Sommereggers Klassikwelt 24: Jonas Kaufmann – Kunst versus Kommerz

Sommereggers Klassikwelt 24: Jonas Kaufmann – Kunst versus Kommerz  klassik-begeistert.de

Foto: © Gregor Hohenberg / Sony Classical

Sicher, es ist Kaufmanns Entscheidung, das alles mitzumachen, aber man wird den Eindruck nicht los, dass da auch deutlicher Druck von seiner Agentur und seiner Plattenfirma gemacht wird. Die wollen die Kuh melken, solange sie Milch gibt.

von Peter Sommeregger

Der Sänger Jonas Kaufmann gehört heute zweifellos zu den populärsten und – mit Vorbehalt – besten Tenören der Welt. Diesen Status hat er sich hart erarbeitet, in den Schoß fällt einem eine solche Karriere nicht. Über die Jahre konnte man mit Bewunderung beobachten, wie sich der Sänger vom lyrischen Repertoire allmählich zum schwereren Fach, auch zu Wagner-Partien hin behutsam entwickelte. Mit seinem Lehrer und Mentor Helmut Deutsch gab er bemerkenswerte Liederabende, speziell seine Schubert-Interpretationen genügten höchsten Ansprüchen. Dass in seiner Stimme stets ein baritonaler Kern mitschwingt, gibt seinem Gesang sogar einen besonderen Reiz.

An so einem Talent und Publikumsliebling konnte die Not leidende Tonträgerindustrie natürlich nicht vorbei gehen. Erschienen seine ersten Aufnahmen noch auf kleineren Labels, so sicherte sich die DECCA später mit einem Exklusiv-Vertrag den Künstler, der hohe Auflagen seiner CDs versprach. Was Kaufmann einige Jahre später bewog, zum SONY-Konzern zu wechseln, ist nur für Branchen-Insider interessant, aber wie sehr dessen Vermarktungspolitik Kaufmanns Karriere bestimmt und inzwischen negativ beeinflusst, wird immer erschreckender deutlich.

Verfahren wird nach einem Prinzip, das man früher eher aus der Pop-Kultur kannte: Der Künstler veröffentlicht jedes Jahr ein Concept-Album, eine Zusammenstellung von Nummern , die unter einem bestimmten Sammelbegriff stehen. War es erst Verdi, folgte bald Puccini, dann waren es französische Opernarien, zwischendurch eine „Winterreise“, um den Schubert-Interpreten nicht zu kurz kommen zu lassen. Die populäre Schiene wurde mit Schlagern der 20er-Jahre, italienischen Gassenhauern, zuletzt mit einer programmatisch WIEN betitelten CD bedient. Man kann den Marketing-Strategen des Konzerns durchaus Geschick bei der Entwicklung dieser Projekte bescheinigen.

Kaufmann und sein Label könnten also hoch zufrieden sein, nachdem jede dieser CDs sofort nach Erscheinen die Charts eroberte. Aber auch hier gilt das Prinzip: Wer viel hat, will noch mehr. Und so wird der ohnehin gut gebuchte Sänger jeweils mit dem Programm der aktuellen CD auf Tourneen geschickt, die sich oft über mehrere Monate erstrecken, wobei die Auftrittsorte ebenfalls einer ausgeklügelten Strategie folgen. Kaufmanns künstlerischer Ehrgeiz will daneben aber auch noch befriedigt sein, und so wechseln sich anspruchsvolle und kräftezehrende Opernpartien mit Solokonzerten ab.

Wirft man einen Blick auf Kaufmanns Termine des Jahres 2020, wird einem angst und bange. Noch ist die ausladende WIEN-Tournee nicht zu Ende, tritt Kaufmann in London sechs Mal in einer neuen Fidelio-Produktion auf, um sich im April in das Abenteuer eines konzertanten dritten Tristan-Aktes in Boston und New York zu stürzen, der Mai sieht ihn in Paris für fünf Walküre-Aufführungen, zwischen deren zwei wird er flugs nach Wien eingeflogen, um dort beim Schönbrunner Sommernachtskonzert aufzutreten. Eine Sommerpause gönnt sich der Künstler nicht, selbst die Arena von Verona wird Ende Juni mit einem Konzert bedient und dann sind da noch die Münchner Opernfestspiele.

