Anja Harteros überstrahlt 1-A-Opernabend

Tosca, Giacomo Puccini,  Deutsche Oper Berlin

Foto: M. Borggreve (c)
Tosca, Giacomo Puccini
Deutsche Oper Berlin, 8. November 2016

„Vissi d’arte, vissi d’amore“ – „Ich lebte für die Kunst, ich lebte für die Liebe… keiner Seele tat ich je was zu Leide.“ So lauten die wunderschönen Worte in einer der schönsten Arien der Operngeschichte, gesungen von Tosca in der gleichnamigen Oper von Giacomo Puccini im zweiten Akt. An diesem Abend an der Deutschen Oper Berlin ist Anja Harteros die Tosca. Sie singt diese unsterblichen Worte. Und sie macht sich vor den 1850 Zuschauern an der Bismarckstraße unsterblich.

Wohl nie hat eine Sopranistin in der 3,5-Millionen-Einwohner-Stadt Berlin, jener gesegneten Hauptstadt mit drei phantastischen Opernhäusern, die Tosca so intensiv, so gefühl- wie kraftvoll, ja: so überirdisch und himmlisch dargeboten wie die 44 Jahre alte Deutsch-Griechin. Ihre tieferen Töne kamen butterweich und samten daher, die höheren waren von einer Strahlkraft getragen, die auf der Welt ihresgleichen sucht. Das war einsame Weltklasse!

Allein das „Vissi d’arte…“ war den Eintritt zehnfach wert. Wer diese Ausnahmeerscheinung, diese Primadonna assoluta, diese Sängerin der Sängerinnen, am Dienstag bei der 380. (!) Aufführung seit der Premiere am 13. April 1969 gehört hat, der möchte sie auch ein zweites – und letztes – Mal bei der 381. Aufführung am Dienstag, 15. November, erleben. Tickets ab 31 Euro sind noch vorhanden – auch so etwas gibt es nur in einer an klassischen Angeboten überbordenden deutschen Metropole wie Berlin. An der Wiener Staatsoper, einer von drei Opernhäusern in der 1,8 Millionen-Einwohner-Metropole an der Donau, wären beide Tosca-Aufführungen mit der Harteros Wochen vorher schon ausverkauft – und der Schwarzmarkt würde blühen.

Einige Herrschaften im Berliner Publikum waren schon aus dem Häuschen, als die Sopranistin aus Bergneustadt im Bergischen Land im ersten Akt auf die Bühne kam, applaudierten und riefen Bravo. Anja Harteros quittierte dies mit einem aufblitzenden Gesichtsausdruck und schien nicht amüsiert. Wer wie klassik-begeistert.de den begeisternden Applaus nach Giuseppe Verdis „Un ballo in Maschera“ an der Bayerischen Staatsoper am 30. Juli 2016 (Harteros sang die Amelia) sowie den grandiosen Applaus nach der ersten Berliner Tosca in diesem Jahr gehört hat, der kann den Zuhörern nur zustimmen: Hier singt eine Sopranistin auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft, hier offenbart sich stimmliche Vollkommenheit und Genauigkeit und paart sich mit spielerischer Freude.

Anja Harteros war an diesem Abend stimmlich umwerfend, sinnlich, weich, aber auch kapriziös, manchmal mit angenehmer Schärfe in den Eifersuchtsszenen. Das „Vissi d’arte“ hatte an Wärme und Wohlklang nicht seinesgleichen. Nur zweimal entglitt dem Superstar am Ende des zweiten Aktes leicht die Kontrolle: Beim dreimaligen „Mori!“ / „Stirb!“ – Harteros sprach es mehr, als dass sie es sang – schnappte ihre Stimme beim dritten Ausruf fast über. Da schlich sich die Emotion der Tosca in das Spiel der Harteros, die sich in der Öffentlichkeit bei ihren seltenen Auftritten meist als sehr kontrolliert präsentiert.

Am Schluss des dritten Aktes hatte Anja Harteros dann leichte Probleme beim berühmten Sprung der Tosca in die Tiefe: Da schien sie zu sehr darauf fokussiert zu sein, wann und wo sie springen muss und nicht mehr auf die Aktionen der Schergen zu achten. Aber das machte ihren Auftritt – in einem ein paar Zentimeter zu langen Kleid, das in zwei Szenen zu Gehproblemen führte – nur umso menschlich-ergreifender und sympathischer.

