Zufall sein.

Dr. Charles E. Ritterband, Wien, 3. Dezember 2019,
für klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Der Publizist und Journalist Dr. Charles E. Ritterband, 66, geboren in Zürich / Schweiz, ist Verfasser mehrerer Bestseller („Dem Österreichischen auf der Spur, „Österreich – Stillstand im Dreivierteltakt“ sowie „Grant und Grandezza“) und hat als Auslandskorrespondent 37 Jahre aus London, Washington, Buenos Aires, Jerusalem und Wien für die renommierte Neue Zürcher Zeitung (NZZ) berichtet. Er studierte Germanistik, Geschichte, Philosophie und Staatswissenschaften an den Universitäten Zürich und Harvard sowie am Institut d’études politiques de Paris und an der Hochschule St. Gallen. Seit Kindesbeinen schlägt Charles’ Herz für die Oper, für klassische Konzerte und für das Theater. Schon als Siebenjähriger nahm ihn seine Wiener Oma mit in die Johann-Strauß-Operette „Eine Nacht in Venedig“. Die Melodien hat er monatelang nachgesungen und das Stück in einem kleinen improvisierten Theater in Omas Esszimmer nachgespielt. Charles lebt im 4. Bezirk in Wien, auf der Isle of Wight und in Bellinzona, Tessin.

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