„Ich komponiere meine Opern auch im Schlaf“ – Sternstunden mit dem Komponisten Péter Eötvös

Senza Sangue / Herzog Blaubarts Burg, Péter Eötvös / Béla Bartók
Hamburgische Staatsoper, 6. November 2016

Diese Premiere an der Hamburgischen Staatsoper war eine Sternstunde für das Haus an der Dammtorstraße. Die beiden Opern „Senza Sangue“ des Ungarn Péter Eötvös und „Herzog Blaubarts Burg“ seines Landsmannes Béla Bartók machen süchtig. Wer einen berauschenden, eindringlichen, unvergesslichen Abend mit einer zeitgenössischen Komposition und einer zum Ende des Ersten Weltkrieges 1918 erstmals in Budapest aufgeführten Oper erleben will, muss die Gelegenheit nutzen, noch gute Plätze zu ergattern.

Die Musik ist gigantisch. Sie geht unter die Haut und macht sprachlos. Die Inszenierung ist bestechend, hochwertig und vor allem in der Personenführung lebendig und transparent. So gab es einhelligen, buhfreien Jubel bei der A- so wie bei der B-Premiere für die Doppel-Oper.

Die Stimmen, erst auf Italienisch, dann auf Ungarisch, sind phantastisch. Überragt wurde der Abend durch die atemberaubend intensiv singende Mezzosopranistin Claudia Mahnke, Ensemblemitglied der Oper Frankfurt und Bayreuth-erprobt. Sie hat die Partie der Judith bereits an der Los Angeles Opera gesungen.

Wer wie klassik-begeistert.de das Glück hatte, Claudia Mahnke in dieser und in der vergangenen Saison bei den Bayreuther Festspielen in Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ zu erleben (als Fricka in „Das Rheingold“ und „Die Walküre“, dort auch als Waltraute und zur Krönung als Waltraute und 2. Norn in der „Götterdämmerung“), der kann dankbar auf musikalische Ausrufezeichen zurückblicken.

Claudia Mahnke hat einen hellen Mezzosopran, der, kombiniert mit einer fraulichen Tiefe und der Würze eines nougatfarbenen Cellotones, sehr sinnlich, kraftvoll und beglückend zu hören ist. Ihre Stimme klingt lyrisch voll, groß und ausgeglichen. Allein ihre Leistung im zweiten Teil ist den Eintrittspreis dreimal wert. Claudia Mahnke wird in der Saison 2017/18 an der Hamburgischen Staatsoper die Kundry in Wagners umwerfender Lebensabend-Oper „Parsifal“ geben – die Rolle dürfte ihr auf den Leib geschrieben sein.

„Ich habe alles gegeben, was ich habe“, so beschrieb die Mezzosopranistin nach der Premiere bescheiden die beste Gesangsleistung einer Frau an der Hamburgischen Staatsoper seit vielen Jahren. „Es kam auch sehr viel Energie vom Publikum auf die Bühne, und es war wunderbar still.“ Claudia Mahnke, gebürtig im sächsischen Meerane (16.000 Einwohner) bei Zwickau, hat bereits zu DDR-Zeiten in Ungarn sehr viel Ungarisch gehört. „Meine ungarischen Kollegen sagen, mein Ungarisch hört sich sehr, sehr gut an.“

Und dann ihr Kontrahent, der in Rumänien geborene, dort der ungarischen Minderheit angehörende Bálint Szabo als Herzog Blaubart: Er sang sehr intensiv, sehr männlich, sehr packend. Eine kraftvolle, wunderbar resonierende Erscheinung, der die Mahnke in der Liebesszene auch – körperlich – hochzunehmen wusste und danach noch so sang, wie nur wenige Baritone es vermögen.

Dabei waren die Leistung der Sopranistin Angela Denoke als La donna in „Senza Sangue“ und des russischen Baritons Sergei Leiferkus nicht zu schmälern. Sie gaben alles an diesem Abend. Denokes Leistung war hervorragend – an die begnadete Darbietung von Claudia Mahnke im zweiten Teil reichte sie nicht ganz heran.