„In der Tosca habe ich bei Anja Harteros immer den Eindruck, sie spielt sich selbst und ihre Erscheinung wird der großen Diva ja auch wahrhaftig gerecht“, sagte die Berliner Opern-Begeisterte und Stammbesucherin Heike Mohnhaupt, 54. „Sie ist eindeutig die schönste Tosca, die ich kenne. Sie ist für mich die einzige Sängerin, die zur Zeit das Prädikat ‚Primadonna assoluta’ verdient.“

Wer Anja Harteros am Dienstag, 15. November 2016, an der Deutschen Oper verpasst, der kann sie in Deutschland und Österreich im kommenden Jahr erst wieder an ihrem Stammhaus, der Bayerischen Staatsoper in München, sehen: als Maddalena in „Andrea Chénier“ von Umberto Giordano im März 2017, als Sieglinde in Richard Wagners „Die Walküre“ sowie bei Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie bei den Osterfestspielen in Salzburg im April (Christian Thielemann dirigiert!), als Elisabeth in Richard Wagners „Tannhäuser“ im Mai in München – und im Juli dort dreimal dort als Elisabeth, als Donna Leonora in „La forza del destino“ von Giuseppe Verdi und als Maddalena in „Andrea Chénier“ bei den Münchner Opernfestspielen.

Auch die beiden anderen Hauptdarsteller in dieser prächtigen, historisierenden Inszenierung von Boleslaw Barlog waren à la bonne heure an diesem Abend: Der Tenor Jorge de Leon aus dem spanischen Santa Cruz de Tenerife hat den Cavaradossi bereits im Januar 2013 an der Deutschen Oper Berlin gesungen, gemeinsam mit Bryn Terfel als Scarpia und Martina Serafin als Tosca. Damals war klassik-begeistert.de nicht wirklich überzeugt von dem jungen Mann, obgleich Bryn Terfel ihn in höchsten Tönen lobte. Als Ricardo in Verdis „Maskenball“ hat er dann das Publikum im September 2016 wirklich verzaubert. Seine Höhe ist hell und strahlend – phantastisch. Das „Vittoria! Vittoria“ im zweiten Akt, in dem er das hohe C erklimmt, war ein echter Hörgenuss.

In der Mittellage indes blieb die Stimme manchmal ein bisschen dumpf, Jorge de Leon ist kein Spinto-Tenor und muss daher sehr viel Kraft für diese Partie aufbringen. Aber er hat eine wunderschöne Vorstellung gesungen und harmonierte auch hervorragend mit Anja Harteros in den Duetten.

Lucio Gallo, 57, als Baron Scarpia, der Polizeichef, hat eine gute Vorstellung abgeliefert, aber er hat schon diabolischer, dunkler, forcierter als Scarpia gesungen, ganz zu schweigen von seiner großen Darbietung als Jack Rance in Giacomo Puccinis „La fanciulla del West“ an der Deutschen Oper Berlin oder als Macbeth in Giuseppe Verdis gleichnamiger Oper an der Staatsoper Unter den Linden. Doch das ist lange her.

„Es hat mich überrascht, dass Lucio Gallo mit zunehmendem Alter heller wird, was schon sehr ungewöhnlich ist“, sagte die Berliner Opernenthusiastin Heike Mohnhaupt. „Mir gefällt die Attitüde des Scarpia, die er an den Tag legt, vor allem im ersten Akt im Duett mit der Tosca. Da ist er wirklich der nach außen charmante und innerlich grausame Charakter.“

In den kleinen Rollen überzeugte schauspielerisch das Ensemblemitglied James Kryshak als Polizeiagent Spoletta – der Tenor spielte wirklich super, muss stimmlich aber noch eine kleine Schippe drauflegen! Der Bassbariton Seth Carico als Mesner war nach seinem Auftritt als Graf von Nevers in Giacomo Meyerbeers „Vasco da Gama“ schon eher als eine Edelbesetzung zu bezeichnen. Der Cesesare Angelotti des Basses Ben Wager fiel indes ein bisschen dürftig aus, da braucht’s noch viel Schauspielerfahrung und auch noch Stimmtraining.

Das Orchester der Deutschen Oper Berlin hatte den Orchestergraben schön hochgefahren – vielleicht eine Idee des Dirigenten Ivan Repusic, der ganz hervorragend und energiegeladen führte. Die Tempi waren angemessen, die Klangfarben und das Zusammenspiel mit den Sängern überzeugend. Repusic ist stets ein gern gesehener Gast an der Deutschen Oper Berlin, besonders, wenn er italienisches Fach dirigiert.

