Edle Celloklänge versus Orchesterwucht – in Köln weiß man mit Kontrasten zu spielen

WDR Sinfonieorchester, Cristian Măcelaru, Kian Soltani, Solist  Kölner Philharmonie, 23. Januar 2026

Kian Soltani © Marco Borggreve

WDR Sinfonieorchester
Cristian Măcelaru, Dirigent

Kian Soltani, Solist

Pjotr Tschaikowsky – Nocturne d-Moll CS 349 für Violoncello und Orchester, Bearbeitung des Nocturne cis-Moll op. 19,4 CS 115 (1873)

Pjotr Tschaikowsky – Variationen über ein Rokoko-Thema A-Dur op. 33 CS 59 für Violoncello und Orchester

Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 5 in cis-Moll (1904)

Zugabe:
Reza Vali – „Das Mädchen aus Shiraz“

Kölner Philharmonie, 23. Januar 2026

von Daniel Janz

Vor ein paar Monaten erst hat der in Timișoara (Rumänien) geborene Cristian Măcelaru (45) den Posten als Chefdirigent beim WDR Sinfonieorchester verlassen. Dennoch ist er ein oft gesehener Gast. Man hat sich wohl im Guten getrennt. Das jedenfalls illustriert das heutige Konzert: Unter dem Titel „Liebeserklärung“ ziehen ehemaliger Chefdirigent und Orchester mit Pjotr Tschaikowsky und Gustav Mahler die Musik zwei der größten Romantiker hinzu, die die Orchestertradition kennt.

Diese zwei Tschaikowskys sind nicht der große Wurf

Die Nocturne d-Moll von Tschaikowsky kann man wohl als nettes Einstiegsstück bezeichnen. Das Wechselspiel zwischen dem vom Streicherteppich getragenen Solocello und vereinzelten Einwürfen von Fagott, Horn und Flöte hat seinen Charme. Wie ein kleines, aber spannungsarmes Appetithäppchen kommt dieses Stück daher und verklingt auch wieder, ohne aber einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Kaum mehr Charakter bieten die Rokoko-Variationen desselben Komponisten. Wie auch das vorherige Werk, bewegen diese vor allem durch die sehr geschickte und überaus feinsinnige Interpretation von Kian Soltani (33). Der österreichische Cellist iranischen Ursprungs vermag es, sein Instrument zum Singen zu bringen. Damit ist er es auch, der diesem doch sehr artig komponierten Werk erst das Leben einhaucht.

Kian Soltani Cellist © Marco Borggreve 

Sein Spiel ist damit der Höhepunkt dieses ansonsten sparsam instrumentierten und sehr kontrastarmen Stücks. Denn Wow-Effekte fehlen dieser Musik weitestgehend. Der ruhige Fluss der Variationen des Hauptthemas hat seine Momente. Insgesamt zieht es sich aber doch sehr und ergibt am Ende nur eine jener technikverliebten Kompositionen, die Klassik so in Verruf bringen, langweilig zu sein. Das ist Musik für Liebhaber und Kenner, taugt aber nicht, um neues Publikum zu begeistern.

Der fehlende Charakter der Musik bleibt auch nicht unbemerkt. Zur vorherigen Nocturne ist der Klangeindruck so ähnlich, als wären sie dasselbe Werk. So nimmt der Rezensent zwischen der ersten und zweiten Variation auch eine verwirrte Frage aus dem Publikum wahr, warum man zwischendurch überhaupt geklatscht habe.

Es steht und fällt daher mit Kian Soltanis Leistung, der das Bestmögliche herausholt. Besser als er kann man dieses Werk nicht spielen, was ihm auch große Anerkennung des Publikums einbringt. Wirklich begeistern kann er aber durch seine Zugabe. Das persische Volkslieb „Das Mädchen von Shiraz“ widmet er allen Iranern, die dieser Tage auf ein freies Land hoffen und schafft damit in nur 3 Minuten Musik neben diesem rührenden Zeichen für den Frieden auch ein wahres Gänsehauterlebnis.

