Sommereggers Klassikwelt 87: Dennis Brain – Wen die Götter lieben, den nehmen sie früh zu sich

Sommereggers Klassikwelt 87: Dennis Brain – Wen die Götter lieben, den nehmen sie früh zu sich

Bildquelle: Warner Classics

„Seine erfreulich vielen Platteneinspielungen sind bis heute Referenzaufnahmen, in Fachkreisen ist sein Name auch mehr als sechzig Jahre nach seinem Tod immer noch in aller Munde und seine Virtuosität auf dem sperrigen Instrument unerreicht.“

von Peter Sommeregger

Dem am 17. Mai 1921, also vor hundert Jahren in London geborenen Dennis Brain wurde das sperrige Musikinstrument Horn gleichsam in die Wiege gelegt. Seine Großvater, Onkel und Vater waren erfolgreiche Solisten auf diesem Instrument. Dennis durfte schon als Kind manchmal das Instrument seines Vaters benutzen, womit seine Musikerlaufbahn eigentlich schon vorgezeichnet war.

Nach anfänglichem Studium der Instrumente Klavier und Orgel wechselte der Teenager an die Royal Academy of Music für das Studium des Horns, unter der Aufsicht seines Vaters, der zu dieser Zeit Hornist im Orchester der BBC war. Das Konzertdebüt von Dennis fand 1938 statt, zusammen mit seinem Vater spielte er ein Brandenburgisches Konzert von Bach. Mit 21 Jahren wurde er Mitglied des National Symphony Orchestra, wurde aber schon bald danach zum Militär eingezogen.

1943 hatte er großen Erfolg mit einer ihm gewidmeten Komposition, Benjamin Brittens Serenade for Tenor, Horn and String, die den eigentlichen  Beginn seiner  Solokarriere markierte. Ursprünglich spielte Brain ein französisches Instrument, wechselte aber etwa 1951 zu einem deutschen Fabrikat.

Zur Zeit des Kriegsendes 1945 war Brain bereits der gefragteste und bekannteste Hornist Englands. Zu dieser Zeit gründeten Walter Legge und Sir Thomas Beecham das Philharmonia und Royal Philharmonia Orchestra. Brain war in beiden Orchestern erster Hornist. Daneben gründete er noch ein Bläser-Quartett, bei dem auch sein Bruder Leonard als Oboist mitwirkte.

Schon frühzeitig wurde Brain für Schallplatten herangezogen, man bescheinigte ihm, der bedeutendste Hornist nicht nur seiner eigenen Generation zu sein. Herbert von Karajan war von Brains Spiel begeistert, und spielte mit ihm mehrere Programme für die Schallplatte ein. Die berühmteste und bis heute vielleicht beste Aufnahme von Mozarts vier Hornkonzerten zeigt den jungen Musiker bereits auf der Höhe seiner Meisterschaft. Dabei war Brain berüchtigt für seinen sorglosen Umgang mit seinem Instrument, das bemerkenswert viele Dellen aufwies.

Als erster Hornist spielte Dennis Brain die beiden anspruchsvollen Hornkonzerte von Richard Strauss unter Wolfgang Sawallisch für die Schallplatte ein. Er war überhaupt einer der ersten Hornisten der sich an das zweite, immens schwierige Konzert wagte.

Privat war der verheiratete Vater zweier Kinder ein Liebhaber schneller Autos. Dirigenten und Musikerkollegen erinnerten sich, neben den Noten hätte man auf seinem Notenständer immer die neuesten Automobilzeitschriften sehen können.

Dieses Faible kostete den gefeierten Musiker leider das Leben. Am 1. September 1957 befand sich Brain auf der Rückfahrt von einem Konzert beim Edinburgh Festival in seinem Triumph-Sportwagen, als er bei Hatfield gegen einen Baum prallte und sofort tot war. Er wurde nur 36 Jahre alt. Am nächsten Tag war eine Aufnahmesitzung unter Wolfgang Sawallisch für Strauss’ „Capriccio“ vorgesehen.

Seine erfreulich vielen Platteneinspielungen sind bis heute Referenzaufnahmen, in Fachkreisen ist sein Name auch mehr als sechzig Jahre nach seinem Tod immer noch in aller Munde und seine Virtuosität auf dem sperrigen Instrument unerreicht.

Zum hundertsten Geburtstag hat Warner Classics fast sämtliche EMI- Einspielungen neu aufgelegt. Die elf CDs umfassende Zusammenstellung ist eine wunderbare Hommage an den Ausnahmekünstler. An dieser Stelle wird demnächst eine umfangreiche Rezension dieser Edition erscheinen.

Peter Sommeregger, 10. Mai 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Peter Sommeregger

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Riccardo Muti und Anna Netrebko. Seit 26 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der deutschen Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen’. Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de.

Sommereggers Klassikwelt 86, Elisabeth Söderström, klassik-begeistert.de

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