Jacquelyn Wagner, Michael Spyres, Sylvain Cambreling © Daniel Dittus
Vielharmonie
“Fülle des Wohllauts” – eine literarische Operngala nach Thomas Mann
Ein Kapitel aus dem Roman „Der Zauberberg“ von Thomas Mann (6. Juni 1875 – 12. August 1955)
Sylvain Cambreling: Dirigent
Hans-Jürgen Schatz: Rezitation, Einrichtung
Jacquelyn Wagner: Sopran
Diana Haller: Mezzosopran
Michael Spyres: Tenor und Bariton
Laeiszhalle Hamburg, 6. November 2025
von Dr. Holger Voigt
Sie haben es wieder getan! Daniel Kühnel, umtriebig-kreativer Intendant der Symphoniker Hamburg, und ihr kongenialer Chefdirigent, Sylvain Cambreling, bescherten ihrem begeisterten Publikum abermals ein konzertantes Highlight der Spitzenklasse, das noch lange nachhallen wird.
Konzipiert war dieses als konzertante Operngala, bei der nicht die Einzelbeiträge aufeinander folgten, sondern eingebettet waren in eine literarische Rezitation aus dem siebten Kapitel Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“. Was dort aus der Sicht des Sanatoriumsbesuchers Hans Castorp geschildert wird, kam nun in literarischer Reminiszenz auf das Konzertpodium und wurde dadurch zum Leben erweckt, so als wäre das alte Grammophon des Sanatoriums Berghof plötzlich eingeschaltet worden und hätte die Sänger aus den Tonrillen heraus auf die Bühne katapultiert.
Die Abfolge der einzelnen musikalischen Beiträge wurde nicht moderiert, sondern in einer literarischen Textrezitation eingeführt. Dazu griff man auf einen der profiliertesten Rezitatoren unserer Zeit, den Schauspieler Hans-Jürgen Schatz zurück, der dem Großteil des Publikums bestens bekannt war, nicht zuletzt auch durch seine zahlreichen TV- und Theaterrollen. Ihm gelang es offenkundig mühelos, vom Anfang bis zum Ende der Operngala das Publikum in den Bann zu ziehen. Dieses lauschte den Ausführungen Hans Castorps, als stünde dieser leibhaftig vor ihnen und folgte aufmerksam seinen Worten, mit denen dieser seine Eindrücke wiedergab.
Hans-Jürgen Schatz brachte die ausgewählten Rezitationsabschnitte so pointiert und überzeugend zur Sprache, dass man nur voller Begeisterung gebannt da sitzen konnte. Die Sprachbehandlung Thomas Manns, der mit subtilster Ironie, die fast gar nicht als solche präsent zu sein scheint, ist einfach meisterhaft! Dabei zeigt sich die Ironisierung facettenhaft in mehreren Ebenen: Die erste Ebene ironisiert das „Setting“, die lokale Situation, in der sich die Protagonisten aufhalten. In der zweiten Ebene stehen diese selbst im Fokus der Ironie. Sodann ironisiert Thomas Mann aber auch den Berichterstatter Hans Castorp selbst, dessen Namensgebung allein fast schon selbst Ironie ist (wie dieses bei Thomas Mann häufiger vorkommt). Und Thomas Mann wäre nicht Thomas Mann, wenn er sich nicht auch selbst ironisieren würde. Das alles zusammen entsteht allein aus der Sprache selbst und verfehlt seine Wirkung nicht.

Niemals wird die Ironie zum Selbstzweck oder gar zu einem unangemessenen Witz, und das ohne jegliche Überheblichkeit. Thomas Mann navigiert sprachlich exakt auf dieser schmalen Trennlinie, die es ihm eben deshalb auch ermöglicht, den „Tod“ als eigenen Protagonisten einzuführen und in gleicher Weise zu behandeln. Nicht ohne Absicht endet das Galaprogramm mit Franz Schuberts »Der Lindenbaum« aus seiner »Winterreise«.
Rezitator Hans-Jürgen Schatz hat Thomas Mann den ganzen Abend in Perfektion zelebriert. Seine Leistung war eine glatte Sensation.
Stilsicher und eloquent durch den Rezitator in seiner Rolle eingeführt, stürmte nun vom Hinterraum des Podiums karambolagefrei der US-amerikanische Baritenor Michael Spyres an die Rampe und entfachte ein wahres Klangfeuerwerk mit der Arie »Largo al factotum« aus Rossinis »Il barbiere di Siviglia« . Diese ihm förmlich auf den Leib geschriebene „Arie des Figaro“ bietet ihm – dem Sänger der zwei Stimmlagen (Bariton, Tenor) alle Möglichkeiten, mit seiner traumwandlerisch sicheren Intonationspräzision zielgenau hin- und her zu springen, wobei er mit dieser stimmlichen Möglickeit offen kokettierte und die begeisterten Zuhörer etliche Male in die Irre führte – das ging sogar bis ins Falsett hinauf! Brillant seine stimmlich raumfüllende Bühnenpräsenz, seine Wortdeutlichkeit und das atemberaubende, sich selbst beschleunigende Vortragstempo.