© Gregor Hohenberg / Sony Classical

Sicher, es ist Kaufmanns Entscheidung, das alles mitzumachen, aber man wird den Eindruck nicht los, dass da auch deutlicher Druck von seiner Agentur und seiner Plattenfirma gemacht wird. Die wollen die Kuh melken, solange sie Milch gibt. Versiegt diese Quelle, findet sich eine andere, aber Kaufmann besitzt nur diese eine Stimme. Für ihn gilt es inzwischen, zwei Familien zu ernähren und für die Zeit nach der Karriere muss schließlich auch noch vorgesorgt werden.

Dem konsumierenden Publikum könnte das eigentlich gleichgültig sein, aber es ist nicht mehr zu überhören und zu übersehen, dass Kaufmann zunehmend als Getriebener wirkt. Er wirkt aktuell ein wenig aufgedunsen, und aktuelle Kritiken seiner WIEN-Konzerte stellen erhebliche stimmliche Defizite fest. Hardcore-Fans, die bekanntlich eine ganz eigene Spezies sind, hören so etwas nicht oder wollen es nicht hören. Man kann nur hoffen, dass Kaufmann selbst es wahrnimmt.

Was aber noch stärker ins Gewicht fällt, ist der künstlerische Aspekt dieses Raubbaus. Wie sollte es möglich sein, an jedem dieser Abende, gleich ob Robert Stolz oder Richard Wagner, ein Optimum an künstlerischer Präsenz und Leistung abzuliefern? Das hieße, Unmögliches zu verlangen, und so gesehen versündigt Kaufmann sich an seinem großen Talent und künstlerischen Potential. Gerade in der Kunst ist weniger zumeist mehr, auch bei reduzierten Auftritten Kaufmanns müssten er und seine Familie sicher keine Not leiden.

Peter Sommeregger, 25. Februar 2020 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Peter Sommeregger

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Ricardo Muti und Anna Netrebko. Seit 25 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen.‘ Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de .

9 Gedanken zu „Sommereggers Klassikwelt 24: Jonas Kaufmann – Kunst versus Kommerz
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  1. Sehr geehrter Herr Sommeregger,

    dass Agenturen und Plattenfirmen Druck auf Künstler ausüben, ist bekannt und ist sicher nicht nur bei Herrn Kaufmann der Fall. Hier möchte ich zu bedenken geben, daß Vertragsabschlüsse bei Künstlern in dieser „Preisklasse“ meist bis zu fünf Jahren zurückliegen. Herr Kaufmann hatte schon im vergangenen Sommer verlauten lassen, in Zukunft etwas kürzer treten zu wollen. Die bereits geschlossenen Verträge müssen aber erfüllt werden. Zudem sind seine künstlerischen Leistungen zwischen den CD-Veröffentlichungen ohne Zweifel weiterhin hochrangig, wie z.B. zuletzt die „Tote Stadt“ in München. Man wartet jetzt gespannt auf den „Fidelio“ in London und natürlich auf die „Tristan“-Interpretation in Boston/New York, die er ja klugerweise stückchenweise angegangen ist.
    Freundliche Grüße
    Angelika Evers

  2. Guten Tag!

    Ja die Preisklassen sind schon erstaunlich. Soeben im Vorverkauf am 3.1.2021 in der Elbphilharmonie
    Andrea Bocelli – Programm wird nicht angegeben.
    Preisklassen 249.- 297,- 398.- 497.- 779.- EURO !!!!!!!!!!!!!!!
    Eigenartigerweise sind die Preisklassen in Mannheim und Leipzig im Sommer bedeutend
    günsiger.

    Gruß
    Bernd Volmer

    1. Hern Bocelli in der Elbphilharmonie sooo teuer anzubieten, ist eine Unverschämtheit, selbst Tosca-Karten für Jonas Kaufmann kosten regulär unter 350 €…

      Es dürfte allgemein bekannt sein, dass Herrn Bocellis tenorale Qualitäten niemals mit Herrn Kaufmanns Stimme zu vergleichen sind.

      Hr. Bocelli hat ein nettes Timbre mit mittelmäßiger Technik und ist kein klassischer Tenor, sondern ein U-Tenor mit klassisch angehauchtem Sound.