Andreas Schmidt, 9. November 2016
klassik-begeistert.de

4 Gedanken zu „Tosca, Giacomo Puccini,
Deutsche Oper Berlin“

  1. So ungewöhnlich ist es nicht, das Herr Gallo mit zunehmendem Alter immer heller wird. Das war bei Michael Jackson auch so, der wurde mit zunehmendem Alter auch immer heller. Lag entweder an einer Vitiligo oder daran, dass er kein Dunkelhäutiger mehr sein wollte.
    Dass für Heike Mohnhaupt Anja Harteros die „eindeutig schönste Tosca der Welt“ ist, ist von großartiger Bedeutsamkeit. Hört, hört, sehr interessant. Heike Mohnhaupt. Wer hätte das gedacht. Ich wähne fast, sie wird nicht viele Toscas kennengelernt haben. Ich fand zum Beispiel Eva Marton damals eigentlich schöner. Und Mara Zampieri war zu ihrer Zeit auch eine sehr schöne Frau (heute sieht sie ja eher aus wie ein Pumuckel auf Holzrädern).
    Aber dass Herr de Leon ein hohes C bei „Vittoria“ gesungen hätte, daran kann ich mich nicht erinnern. Es wäre mir bestimmt aufgefallen, denn dann hätte er falsch gesungen, nämlich einen Ton zu hoch. Allerdings habe ich dieses hohe b auch nicht unbedingt als einen Hörgenuss empfunden. Aber wer weiß, vielleicht werde ich mit zunehmendem Alter ja auch immer heller. (Richtiger Name des Kommentators ist dem Blog bekannt.)

  2. Bezüglich schönste Tosca der Welt fällt mir noch eine Grace Bumbry, deren Schönheit ist schon fast Legende, war sie doch 1962 die erotischste schwarze Venus Bayreuths. Schwarze Venus impliziert allerdings, dass auch sie eine Dunkelhäutige war, sie wurde jedoch mit zunehmendem Alter nicht heller, blieb schwarz wie die Nacht. Dann hätten wir noch Birgit Nilsson, das war keine schöne Tosca, genau genommen war sie eine Schreckschraube und das (genau genommen) auch ihr ganzes Leben lang. Leonie Rysanek war Wienerin, die sind per se ja immer hässlich, liegt aber eindeutig an diesem unerträglichen Dialekt. Wen haben wir noch? Pilar Lorengar, natürlich, die Premieren-Tosca von 1969. Auch sie eine sehr schöne Frau, eine noch schönere Tosca, auch sie wurde mit den Jahren immer heller, zumindest ihre Haare wurden immer blonder, bei einer Spanierin eher ungewöhnlich. Dann gab es mal Tiziana Fabbriccini, die war super sexy (frag mal Riccardo Muti, der kann Geschichten erzählen), wurde leider ausgebuht, weil sie nicht singen konnte. Schönheit hat ihr nix genutzt, „nur der Schönheit weiht ich mein Leben“, tja, dumm gelaufen. Die Karriere war allerdings auch nach fünf Jahren zu Ende. Trotz Muti.
    Wenn ich anfange darüber nachzudenken, möchte ich durchaus in Abrede stellen, dass Anja Harteros die schönste Tosca der ganzen Welt ist. Ich glaube, hier irrt Heike Mohnhaupt. Optisch tendiert Anja Harteros doch eher in Richtung Birgit Nilsson.
    Was ist mit Netrebko? Warum singt sie keine Tosca? Hübsch genug wäre sie doch oder war sie mal (ist fast das gleiche). Oder Jenifer Lopez. Oder Natascha Kampusch, allerdings eine Österreicherin. (Richtiger Name des Kommentators ist dem Blog bekannt.)

    1. Sehr geehrter Herr Mohnbrötchen (Sie haben einen tollen Nachnamen!), sind Sie ein Opernfreund? Sie bewerten Frauen, die durch Talent, Ausbildung und Meisterschaft zu Weltstars wurden, Sängerinnen, die zu hören Millionen Menschen eine Freude war und ist, nur nach ihrem Äußeren. Warum tun Sie das? Dass eine Opernbesucherin die Sopranistin Anja Harteros als „die schönste Tosca der Welt“ bezeichnete, basierte, wie unschwer zu entnehmen war, auf der gesanglichen (!) Ausnahmestellung von Frau Harteros. Dass die Deutsch-Griechin für fast alle Klassik-Fans nicht nur die stimmlich brillanteste Sopranistin ist, sondern auch optisch eine Ausnahmeerscheinung ist, steht auf einem anderen Blatt. Mit musikalischen Grüßen Andreas Schmidt

  3. Die Formulierung „schönste Tosca der Welt“ ist nun nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern auf dem von Frau Mohnhaupt. Ebenso wie der Blödsinn, dass Herr Gallo über die Jahre immer heller wird. Dass beides sich angeblich auf die Stimme beziehen soll, verstehe ich nicht. Und Frau Mohnhaupt meinte es so wie sie es sagte: Frau Harteros ist die schönste Tosca der Welt (optisch) und Herr Gallo wird immer heller; und damit meinte sie weder die Stimme noch dessen Intelligenz, sondern seine Hautfarbe. Wie weiland bei Michael Jackson. Hätte sie jeweils die Stimme gemeint, hätte sie sicher dahingehend artikuliert.

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