„Von der Emotion überwältigt“: Großer Jubel für den Symphonischen Chor Hamburg in der Elbphilharmonie

Symphonischer Chor Hamburg, Bremer Philharmoniker, Matthias Janz, César Franck, Les Béatitudes Elbphilharmonie Hamburg, 23. Februar 2020

Nach dem Schlussakkord entlädt sich im Publikum stürmisch und leidenschaftlich die Begeisterung. Einen so warmen, herzlichen und langanhaltenden Applaus gibt es auch in der Elbphilharmonie nur selten.

Elbphilharmonie Hamburg, 23. Februar 2020
Foto: Maria Schmidt, Buchholz in der Nordheide (c)

Symphonischer Chor Hamburg
Bremer Philharmoniker
Dirigent Matthias Janz

Hanna Zumsande Sopran
Fiorella Hincapié Alt
Marion Eckstein Alt
Ilker Arcayürek Tenor
Mirko Ludwig Tenor
Matthias Winckhler Bariton
Sorin Coliban Bass
Emanuel Fluck Bass
Sönke Tams Freier Bass

César Franck
Les Béatitudes / Oratorium für Solisten, Chor und Orchester FWV 53

von Leon Battran

Als Satan sah, dass er besiegt war, fing Sorin Coliban an zu weinen. Große Tränen liefen über seine Wangen. Coliban hatte alles gegeben, das Böse in Person zu verkörpern. Er sang die Rolle des Satans, trotzte Christus und den Engelschören. Dann überkam ihn die Emotion: „Das ist so schöne Musik, dass es mich am Ende einfach überwältigt hat und mir die Tränen gekommen sind“, verriet der Bassbariton klassik-begeistert.de im Anschluss an das Konzert in der Elbphilharmonie Hamburg.

Colibans Reaktion bestätigt: Es war eine bewegende Aufführung von César Francks ebenso großformatigem wie großartigem Oratorium „Les Béatitudes“. Was tun, wenn man eine Rolle spielt und die Emotion plötzlich so stark wird? Coliban handelte so künstlerisch professionell wie nur vorstellbar: Er entschied sich dazu, in der Rolle zu bleiben und die Tränen dennoch zuzulassen. Seinem Charakter fügte er damit eine ganz neue, persönliche Dimension hinzu. Respekt für so viel Mut, lieber Herr Coliban! Das Publikum dankt es Ihnen. Sorin Coliban stammt gebürtig aus Bukarest. Seit 2004 singt der Bassbariton im Ensemble der Wiener Staatsoper und der Volksoper Wien.

© Alexander Zaforek, Sorin Coliban

Das Oratorium „Les Béatitudes“ ist César Francks bestes Werk. So zumindest die Überzeugung des Komponisten selbst. Die Religion spielte eine große Rolle im Leben des in Lüttich geborenen Komponisten und Kirchenmusikers Franck. „Les Béatitudes“ (zu Deutsch: „Die Seligpreisungen“) beruht auf der Überlieferung der Bergpredigt Jesu nach dem Matthäus-Evangelium. Die Bergpredigt war für Franck von größter Wichtigkeit, er verstand sie als Inbegriff seines Glaubens. Ein ganzes Jahrzehnt arbeitete Franck an den „Béatitudes“. Die offizielle Uraufführung seines Meisterwerks erlebte er nicht mehr.

Auf Basis des dialektisch angelegten Librettos der Textdichterin Joséphine Colomb entwickelt Franck ein musikalisches Drama, ein biblisches Spektakel, das mit der hörigen Rezitation lakonisch einprägsamer Verse nicht viel gemeinsam hat. Eher klingt die Grand Opéra an in der sinfonischen Pracht und den klanggewaltigen Chören. Im Detail finden sich sorgfältig auskomponierte Stimmen. Musikalische Charaktere, Tempi und Satzarten treffen antithetisch aufeinander. Die Solostimmen wie auch der Tutti-Chor sind häufig im Wechselspiel organisiert. Für die Zuhörer ist das alles sehr spannend zu verfolgen.