      YS

  3. Tja, was sich der Autor hier herausnimmt, ist schon allerhand.
    Neben unangemessenen Bemerkungen über Kaufmanns Privatleben (er hat keineswegs 2 Familien zu versorgen, sondern eine mit 4 Kindern), maßt er sich Kritiken über Konzerte an, die Kaufmann trotz Hustens nicht abgesagt, sondern dem Publikum ermöglicht hat.
    Bemerkungen über sein Äußeres grenzen an Beleidigung; er hat wohl die Youtube-Übertragung aus London am Montag nicht geehen, wahrscheinlich keine Ahnung gehabt, dass es die überhaupt gibt!
    Dass der Übergang von DECCA zu Sony mit dem zukünftigen Direktor der Wienser Staatsoper in Zusammenhang steht, hätte durchaus der Erwähnung bedurft.
    Was die „künstlerische Qualität“ der erwähnten CDs betrifft, greift der Autor nun endlich grob daneben. Wie jeder Sänger bestätigt, ist Oper keineswegs anspruchsvoller als Operette…… Das Italienische Liederbuch, Das Lied von der Erde und das im Herbst in NY startende Schwanengesang-Projekt hat er geflissentlich weggelassen, weil diese nicht in sein Verdammungs-Schema passen…

    Waltraud Riegler

  4. Wer Decca zugunsten Sony verlässt, verlässt den hohen künstlerischen Anspruch zugunsten des Kommerz. Und das, obwohl Decca Kaufmann behutsam bekannt gemacht hat, als dieser noch singen konnte. Wer dann auch noch gegen Decca vorgeht, weil die einige ERWORBENE Aufnahmen (Puccini) publizieren, was Sony nicht in den Kram passt, der unterwirft sich ganz den treibenden Medien und der rabiaten Agentur Zemsky-Green.
    Davon abgesehen: Kaufmann ist heute der am meisten überschätzte Sänger unserer Zeit. Als er Mozart hinter sich ließ – ein grober Fehler – und sich dem Diktat, ein viriler, maskulin aufgespritzter Tenor zu werden, unterzog, war das der Beginn des Niedergangs eines einst sehr guten Organs. Verismo in dieser Menge, Wagner zu Hauf, Rollen wie Manrico, Alvaro, Chénier, Cavaradossi und zuletzt gar Otello müssen ein dafür nicht geeignetes Organ nachhaltig beschädigen. Es kommt nicht darauf an, was man singen will oder was die Agenturen und Medien verlangen, sondern darauf, welche Möglichkeiten eine Stimme hat. Kaufmann hat Registerbrüche, falsche Piani, er dunkelt künstlich ein, singt guttural und mit Anstrengung und in den Höhen im Piano hören wir nur noch Falsett, ein Hauchen.
    Vollends scheitert er mit Otello, eine Rolle, die ganz andere stimmliche Kategorien erfordert, überragende Durchschlagskraft, squillo, attacca, auch in der Lyrik eine starke Linie. All das fehlt, und man denkt entsetzt an Vickers, Checchele, Cossuta, del Monaco, Vinay etc. Verdi selbst setzte den Maßstab mit der Verpflichtung Tamagnos. Einzig mit Werther (das liegt lange zurück) erreichte Kaufmann das Besondere. Das lag auch an seiner natürlich vorhandenen voix mixte. Das Französische Fach hätte er ausbauen müssen, ließ es aber wie auch Mozart hinter sich. Letztlich ist die über die Jahre erschreckende Anzahl von Auftritten für das Dilemma verantwortlich. Sehen Sie sich Flórez an. Er sang nie eine ungeeignete Rolle, ließ sich nie diktieren, verließ Zemsky-Green klugerweise und ist immer besser geworden. Mühelos erreicht er heute sogar noch ein brustgestütztes hohes D, wohingegen Kaufmann nicht einmal ein echtes körperverankertes C besitzt und oft unter Ton singt.

    Richard Clark

    1. Lieber Herr Clark,

      was Sie über Herrn Flórez schreiben, entspricht ganz meoner Meinung.

      Er ist ja inzwischen vom Rossini u. koloraturagilem Tenor ins lyrische Fach gewechselt, mit profunder Mittellage, Attacke, da wo es benötigt wird und nach wie vor endlosen Legatobögen, diminuendi, crescendi u decrescendi und fantastischer, voller gewordener Höhe.

