Die Weiße Rose © Jonas Melcher
Von der Kunst, ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte packend und unterhaltsam als Musical zu inszenieren
Im Festspielhaus Neuschwanstein erlebte im Juni 2025 ein ungewöhnliches Musical-Projekt seine Uraufführung: „Die Weiße Rose“ erzählt vom Werden und Wirken der Widerstandsgruppe um das Geschwisterpaar Hans und Sophie Scholl während der Zeit des Nationalsozialismus.
Schon vier Monate nach ihrem Bühnenstart wurde „Die Weiße Rose“ von einer Fachjury beim „Deutschen Musical Theater Preis 2025“ in sieben Kategorien ausgezeichnet.
Würde das Resümee des zahlenden Publikums ähnlich ausfallen?
Im Berliner Admiralspalast startete dieser Tage eine Tournee der Produktion durch sechs deutsche Städte.
Die Weiße Rose
Musical von Vera Bolten (Buch, Songtexte und Regie)
und Alex Melcher (Musik, Songtexte und Arrangements)
Choreographie: Bart De Clercq
Illustrationen: Jens Hahn
Musikalische Leitung: Johannes Still
Admiralspalast Berlin, 13. Juni 2026
von Ralf Krüger
Der Autor dieser Zeilen spürte noch den schalen, bitteren Geschmack beim Verlassen des Theaters. Er hatte soeben grausamen Verhören und einem mehrfachen Todesurteil beigewohnt. Doch schon bald überlagerte ein weitaus angenehmeres Gefühl diesen Moment. Mir wurde bewusst, ich hatte ein großartiges, ja, außergewöhnliches Theaterstück erlebt. Zwar als Musical angekündigt, war es (aus meiner Sicht) stellenweise ein Schauspiel mit Bühnenmusik und korrespondierenden Songs. Der Wortanteil war weitaus höher als bei anderen Werken des Genres.
„Die Weiße Rose“ hat ein Thema zum Inhalt, das seit den Schultagen in mir schlummerte und jetzt in diesen Stunden erst wieder ins Bewusstsein rückte – mit all seiner Brisanz und den gefühlten Parallelen in die Gegenwart.
Auf dem Ticket steht: „Ein Musical über Umdenken, Verantwortung und Mut“.
Und so gehe ich aus dem Theater hinaus in den Berliner Abend und nehme mir die Freiheit zu entscheiden, wie viel davon ich in meinen Alltag, in meine Gedankenwelt hineinlassen werde.
Ich habe diese Freiheit. Die Helden der „Weißen Rose“ damals hatten sie nicht.
Die Produzenten vom Festspielhaus Neuschwanstein haben alles richtig gemacht. Es findet sich im Foyer des Theaters eine Reihe von Schautafeln über die Geschichte der vor allem in Süddeutschland agierenden Widerstandsgruppe. Man kann die Lebensläufe von Sophie Scholl und ihren Mitstreitern lesen, es gibt eine kurze mündliche Werkseinführung und ein toll illustriertes und sehr informatives Programmheft. Gesonderte Informationen für Schulklassen stehen online bereit.
Der 1. Akt schlägt einen Bogen vom Jahr 1934 bis hinein ins Kriegsjahr 1942. Wir lernen die Familie Scholl kennen, den Freundeskreis der Geschwister, Kommilitonen, spätere Kameraden. Die positive Stimmung, die von den jungen Leuten dem neuen System entgegengebracht wird, kippt nach und nach – und je länger der Krieg dauert – ins krasse Gegenteil.
Der 2. Akt erzählt vom Widerstand mit Worten: Dem Schreiben von Texten (mit der Schreibmaschine), dem Vervielfältigen (mit einem Matrizendrucker), dem Verschicken per Post (mit 8-Pfennig-Briefmarken) und dem riskanten Verteilen der Flugblätter (in Städten wie München, Köln und Wien).

Andere Musicals steuern an dieser Stelle auf ein Happy End zu. Hier wird es ein Ende mit Schrecken und das heißt Verrat, Verhaftung, Verhör, Volksgerichtshof …
Friederike Zeidler als Sophie und Jonathan Guth als Hans Scholl spielten das Geschwisterpaar schon bei der Uraufführung vor einem Jahr im Festspielhaus Neuschwanstein und begleiten in diesen Rollen die aktuelle Tournee. Mit neun weiteren Darstellern bringen sie die spannende, dynamische Handlung auf die große Bühne des Admiralspalastes. Ausgestattet mit einer zweiten Ebene, zwei verschiebbaren Treppen und Unmengen von Holzschemeln sind die Requisiten eher karg gehalten, werden aber durch eine schöne Bühnenbild-Idee ergänzt.

Jens Hahn schuf eine Reihe digitaler Zeichnungen – man denke dabei an Karikaturen in Tageszeitungen – die eine anheimelnde Atmosphäre schaffen, wie zum Beispiel den Wohnbereich der Familie Scholl.
Sieben Musiker unter der Leitung von Johannes Still begleiten das Stück mit einem durchweg rockigen Sound, der starke Songs, aber auch ruhige Balladen zulässt. Manche der Darstellerinnen und Darsteller haben eine absolute „Rock-Röhre“ und man möchte ihnen gerne länger zuhören. Doch die meisten Lieder enden abrupt und gehen sofort in Dialoge über. Alle Beteiligten singen und sprechen deutlich und textverständlich, so dass man der Handlung zu jeder Zeit folgen kann.
Vera Bolten und Alex Melcher haben das Kunststück fertiggebracht, aus einem ernsten Thema abseits des Mainstreams ein Stück Musiktheater zu formen. Ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte in ein Musicalformat zu gießen, das für die Schulvorstellung am Vormittag genauso geeignet ist, wie für den Samstagabend mit einem Mehr-Generationen-Publikum. Das muss ihnen erstmal jemand nachmachen! Respekt – und viel Erfolg für die Tournee!

Und dann ist da noch diese zarte Liebesgeschichte inmitten der Handlung, dieser kleine Moment des Glücks zweier Liebenden über Entfernungen hinweg. Das ist so schön dargestellt – mindestens zweimal kann das Publikum daran teilhaben:
Sophie und ihr Verlobter Fritz stehen zusammen auf der Bühne, berühren sich und lesen sich gegenseitig ihre Briefe vor. Sie sind nur hier im Theater und in ihrer beider Phantasie vereint. Fritz ist als Offizier im Krieg und weit über tausend Kilometer von seiner Freundin entfernt.

In Zeiten, da fast keiner mehr einen Brief schreibt, wirkt dieser Moment doppelt und nachhaltig in einem.
Das Programmheft schreibt, dass Fritz Hartnagel (Louis Dietrich) den Krieg überlebte, später der Familie Scholl zur Seite stand und Elisabeth Scholl, die Schwester von Sophie und Hans heiratete. Er engagierte sich in der Friedensbewegung und lebte bis 2001.
Sophies Leben endete am 22. Februar 1943.
Ralf Krüger, 15. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Informationen und Tickets zur Tournee der „Weißen Rose“ findet man auf der Website DIE WEISSE ROSE Tour 2026