Aber Respekt vor der kraftvollen, stattlichen Darbietung Sergei Leiferkus’: Der Mann ist schon 70! Und danke für die großartige Leistung von Angela Denoke. Klassik-begeistert.de hat sie im September 2015 im Theater an der Wien als mitreißende Königin der Erdgeister in der Oper „Hans Heiling“ von Heinrich Marschner gehört. Die 54-Jährige aus der niedersächsischen Hansestadt Stade bei Hamburg ist mehr als ein „hidden champion“; sie singt bei den Salzburger Festspielen, an der Bayerischen Staatsoper und im Mai 2017 an der Wiener Staatsoper die Feldmarschallin in der Oper „Der Rosenkavalier“ von Richard Strauss; im April gibt die Österreichische Kammersängerin dort auch die Katja Kabanowa in der gleichnamigen Oper von Leos Janácek.

Auch der Generalintendant der Elbphilharmonie und der Laeiszhalle, Christoph Lieben-Seutter, 52, war zwei Tage nach Eröffnung der Elbphilharmonie-Plaza zu Besuch an der Dammtorstraße und sehr angetan: „Es war ein musikalisch wirklich hervorragender und spannender Opernabend mit tollen Sängern und einem tollen Orchester“, sagte der gebürtige Wiener. „Über die Verzahnung der beiden Geschichten muss ich allerdings noch ein wenig nachdenken – ich weiß noch nicht, ob die für mich ganz stimmig ist.“

Ja, und dann der Dirigent, der Komponist des ersten Teiles – „Senza Sangue“ – Péter Eötvös, 72. Er ist der wohl bedeutendste Komponist zeitgenössischer Musik unserer Zeit. Er dirigiert persönlich die knapp zwei Stunden in einem Zuge – dargeboten vom hervorragend, präzise agierenden und hochkonzentrierten Philharmonischen Staatsorchester Hamburg.

Péter Eötvös nahm sich nach der Aufführung eine halbe Stunde Zeit und sprach mit klassik-begeistert.de. Der Ungar mit den warmen Augen ist ein vor Energie sprühender Mann, der komponiert und komponiert. „Ich schlafe nur fünf Stunden am Tag und denke 19 Stunden quasi nur in Musik“, sagte der 72-Jährige, der in Budapest lebt.

„Ich arbeite täglich im Studio meines Hauses“, erzählte Péter Eötvös. „Ich komponiere ohne Klavier, rein aus dem Kopf heraus. Dort entstehen meine Themen und Melodien. Manchmal weiß ich abends nicht mehr weiter, dann schlafe ich, und am nächsten Morgen ist mir klar, wie es weitergeht. Mein Kopf komponiert also auch in der Nacht“, sagte Eötvös und lacht. „Ich arbeite also quasi 24 Stunden lang.“

Na ja, so ganz stimme das nicht, räumte der Komponist ein. „Wenn ich einmal vollkommen musiklos sein möchte, mache ich eine Tour mit Bruno, meinem acht Jahre alten Berner Sennenhund.“

„Senza Sangue“ ist Eötvös’ elfte Oper. Seine bekannteste heißt „Drei Schwestern“ (Tri Sestri), er hat sie im März auch an der Wiener Staatsoper dirigiert. Der fleißige Ungar, dessen Geburtsort Székelyudvarhely heute in Rumänien liegt, hat auch noch 13 Orchesterwerke, zwölf Ensemble- und Kammerwerke sowie fünf Solowerke geschrieben.

„Senza Sangue“ (Ohne Blut) ist eine Auftragskomposition der New York Philharmonic und der Kölner Philharmonie. Die Uraufführung war im Mai 2015 in Köln. Allein zwei Jahre lang hat Péter Eötvös das Libretto mit seiner Musik abgestimmt. Das Libretto nach der gleichnamigen Novelle von Alessandro Baricco stammt von seiner Ehefrau Mari Mezei, 63, die auch zur Hamburger Premiere anreiste.

„Ich habe Bartóks Oper ‚Herzogs Blaubarts Burg’ das erste Mal als 12-Jähriger in Budapest gehört, direkt vor der Ungarischen Revolution 1956“, erzählte Eötvös. „Meine Mutter, eine Pianistin, hatte mich mitgenommen. Der Abend hat mich umgehauen. Das war ein Schlüsselerlebnis in meinem Leben. Ich habe das Werk seitdem unzählige Male dirigiert.“

Eötvös kam bereits als 14-Jähriger in die Klasse des ungarischen Komponisten Zoltán Kodály an der Musikakademie Budapest, wo er von 1958 bis 1965 studierte. Kodály ist der nach Franz Liszt und Béla Bartók bedeutendste ungarische Komponist und Musikwissenschaftler.