      Schön, dass Sie seine vokalen heutigen Möglichkeiten hier entsprechend erwähnt haben.

      YS

  5. Sehr geehrter Herr Sommeregger,
    Ihr Artikel erstaunt mich schon etwas, da er oft mit den Tatsachen, auf denen Sie Ihre Meinung aufbauen, nicht übereinstimmt.
    1. Er wechselte von DECCA zu SONY, weil er dem Leiter der Klassikabteilung, Bogdan Roscic, folgte, mit dem er offensichtlich eine gute Gesprächsbasis hatte und hat (wie die Ankündigung von mehr Präsenz an der WSO zeigt).
    2. Was Sie „Concept-Alben“ nennen, ist nicht aufgezwungene Vermarktungspolitik, sondern Intention von Kaufmann, wie er schon in frühen Interviews betonte. Bereits das zweite Album bei DECCA zeigt das. Kaufmann ist kein Freund von einem Gemischtwarenladen auf CD. Dass das Durchziehen dieser Strategie nicht immer einfach ist, erwähnte er bei Alben wie L‘OPERA, WINTERREISE oder WIEN. Das sind in den USA keineswegs Renner, die benötigen den europäischen Markt. In den amerikanischen Foren fragte man sogar, „was“ Wien sei!
    3. Dass eine gut geplante einmonatige Tournee weit weniger anstrengend ist als das ständige Fliegen von einem Opernhaus zum nächsten, um jeweils ein paar Vorstellungen der unterschiedlichsten Opernrollen zu singen (wie das viele Sänger tun), sollte auch einleuchten.
    4. Auftritte: 2018 noch 62, 2019 nurmehr 38 (mit den „Tosca“-Absagen ein paar mehr), 2020 bisher + geplant 44 (ein paar werden wohl noch in Wien dazukommen). Über die letzten Jahre hinweg immer gut ausgewogen zwischen Bühne, Konzert und Liederabend, mit leichtem Übergewicht bei letzterem. Das Schönbrunnkonzert fällt in eine Lücke von einer Woche zwischen zwei „Walküren“ (19. – 27. 5.). Keine „Sommerpause“? Doch, K. macht seit Jahren im September Urlaub. Alles ganz leicht im Internet zu recherchieren.
    5. Die Defizite bei den WIEN-Konzerten waren einer schweren Erkältung geschuldet. (Nürnberg abgesagt) Punkt.
    6. Und man muss nicht über Aufgedunsenheit spekulieren, wenn man weiß, dass Medikamente gegen Allergien kurzfristige Nebenwirkungen haben können.

    Eine detaillierte Reaktion auf R. Clark erübrigt sich. Seit mehr als 15 Jahren werden unter verschiedenen Namen fast wortwörtlich die gleichen Auslassungen gepostet. Unsinn wird auch bei der x-ten Wiederholung nicht richtiger. Übrigens ist die Aufnahmetechnik für Klassik bei DECCA leider nicht mehr die beste. Und wie Sie einem Klavierstimmer (absolutes Gehör) einreden wollen, dass Kaufmann unter Ton singt, will ich erleben!

    Hochachtungsvoll
    Eva Arts

    1. Richard Clark hat völlig Recht mit allem was er sagt. Er hat auch nie unter anderen Namen publiziert. Schon merkwürdig wie Frau Arts Sony das Wort redet. Und dass Kaufmann oft zu tief intoniert, hört schon ein Laie. Oft genug transponierte man auch Partien nach unten für ihn. Das ist in der Branche kein Geheimnis. Und Deccas Aufnahmetechnik schlecht zu machen, zeugt von barer Unkenntnis. Kaufmann setzt bei manchen Logik und Offensichtliches außer Gefecht.
      Und Verdi-Rollen? Verdi sicuramente non si sente onorato.

      Franco Bastiano
      Paris

      1. Sehr geehrter Herr Bastiano (m.a.) aus Paris/Bologna!
        Persönliches Insultieren belegt nicht die Richtigkeit einer Behauptung sondern höchstens deren Niveau.
        Mit sehr freundlichen Grüßen
        Dr. Eva Arts

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