Der unmittelbar einsetzende Beifall glich beinahe einer eruptiven Applausexplosion und steigerte die Erwartungen auf weitere Höchstleistungen.
Diese ließen nicht lange auf sich warten. Die US-amerikanische Sopranistin Jacquelyn Wagner aus Detroit, Michigan, glänzte mit einer zu Herzen gehenden Interpretation der Arie der Violetta »È strano… Sempre libera« aus Giuseppe Verdis „La traviata“. Ihre Stimme wirkt klar, fein geführt und stellenweise zerbrechlich, was hervorragend zu der Rolle der Violetta Valéry passte. Doch zeigte sich auch eine wunderbare Phrasierung und Ausdrucksstärke in den Abschnitten, in denen sie sich selbst zu ermutigen scheint, sich auf die Liebe tatsächlich auch einzulassen. Diese cognitive Wanderung gelang ihr bravourös mit großer Glaubwürdigkeit und emotionaler Intensität. Auch für sie donnernder Applaus.
Gespannt war das Publikum auch auf die kroatische Mezzosopranistin Diana Haller. Ihre klare, perfekt intonierende und ausdrucksstarke Stimme packte die Zuhörer emotional und leuchtete die Klangmöglichkeiten einer brilliant geführten Mezzosopranstimme in allen affektiven Facetten vielfältig aus. Auch ihr Applaus war riesig.

In den nachfolgenden Duetten und Terzetten entstanden Höhepunkte der Gesangeskunst, die man am liebsten festhalten möchte. Immer wieder erstaunt die unglaubliche Melodienschönheit der Kompositionen der hier ausgewählten Komponisten. Höhepunkt war zweifellos das Finale (»La fatal pietra… O terra addio«) aus Giuseppe Verdis »Aida«. Da blieb kaum ein Auge trocken.
Die Symphoniker Hamburg unter der Leitung ihres Chefdirigenten Sylvain Cambreling (Konzertmeisterin: Michiru Matsuyama) glänzten mit akribisch ausgespieltem Schönklang, der nie flach oder gar gehetzt wirkte und den Resonanzkörper der Laiszhalle voll zur Geltung brachte.
Riesiger Beifall und Standing Ovations für alle Beteiligten und ein begeistertes Publikum, das im tristen Novemberdunkel mit einem leuchtenden Opernereignis reichlich beschenkt wurde. Ein grandioser Abend in der Hamburger Laeiszhalle!
Dr. Holger Voigt, 6. November 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Auf den Punkt 44: Sylvain Cambreling haut auf den Tisch… Laeiszhalle, Großer Saal, 9. Februar 2025
Opern- und Musikfestival ROSSINI WILDBAD 24. – 26. Juli 2025
Danke für den Bericht ! In den Hamburger Medien leider nichts davon, dafür jede Menge über jedes Musical u. Schlagerfuzzies. Joachim Mischke vom Abendblatt schrieb mir, es hätte in den vergangenen Jahren schon diese Veranstaltung mehrfach gegeben u. sie konnten zu dieser niemand schicken. Das erste stimmt nicht u. letzteres ist ein Armutszeugnis. Das war früher bei einer Dr. Sabine Tomzig anders.
Hartmut Funke
Lieber Herr Funke,
herzlichen Dank für Ihre Anmerkungen, denen ich voll und ganz zustimme.
Opernliebhaber nehmen lange Anreisewege in Kauf, um Sänger wie Michael Spyres zu hören, aber in der medialen Ortspresse zuckt man nur gelangweilt mit den Achseln und sagt „so what?“. So geht es nur bergab mit der Kultur. Wie schön, dass die Laeiszhalle gerappelt voll war und das Fehlen der Ortspresse lächelnd verschmerzte.
Dr. Holger Voigt