Sommereggers Klassikwelt 210: Dem großen Piotr Iljitsch Tschaikowski zum 130. Todestag

Sommereggers Klassikwelt 210: Dem großen Piotr Iljitsch Tschaikowski zum 130. Todestag  klassik-begeistert.de, 8. November 2023

Heute gehört Tschaikowski zu den weltweit meist gespielten Komponisten, sein kompliziertes Leben kann man mit einiger Sensibilität aus seinen Werken heraushören.

von Peter Sommeregger

Die Musik des großen russischen Komponisten, egal ob Oper, Symphonie oder Klavierkonzert, vermittelt viel von der Schwermut, die ein lebenslanger Begleiter Tschaikowskis war. Das ist nicht nur melancholische slawische Seele, da steckt auch ein großes Maß an persönlicher Tragik darin.

Seine Familie stammte in Teilen aus der Ukraine, in seinem gut situierten Elternhaus verlebte er eine behütete Kindheit, seine musikalische Mutter und eine französische Gouvernante entdeckten und förderten das musikalische Talent des jungen Piotr. Der am 7. Mai 1840 in Wotkinsk im Ural, dem damaligen Wohnort der Familie geborene Piotr Iljitsch war von seinem Vater für eine gehobene Beamtenlaufbahn vorgesehen, diesen Weg schien er auch widerspruchslos einzuschlagen.

Gelangweilt und frustriert von seiner eintönigen Tätigkeit entschloss sich der junge Beamte aber überraschend, ein Musikstudium am neu von Anton Rubinstein gegründeten Petersburger Konservatorium zu beginnen. Bereits 1865 erhält er dort sein Diplom und wechselt 1866 als Theorielehrer an das Moskauer Konservatorium, wo er in Nikolaj Rubinstein, Antons Bruder, einen verständnisvollen Lehrer und Förderer findet. Zu dieser Zeit entstehen bereits mehrere Kompositionen, darunter eine erste Symphonie.

Erste Opernprojekte hatten noch nicht den gewünschten Erfolg, sein 1. Klavierkonzert wurde nach negativer Beurteilung durch Nikolaj Rubinstein aber von Hans von Bülow zur Uraufführung angenommen, die 1875 in Boston stattfindet. Heute zählt dieses Konzert zu den bekanntesten Werken des Komponisten.

Tschaikowski, der homosexuell war, litt Zeit seines Lebens unter dieser, zu jener Zeit gesellschaftlich geächteten Veranlagung. Im Jahr 1876 besucht er als Kritiker die ersten Bayreuther Festspiele, leidet aber verstärkt unter Depressionen. Um diese Zeit beginnt ein Briefwechsel mit Nadeshda von Meck, einer reichen Witwe, die ihn finanziell fördert, und zu seiner Vertrauten wird, obwohl beide einen persönlichen Kontakt bewusst vermeiden. In dieser Zeit hat der Komponist eine Liebesbeziehung mit einem ehemaligen Schüler, Iosif Kotek.

1877 biedert sich ihm eine Frau namens Antonina Iwanowna Miljukowa brieflich an. Tchaikowski beschließt, sie zu heiraten, um von seiner Homosexualität abzulenken. Die nie vollzogene Ehe entwickelt sich zur Katastrophe für den sensiblen Musiker und stürzt ihn in eine tiefe Krise. Schnell trennt er sich wieder von seiner Frau, die Ehe wird allerdings nie geschieden.

Tschaikowskis Ruhm verbreitet sich in Russland, aber auch in weiten Teilen der Welt, ab dem Ende der 1870er Jahre entstanden die Opern Eugen Onegin, Die Jungfrau von Orleans, das Ballett Schwanensee sowie Orchesterwerke. Anfang der 1880er Jahre durchlebt er wieder eine depressive Phase, die seine Produktivität lähmt. Nachdem diese überwunden ist, entstehen weitere Meisterwerke wie die Oper Mazeppa, die Manfred-Symphonie nach Byron und weitere Orchesterwerke.

1888 unternimmt er eine ausgedehnte Deutschland-Tournee, 1889 ist er erneut in Deutschland und der Schweiz konzertierend unterwegs. Nun entstehen die letzten großen Werker, u.a. die Oper Pique Dame und das Ballett Der Nussknacker. Tschaikowski befindet sich auf dem Gipfel seiner Kunst und seines Erfolges. Am 28, Oktober 1893 dirigiert er in St. Petersburg die Uraufführung seiner 6. Symphonie, der Pathétique.

Tschaikowskis Grabstein in St. Petersburg Von A.I. – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org

Am 3. November erkrankt er, und erliegt am 6. November der Cholera. Bis heute wird spekuliert, der Komponist hätte sich bewusst in selbstmörderischer Absicht mit der Krankheit infiziert, bewiesen ist dies nicht.

Heute gehört Tschaikowski zu den weltweit meist gespielten Komponisten, sein kompliziertes Leben kann man mit einiger Sensibilität aus seinen Werken heraushören.

Peter Sommeregger, 8. November 2023, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Sommereggers Klassikwelt (c) erscheint jeden Mittwoch.

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Riccardo Muti und Anna Netrebko. Seit 26 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der deutschen Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen.‘ Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de.

NDR Elbphilharmonie Orchester/Joshua Bell und Alan Gilbert Elbphilharmonie, 3. November 2023

Eugen Onegin, Oper in drei Akten von  Pjotr I. Tschaikowsky Staatstheater Augsburg, Premiere  8. Oktober 2023

Pjotr I. Tschaikowsky, Pique Dame, Oper in drei Akten und sieben Bildern Semperoper Dresden, 15. Juli 2023

Berliner Philharmoniker, Kirill Petrenko, Peter Tschaikowsky: Symphonie Nr. 6 »Pathétique«, CD-Besprechung

Peter I. Tschaikowsky, Schwanensee, Deutsche Oper Berlin

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