„Ich habe bereits mit 12 Jahren komponiert“, sagte Eötvös. „Vor 12 Jahren habe ich dann gespürt, dass der kurze Einakter ‚Blaubart’ noch eine gute Ergänzung braucht, die ohne Pause zu Bartóks Meisterwerk führt. Meine Frau und ich haben dann eine Story gefunden, die sehr nah an dem Bartók-Werk dran ist. Bei Bartók analysiert eine Frau einen Mann, bei mir ist es umgekehrt, da macht es der Mann. Der Mann hat bei mir als junger Partisan eine ganze Familie getötet, nur ein 12 Jahre altes Mädchen hat er am Leben gelassen. Sie hatten Blickkontakt, der sie 50 Jahre verfolgt hat. Dann treffen sie sich wieder. Bei Blaubart geht es viel um Blut. Mein Stück heißt ‚Senza Sangue’ – ohne Blut. In einer Passage meiner Oper heißt es: ‚An jenem Abend da unten… es war so absurd wie in einem Traum.’“

Péter Eötvös’ Oper ist hoch dramatisch. Er benutzt dieselben Instrumente wie Bartók. Beide Werke sind sich in Stil und Klang ähnlich. „Ich versuche in meinen Kompositionen so verständlich zu bleiben wie möglich“, sagte der sympathische Komponist. „Meine Melodien folgen dem Text. Ich möchte, dass das Publikum meine Werke so erlebt, wie ich sie erlebe.“

(dpa) Bartóks einzige Oper „Herzog Blaubarts Burg“ ist ein Geniestreich, ein finsterer Horror-Schocker, der wegen seiner Kürze meist mit anderen Einaktern gekoppelt wird. Bartóks Landsmann Peter Eötvös machte mit dieser Beliebigkeit ein Ende. Er komponierte mit „Senza Sangue“ (Ohne Blut) ein Komplementärstück, in dem er das tragische Täter- und Opfer-Motiv eines Paares thematisch mit Bartóks «Blaubart» eng verknüpfte. In Köln 2015 konzertant uraufgeführt, geriet die erste Bühnenversion von «Senza Sangue» in Avignon eher provinziell.

Umso höher die Erwartung an Hamburgs Staatsoper, das Doppel virtuos in Szene zu setzen. Und wie gewünscht, geschah’s. Dem prominenten russischen Opernregisseur Dmitri Tcherniakov (Jahrgang 1970) gelang sogar auf einzigartige Weise, die beiden ungarischen Einakter-Alpträume pausen- und nahtlos so ineinander zu verweben, dass man glaubte, in einem einzigen Stück zu sein. Man konnte nur staunen ob des gelungenen Theatercoups.

Dabei begann es unspektakulär. Tcherniakov, stets auch sein eigener Bühnenbildner, hatte Eötvös‘ Geschichte um eine Frau, die den Mörder ihres Vaters und ihren eigenen Retter dingfest machen will, in ein surrealistisch anmutendes italienisches Straßencafé verlegt. „Senza Sangue“ basiert schließlich auf der gleichnamigen Novelle des Italieners Alessandro Barrico. In dem Augenblick, da die einst von Hass Getriebene dem Mann eine Hotelnacht offeriert, verwandelte sich die weite Bühne in das Guckkasten-Verlies eines engen Hotelzimmers, in dem sich das «Blaubart»-Paar, zum Verwechseln ähnlich gestylt, qualvolle Szenen einer Ehe lieferte.

Wie weggeblasen schien da der ganze verstaubte Symbolismus, das steif Parabelhafte, die kalte Märchen-Magie, mit der sich ansonsten die sieben Pforten der Erkenntnis in Bartóks blutigem Schreckens-Psychogramm zu öffnen pflegen. Hier war alles psychologisch scharf und schlüssig konturiert, als sei eine Kamera in die schwärzesten Seins-Abgründe von Mann und Frau vorgedrungen. Delikate Video-Einspielungen schärften dabei die Parallelen beider Werke.

Weitere Vorstellungen:
19., 23., 26., und 30. November 2016, jeweils 19.30 Uhr.

Andreas Schmidt, 7. November 2016
klassik-begeistert.de

 

 

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