Sommereggers Klassikwelt 53: Isabel Strauss – ein Leben wie eine Oper

Sommereggers Klassikwelt 53: Isabel Strauss – ein Leben wie eine Oper  klassik-begeistert.de

von Peter Sommeregger, Berlin

Der Name Isabel Strauss wird heute nur noch den wenigsten Opernfreunden ein Begriff sein, immerhin ist die Sopranistin bereits 1973 gestorben. Ein Blick auf ihren Lebensweg ist hoch interessant und zeigt, dass sich manchmal Leben und Oper erstaunlich ähneln.

Die 1926 in Gelsenkirchen geborene Margot Maria Strauss studierte ab 1944 an der Folkwang-Schule in Essen Gesang, musste dieses Studium aber kriegsbedingt bis 1946 unterbrechen. Am 31.5.1950 beendete sie ihr Studium mit einem Abschlusskonzert und wurde an das Opernhaus in Essen engagiert. Dieses Engagement trat sie aber offensichtlich nicht an, da sie inzwischen geheiratet hatte und mit ihrem Ehemann bereits im Juli 1950 nach Chile auswanderte. Dort änderte sie ihren Vornamen in Isabel und sang an verschiedenen Opernhäusern, so in Santiago de Chile, Buenos Aires und Rio de Janeiro ein breit gefächertes Repertoire das von Mimi in „La Boheme“ bis Saffi im „Zigeunerbaron“ reichte. Gelegentlich trat sie in Santiago auch an einer deutschsprachigen Bühne als Schauspielerin auf.

Ihre Ehe wurde 1954  geschieden, und Isabel Strauss kehrte nach Deutschland zurück. In zweiter Ehe heiratete sie in München  den Schauspieler Til Kiwe. Bis 1957 unterbrach sie ihre Karriere, weil sie inzwischen Mutter eines Sohnes und einer Tochter geworden war.

Ein mehrjähriges Engagement führte sie nach Bern, wo sie u.a. auch dramatische Rollen wie die Fidelio-Leonore und Senta im „Fliegenden Holländer verkörperte. Bereits zu dieser Zeit lernte sie in Bern den  österreichischen Chorleiter und Kapellmeister Fritz Janota kennen. Janota hatte in Wien bei Hans Swarowsky studiert und begann eine erfolgversprechende Karriere, ab 1967 war er Generalmusikdirektor am Landestheater Oldenburg. Strauss‘ familiäre Situation erschwerte die Verfolgung ihrer Karriere, zunehmend traten Spannungen in ihrer Ehe auf. Im Laufe der 1960er Jahre erweiterte sie ihr Repertoire ins hochdramatische Fach, sang Partien wie Sieglinde, Brünnhilde, Ortrud und Kundry. Verschiedentlich trat sie in Brüssel und Paris auf, war aber an keinem Haus mehr fest engagiert.

Ab 1972 erarbeitete Fritz Janota am Oldenburger Landestheater einen „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner. Isabel Strauss sollte darin die Brünnhilden singen, ein Mitschnitt von der Premiere der „Götterdämmerung“ vom 15. September 1973 hat sich erhalten. Danach nahm die Tragödie um Strauss und Jonata ihren Lauf. In einem Wald bei Bern leiteten die beiden am 5. Dezember 1973, wenige Tage vor Janotas 40. Geburtstag die Abgase ihres Autos in den Wagen und begingen auf diese Weise Selbstmord. Beide waren anderweitig verheiiratet und sahen offenbar für ihre Beziehung keinen anderen Ausweg. Isabel Strauss wurde in München beigesetzt, später fanden in dem Grab auch ihre Mutter, und schließlich ihr Witwer Til Kiwe ihre letzte Ruhestätte.

Ein wenig unsterblich gemacht hat sich Isabel Strauss durch die Verfilmung und Plattenaufnahme von d’Alberts Oper „Tiefland“. Noch bedeutender ist die Gesamtaufnahme  von Alban Bergs „Wozzeck“ unter Pierre Boulez, in der sie die Rolle der Marie singt. Bis heute gilt diese Einspielung zu Recht als Referenzaufnahme. So ist zumindest ein wenig von der Persönlichkeit von Isabel Strauss bewahrt geblieben.

Peter Sommeregger, 15.September 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik- begeistert.at

Ein Gedanke zu „Sommereggers Klassikwelt 53: Isabel Strauss – ein Leben wie eine Oper
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  1. Danke für diesen schönen und so traurigen Bericht über Isabell Strauss.
    Als Einspringerin für Helene Werth konnte ich sie in den 60er-Jahren in der Hamburgischen Staatsoper als Ortrud in „Lohengrin“ erleben.
    Einen großen Beifall gab es für sie nach ihrer Szene „Entweihte Götter“.
    Auf YOUTUBE gibt es einen kurzen Auftritt mit ihr als Ortrud, 3.Akt,
    mit Windgassen, Grümmer unter Clemens Krauss -konzertant-

    Hans-B. Volmer

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