Foto: Michael Pöhn / Wiener Staatsoper
von Jürgen Pathy
Zeigt mir eine Oper, die so vieles auf einem Fleck vereint wie die „Zauberflöte“ – gibt es kaum. Mozarts Geniestreich in Kooperation mit Emanuel Schikaneder lässt vieles zu, schon in der Interpretation der Regie. Man kann sie als Märchen auf die Bühne bringen, als Kasperltheater und als Klamauk, was oft so passiert, oder aber als hochintellektuelle Deutung. Stichwort: Aufklärung, Erleuchtung. Das heißt: Sie ist für Fünfjährige genauso reizvoll wie für 80-Jährige.
Zwei Symphatieträger: Tamino und Papageno
Man hat zwei Identifikationsfiguren: Tamino, der den Weg der Erkenntnis beschreitet, und Papageno, den Naturburschen, der mit Erleuchtung nichts am Hut hat. Saufen und ein „Weib“, damit ist er schon zufrieden. Man hat Gut und Böse: auf der einen Seite Sarastro, auf der anderen die Königin der Nacht. Wer davon wofür steht, scheint anfangs klar, stellt sich am Ende jedoch als genau umgekehrt heraus. Genau darin liegt der Spielraum der Oper – und der Grund, warum man sich in ihr wiederfinden kann.
Ein Arien-Feuerwerk
Musikalisch spielt die Zauberflöte alle „Stückln“. Es gibt keine andere Oper, die musikalisch so viel abdeckt. Mozart hat im Grunde die komplette Bandbreite seines Könnens ausgepackt und in die Zauberflöte einfließen lassen. Man muss sich das mal vorstellen: Er hat jeder Figur unglaubliche Arien auf den Leib geschneidert, die noch dazu abwechslungsreich sind. Fast jeder Charakter hat eine Hammerarie. Die Königin der Nacht mit ihrem „O zittre nicht…“ und „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“, mit ihren unglaublichen Höhen, die jedes Kind kennt.
Man hat den Tamino mit seiner „Bildnisarie“, ein Schnulzenhit par excellence. Man hat die Pamina mit ihrem „Ach, ich fühl’s…“, die einen Wendepunkt einleitet – vom lustigen Singspiel zur ernsten opera seria. Da haben wir schon die Verschmelzung, wo Mozart den Spagat zwischen den Genres schafft. Dann hat man den Papageno mit seinem ins Ohr gehenden „Der Vogelfänger bin ich ja, stets lustig, hopsa heissasa“. Dann den Sarastro mit seinem unglaublich erhabenen „In diesen heiligen Hallen…“ oder „O Isis und Osiris“.
Musikalische Bandbreite in einer Oper vereint
Man hat die Ensembles, die er in „Così“ perfektioniert hat. Zusätzlich hat Mozart genial orchestriert. Er baut Fugen ein, zumindest fugenähnliche Musik bei den Geharnischten. Er zeigt also allen, was er draufhat. Es ist enorm abwechslungsreich. Von lyrisch bis dramatisch ist in der Zauberflöte alles zu finden.
Den Tamino kann ein Tenor ebenfalls nur lyrisch gestalten oder mit dramatischen Ausbrüchen, je nachdem, welchen Sänger man holt, geht das schon Richtung „Lohengrin“ von Richard Wagner. Man hat die Königin, die ein dramatischer Koloratursopran ist. Die Pamina, eine lyrische Stimme mit Fülle. Die Papagena, die man auch als Soubrette besetzen kann. Den Sarastro mit seinem dunklen, schwarzen Bass oder ein wenig edler, wie man mag.
Wie ein Beatles Song: Vermeintliche Leichtigkeit auf höchstem Niveau
Die große Kunst bei der Zauberflöte ist auch, dass alles so einfach aussieht. Das ist wie beim Rock-Pop: Vier Akkorde, und man hat einen Hit wie „Let It Be“ von den Beatles. So wirkt auch die Zauberflöte. Man glaubt, es sei ein leichtes Kasperltheater, dabei steckt so viel Können, Kunst und Intuition dahinter, alles selbstverständlich erscheinen zu lassen.
Mozart verbindet dabei deutsches Singspiel, italienische Ensembletechnik, Oratorium, opera seria, Märchen und Volkstheater, das sich musikalisch dramatisch zuspitzen kann. Vielleicht liegt darin ihr Geheimnis, dass Generationen sie immer wieder neu entdecken: Für Kinder ist sie ein Märchen, später eine Liebesgeschichte, irgendwann eine Geschichte über das Erwachsenwerden.
Jürgen Pathy, 1. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
W.A. Mozart & Emanuel Schikaneder, Die Zauberflöte (Premiere) Haus für Mozart, 23. Januar 2026
Wolfgang Amadeus Mozart, Die Zauberflöte Wiener Staatsoper, 12. September 2025
Musikfest Bremen: Die Zauberflöte Bremer Konzerthaus Die Glocke, 27. August 2025
Kinderoper Die Zauberflöte, Musik Wolfgang Amadeus Mozart Wiener Staatsoper, 28. Februar 2025
Buch-Rezension, „Weil jede Note zählt“ – Mozart interpretieren klassik-begeistert.de