Das Voyager-Quartet feiert das Beethoven-Jahr in Richard Wagners Wohnzimmer – und überrascht mit allen Streichquartetten

Voyager-Quartet, Beethoven, Wagner  Villa Wahnfried Bayreuth

Foto: © Voyager-Quartet

Villa Wahnfried Bayreuth, 9. August 2020

Voyager-Quartet:

Nico Christians (1. Violine)
Maria Krebs (2. Violine)
Andreas Höricht (Viola)
Klaus Kämper (Cello)

von Dr. Gerald Hofner

Das Münchner Voyager-Quartet ist längst kein Geheimtipp mehr, wenn es um die besonders direkte, sinnliche Vermittlung von Kammermusikklängen geht. Für das Beethoven-Jahr 2020 haben sich die vier nun eine gewaltige Aufgabe gestellt – die Interpretation aller Streichquartette des Meisters, sowie als Bonus der Großen Fuge für Streichquartett.

Mit diesem Programm kommt das Quartett nun in den nach der Absage der Bayreuther Festspiele brach liegenden Bayreuther Kultursommer – und bringt Richard Wagners Wohnzimmer in authentischer Weise zum Klingen. In der seit 2015 frisch renovierten Villa Wahnfried fand sich der ideale Ort für die Vorstellung dieses Mammutprojekts. Nicht nur der innenarchitektonische Rahmen mit den Porträts von Wagner und Beethoven und die fabelhafte Akustik, auch die Geschichte des Hauses, in dem Richard Wagner die besagten Beethoven-Quartette intensiv studiert und auch gespielt hat, lassen die sechs Sonntagabende mit dem Voyager-Quartet zu einem besonderen Erlebnis werden.

Einen Höhepunkt erreicht der Zyklus am 09. August mit der Großen Fuge und dem berauschenden Streichquartett Nr. 15. Doch zunächst spielt sich das Quartett mit der Nr. 2 (G-Dur, op. 18/2) warm, einem Kammerstück in traditioneller Vier-Satz-Form und in traditioneller Huldigung der allein führenden ersten Violine, besetzt durch den heute nahezu perfekt agierenden Nico Christians. Ein gefälliges Stück in der Präsentation durch die „Diener der großen Musik“, wie sich das Voyager-Quartet selbst definiert.

Das Gefällige änderte sich schlagartig mit der Großen Fuge (B-Dur, op. 133), wahrscheinlich einem der schwierigsten Kammermusikstücke Beethovens. Die Begleit-Combo für die erste Violine muss hierfür auf drei solistisch agierende Einzelstimmen umschalten, die sich neben der ersten Violine nicht mehr verstecken. Der Systemwechsel gelingt dem Ensemble, wenn auch anfangs noch etwas schrill und hektisch. Doch es finden alle zur gemeinsamen Ruhe zurück, so dass sich die Fugenläufe bald in spielerischer Weise und in abgestimmtem Timing ineinander verflechten, bevor am Ende die erste Violine wieder die gewohnte Führung übernimmt. Eine technische Meisterleistung aller, allen voran vielleicht des in großer Präzision arbeitenden Cellisten Klaus Kämper.

„Der Prinzipal“: Wolfgang-Wagner-Ausstellung, Villa Wahnfried, Bayreuth

Seine ganze Klasse beweist das Voyager-Quartet schließlich im Höhepunkt des Abends. Vielleicht war es die schwere Krankheit, die Beethoven gerade überstanden hatte, die zum Erweitern der traditionellen Form um einen andächtigen mittleren Satz („Heiliger Dank eines Genesenden an die Gottheit“, „Neue Kraft fühlend“, „Mit innigster Empfindung“) führte. Vielleicht war es die Kraft der soeben beendeten Neunten Sinfonie, an deren Themen hier vereinzelt erinnert wird. Das Streichquartett Nr. 15 (a-Moll, op. 132) ist ein Höhepunkt frühromantischer Kammermusik. Und die Interpretation durch das Voyager-Quartet ideal.

Sphärische Klänge und innige Themen werden mühelos miteinander verwoben und dem Zuhörer mitten ins Herz transportiert. Dazu eingängige popmusikalische Kadenzen für das Ohr und eine glasklare Singstimme der ersten Violine über sonoren Klangflächen, die fast vergessen machen, dass es sich hier „nur“ um Kammermusik handelt. An den leiseren Stellen zeigen gerade die ansonsten häufig zurückstehenden Maria Krebs (2. Violine) und Andreas Höricht (Viola) ihr sensibles und sicheres Spiel. In der Kraft der Klangflächen beweist das Quartett, warum Kammermusik nicht nur die Domäne der Wiener Klassik sein kann und wie sie orchestral interpretiert werden kann.

Foto: © Voyager-Quartet

Dieses Klangerlebnis geht in fast logischer Folge in die Zugabe des Abends über – in die Hochromantik von Wagners „Tristan und Isolde“ in einer Bearbeitung für Streichquartett. Ein Bogenschluss zurück zum Hausherren der Villa Wahnfried, der einst selbst Beethoven als den „kühnsten Segler auf den Fluten der Harmonie“ bezeichnete.

Ein wundervoller Sommerabend mit einem grandios agierenden Ensemble und einem Programm, das in dieser Interpretation das Potenzial zum Meilenstein hat.

Das Voyager-Quartet ist in der Villa Wahnfried nochmals am 16. August und am 23. August zu hören – mit den Konzerten Nummer fünf und sechs im Beethoven-Streichquartett-Zyklus.

Dr. Gerald Hofner, 10. August 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Wahnfried Open Air, Bayreuther Festspiele, 25. Juli 2020

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.