Belshazzar KOB © Jan Windszus Photography
George Petrous zweite Einstudierung an der Komischen Oper Berlin ist getragen von einem Gespür für Kurzweiligkeit und guten Geschmack, in gut abgestimmter Zusammenarbeit mit dem Regisseur Herbert Fritsch.
Vor allem die Phalanx aus Chor der Komischen Oper sowie dem Vocalconsort Berlin bescherte der Produktion anderthalb Monate vor der nächsten Ausgabe der Göttinger Händelfestspiele einen Trumpf.
Georg-Friedrich Händel, Belshazzar
Musikalische Leitung: George Petrou
Inszenierung, Bühnenbild und Kostüme: Herbert Fritsch
Licht: Olaf Freese
Chöre: David Cavelius
Chorsolisten der Komischen Oper Berlin
Vocalconsort Berlin
Orchester der Komischen Oper Berlin
Komische Oper Berlin, Schillertheater, 28. März 2026, Premiere
von Kirsten Liese
George Petrou zählt für mich zu den kreativsten Köpfen in der Barockoper. So hat er bei den Händelfestspielen in Göttingen, die er seit 2022 künstlerisch leitet, mit raffinierten Improvisationen in der Oper „Giulio Cesare“ aufgewartet und mit „Sarrasine“ auf eine Novelle von Balzac ein packendes Opernpasticcio nach historischem Vorbild selber entworfen.
Auch seine zweite Einstudierung an der Komischen Oper Berlin ist getragen von einem Gespür für Kurzweiligkeit und guten Geschmack, hier in gut abgestimmter Zusammenarbeit mit dem Regisseur Herbert Fritsch.
Das Orchester der Komischen Oper Berlin bringt gewiss Erfahrungen in der historischen Aufführungspraxis mit, wovon ich mich schon in früheren Jahren überzeugen konnte, aber heute Abend tönt es besonders energetisch und straff wie das Göttinger Festspielorchester und darin erkenne ich das spezielle Markenzeichen des griechischen Dirigenten. Manches Mal, wie bei seinem „Giulio Cesare“, waren mir die Tempi fast schon zu flott, aber diesmal erscheinen sie genau richtig!

„Belshazzar“ ist zwar ein Oratorium, aber szenische Anweisungen in Partitur und Libretto legen nahe, dass Händel für sein Drama um Eitelkeit, Korruption und Unterdrückung eine bildhafte Inszenierung durchaus vorschwebte.
Herbert Fritsch findet dafür einen adäquaten Ansatz, unaufdringlich minimalistisch, lustig und pragmatisch im Hinblick auf imposante Chöre. Auf einer riesigen Treppe streiten hier drei Völker um die Macht: die Babylonier um den titelgebenden König Belshazzar (der in der Historie gar nicht König war), das unter ihm leidende jüdische Volk und das medisch persische Heer, das den Regenten zu Fall bringen will.
Der brillante Komiker Fritsch, dem simple Gut-Böse-Muster widerstreben, erzählt von diesem Sturz augenzwinkernd, indem er alle drei Völker mehr oder weniger zu Karikaturen macht. Da werden die Babylonier zu ridikülen Figuren in kunterbunten Gewändern mit künstlichen Bärten und Kopfputzen, allen voran natürlich Belshazzar als Parvenu mit hoch aufgetürmter Krone und goldener langen Schleppe, aber auch die Juden mit ihren pelzigen Hüten im Scheibenformat und die an kommunistische Regimes erinnernden Perser in blauen Monturen.

Ein wenig symbolische Bedeutung kommt mit der Treppe im Sinne eines Gefälles auch noch ins Spiel: Oben regiert die Macht, nach unten hin nimmt sie ab. Als Darsteller macht sich Robert Murray in der Rolle des aufgeblasenen, größenwahnsinnigen, gierigen Königs sehr gut, der sich reiflich tölpelhaft geriert, wenn er auf einem berauschenden Gelage Wein aus heiligen, geraubten Gefäßen trinkt. Stimmlich bleibt seine Vorstellung allerdings etwas blass, klein tönt sein Tenor, in den Koloraturen bewegt er sich vielfach im Ungefähren.
Ganz anders dagegen Soraya Mafi, die mit großer Leuchtkraft und Höhensicherheit als seine ebenso ehrgeizige wie besorgte Mutter Nicotris eine vorzügliche Vorstellung gibt.

Für die männlichen Solisten dieser Produktion ist es generell ein Segen, dass das Barockdrama an einem kleineren Haus wie dem Berliner Schillertheater, dem Ausweichquartier der Komischen Oper, verortet ist, werden am Premierenabend doch überwiegend kleinere Stimmen hörbar. Philipp Meierhöfer als jener Gobrias, der zusammen mit Cyrus das Heer anführt, das gegen den König zu Felde zieht, tönt in den Tiefen seines Baritons ziemlich dünn.
Auch dem Countertenor von Ray Chenez als Prophet Daniel, der Belshazzar seinen Sturz voraussagt, fehlt es an stimmlicher Substanz.
Dagegen gibt Susan Zarrabi mit ihrem großem, profunden Mezzo eine starke Vorstellung als Gobrias Kompagnon Cyrus; die Erkältung, für die sie sich vorsorglich entschuldigen ließ, hörte man ihrem von Wohllaut getragenem Vortrag gar nicht an.
Dass die Vorstellung trotz einiger sehr zarter Stimmen funktioniert, verdankt sie freilich Petrou, der mit dem Orchester so feinfühlig dynamisiert, dass alle Solisten gut zu hören sind.

Ein großer Trumpf bescheren der Aufführung die Phalanx aus Chor und Chorsolisten der Komischen Oper sowie dem Vocalconsort Berlin, die neben dem Singen akrobatische Einlagen meistern, wenn sie die Treppe vielfach herauf und herunter laufen, stolpern, hasten, tanzen oder hüpfen, ohne atemlos zu werden.
Alles in allem bei einigen Abstrichen eine sehens- und hörenswerte, vergnügliche Produktion, die gerade an Ostern neben den Festtagen an der Staatsoper, an der das spätromantische Repertoire im Vordergrund steht, die mögliche Vielfalt in Berlin unterstreicht. Das Publikum nahm sie mit verdient hohem Beifall auf.
Kirsten Liese, 29. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at