Sommereggers Klassikwelt 32: Wer jetzt kein Haus hat…

Sommereggers Klassikwelt 32: Wer jetzt kein Haus hat…  klassik-begeistert.de

Foto: Staatsoper Unter den Linden, Berlin, © Gordon Welters

von Peter Sommeregger

Berlin leistet sich den Luxus von drei Opernhäusern, was zum Teil in der Stadtgeschichte begründet liegt. Die heutige Staats-, früher Hofoper Unter den Linden entstand in der Barockzeit, erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Charlottenburger Opernhaus von der damals noch selbständigen Kommune Charlottenburg erbaut, das wir heute unter dem Namen Deutsche Oper kennen. Was heute als Komische Oper firmiert, sind die Reste des ehemaligen Metropol-Theaters, das nach dem 2. Weltkrieg von der DDR als Opernhaus wieder eröffnet wurde. So viel zur Vorgeschichte der aktuellen Situation.

Die Deutsche Oper, auch sie unter Einbeziehung alter Gebäudeteile nach dem Krieg neu errichtet, wurde in der Zeit der Teilung der Stadt von der Bundesrepublik hoch subventioniert, was sich nicht zuletzt in glanzvollen Sängerbesetzungen niederschlug. Die Staatsoper Unter den Linden griff dagegen auf die Sängerprominenz des so genannten Ostblocks zurück. In der Komischen Oper wurde unter der Intendanz Walter Felsensteins großes Regietheater zelebriert, das in seiner Perfektion mit den heutigen Auswüchsen gleichen Namens nichts zu tun hatte.

Dies war die Ausgangssituation, als die Berliner Stadthälften wieder zusammenwuchsen. Der Umgang mit den drei Häusern von Seiten des Kultursenats war in der Folge milde gesagt suboptimal, bis man sich zur Einrichtung der so genannten Opernstiftung durchrang, die ein wenig Ruhe in die komplizierte Gemengelage brachte.

Was aber als neues Problem bald offenkundig wurde, war der bauliche Zustand der drei Häuser. 1955 eröffnete die nach der Zerstörung im 2. Weltkrieg wieder aufgebaute Staatsoper, spätestens in den Nullerjahren des neuen Jahrhunderts war die marode gewordene Bausubstanz zu einer Gefahr für den Spielbetrieb, ja sogar für das Publikum geworden. Was folgte, war ein Trauerspiel in mehreren Akten. Ein ausgelobter Wettbewerb zur Grundsanierung brachte ein überraschendes Ergebnis, ein kühner, und ästhetisch ansprechender Entwurf für eine völlige Umgestaltung des Zuschauerraumes ging als Sieger hervor. Das gefiel aber einigen konservativen Entscheidungsträgern überhaupt nicht. Das Wettbewerbsergebnis wurde ignoriert, und die Sanierung ohne weitere Ausschreibung an einen Unternehmer vergeben, der schon zuvor an der Endlos-Sanierung der Staatsbibliothek gescheitert war.

Daniel Barenboim, der  auf der Anhebung der Saalhöhe aus akustischen Gründen bestand, wollte zudem die Bauzeit so kurz wie möglich halten, was sich auf Grund chaotischer Vorgehensweise schließlich als Bumerang erwies. Am Ende stand ein finanzielles und organisatorisches Desaster, mit vielfach überschrittenen Kosten und Terminen. Und das Resultat? Nachdem sich der Denkmalschutz massiv in die Planung eingemischt hatte, wurde so wenig wie möglich an dem Ambiente verändert, das DDR-Rokoko inklusive der drangvollen Enge des Hauses wurde konserviert. Am Ende wollte natürlich niemand an der Explosion der Baukosten und Terminüberschreitungen schuld sein, ein Untersuchungsausschuß endete wie das berühmte Hornberger Schießen.

Die Deutsche Oper hat es dagegen bis jetzt geschafft, die auch dort dringlichen Sanierungsarbeiten phasenweise durchzuführen, und auf mehrere Jahre zu strecken. So konnte ein Umzug ins Schillertheater vermieden werden, das überlange Exil der Staatsoper in diesem Haus wirkte wohl als warnendes Beispiel.

Komplizierter liegen die Dinge bei der auch schon lange aufgeschobenen Grundsanierung der Komischen Oper. In den letzten Jahren hatte der Architekt Stefan Braunfels mit sparsamen Mitteln die Foyers, Garderoben und sanitären Einrichtungen neu gestaltet, speziell die Verspiegelung der Foyers fand großen Anklang und stellte eine deutliche ästhetische Verbesserung dar. Dann aber kam erneut die oberste Denkmalbehörde ins Spiel, ihre Vorstellung von der Sanierung des Hauses lässt einen am gesunden Menschenverstand zweifeln. Angestrebtes Ziel ist die Wiederherstellung des baulichen Zustandes zur Zeit der Wiedereröffnung des Hauses 1947. Also weg mit Braunfels‘ eklatanten Verbesserungen, in die Tonne mit der aufgehübschten Optik. Wir wollen die DDR-Tristesse zurück! Sollten da etwa ganz bestimmte ewig gestrige Seilschaften am Werk sein? Zumindest ein Anfangsverdacht liegt nahe. Barrie Kosky wusste sehr genau, warum er seine Intendanz vor dem angestrebten Beginn der Sanierungsarbeiten beendet.

Foto: © Jan Windszus, Barrie Kosky

Was  unbestritten sichtbar wird, ist die Unfähigkeit der öffentlichen Hand komplizierte Großprojekte transparent und unter Wahrung des Kosten- und Terminrahmens durchzuführen. Sollte das Projekt Komische Oper erneut zu einer Geldverbrennungs-Maschine geraten? Vielleicht führt ja das durch die Corona-Krise entstehende finanzielle Desaster zu einer Revision der Planung, denn: Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr – wusste schon Rainer Maria Rilke.

Peter Sommeregger, 22. April 2020 für
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Peter Sommeregger

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Ricardo Muti und Anna Netrebko. Seit 25 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen.‘ Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de .

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