Gustav Mahler Fünfte ist doch immer wieder ein Erlebnis!

Nach der Pause wird nicht nur das Orchester aufgestockt. Auch die Spannung in der Musik ist hör- und spürbar anders. Schon die ersten Töne versprühen Dramatik, als Martin Griebl (38) an der ersten Trompete zum berühmten Trauermarsch von Mahlers fünften Sinfonie anstimmt, bevor das volle Orchester krachend dazustößt. Diesen Wankelmut zwischen tosender Zerstörung und würdigem Schreiten darzustellen, ist stets eine Herausforderung. Heute gelingt das aber fein nuanciert. Es fällt besonders auf, wie Cristian Măcelaru die Kontraste hervorhebt. Das hat was!

Cristian Măcelaru © Thomas Brill

Der zweite Satz bleibt hinter dem ersten Feinsinn leider zurück. Măcelaru startet mit viel Tempo, was diesem Satz grundsätzlich zwar guttut. Stellenweise überspannt er hier aber den Bogen. Die Folge ist ein Chaos der Stimmen, worunter die Klarheit der Themen hörbar leidet. Dazu stellt sich noch der Eindruck ein, dass vermehrt Töne verschluckt werden. Auffällig ungünstig ist auch die Balance. So sind die Holzbläser hier stellenweise leider nur schlecht zu hören. Da wäre mehr gegangen!

Wie ausgetauscht wirkt das Orchester im dritten Satz, der in Kern einem kleinen Hornkonzert ebenbürtig ist. Von der ersten Note an sitzt alles! Golden strahlen die Hörner, allen voran Haeree Yoo (31), die ihre Solostellen mit enormem Volumen bei fantastischer Leichtigkeit meistert. Eine Glanzleistung, die ihr am Ende so tosenden Jubelapplaus einbringt, wie der Rezensent es noch nie für ein Orchestersolo erlebt hat. Auch Streicher und Glockenspiel brillieren. Das Holz strahlt nun in der Klarheit, die man in Satz 2 gewünscht hatte. Und Trompeten, Posaunen, Tuba und Schlagzeug sorgen für richtig Kraft. Allein für diesen fabelhaften Satz lohnt sich der Besuch!

Das WDR Sinfonieorchester Köln (WSO), aufgenommen in der Philharmonie Köln © WDR / Clüsserath

Ähnlich gut gelingt auch der vierte Satz, den Gustav Mahler seiner Frau Alma widmete. In diesem nur aus Streichern und Harfe bestehenden Kleinod ist es eine Herausforderung, die nur minimal unterschiedlichen Farben der verschiedenen Streicher herauszuarbeiten. Aber heute ist das schon große Kunst. Und der Rezensent muss eingestehen: Noch letztes Jahr hätte er das diesem Dirigenten nicht zugetraut.

Mit einem feurigen Finale krönen Dirigent und Orchester schließlich eine gute bis sehr gute Aufführung, die das Publikum am Ende aus den Sitzen reißt. Mit was für einer Lockerheit und Energie sie dieses Finale durchpreschen, kann sich sehen lassen. So gut würde man sie gerne öfter hören und die begeisterte Reaktion des Publikums spricht für sich. Am meisten (und verdient) umjubelt werden dabei Martin Griebl und Haeree Yoo, die wohl die Entdeckung des Abends ist. Diese Aufführung zeigt jedenfalls, das WDR Sinfonieorchester ist in Form. So kann das neue Jahr kommen!

Die Wiederholung des Konzerts vom 24. Januar 2026 kann auf YouTube unter folgendem Link nachgehört und -gesehen werden: https://www.youtube.com/watch?v=LRFLc99R-_4

Daniel Janz, 24. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

WDR Sinfonieorchester Eva Ollikainen, Dirigentin Kölner Philharmonie, 20. November 2025

WDR Sinfonieorchester, Marek Janowski, Dirigent, Frank Peter Zimmermann Kölner Philharmonie, 31. Oktober 2025

WDR Sinfonieorchester, Cristian Măcelaru, Dirigent, Kim Bomsori, Violine Marlis Schaum, Moderation

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