Rund 200 Akteure stehen an diesem Sonntagvormittag auf der Bühne der Elbphilharmonie. Um die 120 Chorsängerinnen und -Sänger, dazu das groß besetzte Orchester, 9 Gesangssolisten inklusive. Hier spielt die Musik, während andernorts aufgrund des „Schietwetters“ die Karnevalsumzüge ausfallen müssen.

Verdienter Schlussapplaus für alle Beteiligten im Großen Saal der Elbphilharmonie, Foto: Ulrich Poser

Professor  Matthias Janz, Dirigent, Lehrer, Kirchenmusiker und Träger des Bundesverdienstkreuzes und des dänischen Dannebrogordens, behielt alle Fäden in der Hand und lenkte die vielen Mitwirkenden beherzt durch die anspruchsvolle und bewegte Partitur. Er versteht es, den dramatischen Bogen weit zu spannen und auf den Höhepunkt hin zu gestalten. So entstehen immer wieder intensive, eindrucksvolle Szenen.

Die Bremer Philharmoniker spielten sich sehr ambitioniert und dynamisch durch Francks vielgestaltige Musik mit ihren wechselnden harmonischen Farben, spontanen Modulationen und ihrer pikanten Kontrapunktik.

Ein Schuh wird dann draus, wenn sich eine Vielzahl von Stimmen zu einer einzigen zusammenfügt. Dem Symphonischen Chor Hamburg gelingt dies hervorragend. Ebenso ambitioniert wie das Orchester und mit sichtbarem musikalischen Gestaltungswillen trugen die 120 Sängerinnen und Sänger Francks Oratorium auf ihren Schultern, mit flammendem Eifer („Avec ardeur“), aber auch ausnehmend zart, vor allem die  Sopranistinnen. Der traditionsreiche Hamburger Laienchor verfügt über ein sehr hohes künstlerisches Niveau. Die Leitung liegt seit 1985 in den Händen von Professor Matthias Janz.

Dr. Holger Voigt

Von Sorin Coliban war bereits die Rede. Er interpretierte seinen Satan ganz im Zeichen eines tiefschwarz getönten Charakterbasses. Im Gegensatz dazu drang die Stimme Christi aus dem Munde Matthias Winckhlers mit baritonaler Wärme an die Ohren der Irdischen. Seine Partie wirkte solide und geerdet und war vom linken unteren Bühnenrand und bei gedimmtem Orchester stets gut vernehmlich.

Ilker Arcayürek, in Istanbul geboren, in Wien groß geworden, bekleidete die umfassende Tenor-Partie ganz wunderbar und erntete am Ende sehr großen Applaus für seinen souveränen Auftritt. Zudem ist er Teil der himmlisch-musikalischen Belegschaft, die die weiteren Solostimmen komplettieren. Mal wirken die Solisten zusammen, mal im Dialog oder sie treten einzeln heraus. Wenn das Orchester stärker wurde, vermochten die Stimmen aber nicht immer durch den Saal zu tragen.

Hell und rein präsentierte Hanna Zumsande ihren Sopran. Reizvoll die Kombination von Marion Ecksteins eher dunkel timbriertem Alt und Fiorella Hincapiés mehr lyrisch getöntem Mezzo. Als Mater dolorosa wusste die Kolumbianerin zudem ihre strahlenden Höhen einzusetzen.

Fiorella Hincapié, Foto: Staatsoper Stuttgart

Das tiefere Register deckten zwei verlässliche Bassstimmen ab (Emanuel Fluck, Sönke Tams Freier), dazu gesellte sich der Hamburger Tenor Mirko Ludwig.

Am Schluss ist sogar noch die wunderbare Elphi-Orgel (Manuel Gera) zu hören. Nach dem Schlussakkord entlädt sich im Publikum stürmisch und leidenschaftlich die Begeisterung. Einen so warmen, herzlichen und langanhaltenden Applaus gibt es auch in der Elbphilharmonie nur selten. Bereits nach Ende des ersten Konzertteils hatte eine Zuhörerin in Block J munter weitergeklatscht, während alle anderen Konzertgäste bereits in die Pause verschwanden. In Sachen Enthusiasmus konnte es das Publikum also durchaus mit den Künstlerinnen und Künstlern in diesem Konzert aufnehmen.

Leon Battran, 24. Februar 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.de

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