© Eduardus Lee
Auch im Concertgebouw in Amsterdam feierte das Publikum diese musikalische Sensationsleistung des West-Eastern Divan Orchestras unter Daniel Barenboim bereits nach der ersten Hälfte mit stehenden Ovationen. Die Musiker schmückten vor allem die zwei Symphonien von Schubert und Schumann mit ihrer einzigartigen künstlerischen Handschrift, das war weit mehr als eine Ehrenrunde des Jahrhundertkünstlers!
Concertgebouw Amsterdam, 22. September 2026
West-Eastern Divan Orchestra
Daniel Barenboim, Dirigent
Franz Schubert: Symphonie Nr. 8 h-Moll D759 „Unvollendete“
Richard Wagner: Vorspiel und Liebestod aus Tristan und Isolde
Robert Schumann: Symphonie Nr. 3 Es-Dur op. 97 „Rheinische“
von Johannes Karl Fischer
Wie eine Ernennung zum ersten Ehrenkünstler der Klassikwelt feierte das Amsterdamer Publikum Daniel Barenboim mit dem West-Eastern Divan Orchestra: Bravo-Rufe gab es schon vor der ersten Note, für diesen wohl einzigartigen Künstler mit seinen zwei Weltkarrieren völlig verdient.
Vielleicht hatte man auch noch im Kopf, wie die Nachricht von Daniel Barenboims Erkrankung an Parkinson vor knapp zwei Jahren die Klassik-Welt erschütterte. Doch unter der Leitung des ehemaligen Generalmusikdirektors auf Lebenszeit der Berliner Staatsoper meisterte das West-Eastern Divan Orchestra nicht nur Schubert, Wagner und Schumann, nein, die Musiker präsentierten die Werke mit einer einzigartigen künstlerischen Handschrift. Ein mindestens kleines Wunder geschah im Concertgebouw Amsterdam.
Was das Team Barenboim – Papa Daniel am Pult, Sohn Michael Konzertmeister – und ihre restlichen Musikerkollegen schon in den ersten Takten der Unvollendeten von Schubert in Klänge setzte, haute einen völlig vom Hocker. Jede einzelne Note war mit Liebe musikalisch geformt und berührte die musikalische Seele. Das berühmte zweite Cellothema segelte von den Saiten, das Orchester vereinigte sich zu einem sanften musikalischen Strom im Fluss dieser Musik. Auch der zweite Satz ließ einen in die glanzvolle Welt dieser Musik eintauchen und die Melodien mitatmen.

Ebenso mitreißend geriet nach der Pause Schumanns Rheinische Sinfonie. Von Anfang an stürzte der Chef am Pult das Orchester in die Partitur, vor allem im ersten Satz nahm das Werk immer mehr an Fahrt auf und bereite den Zuhörern grenzenlosen Spaß beim Zuhören. Auch die weiteren Sätze versetzten das Publikum nicht zuletzt dank der prächtigen Akustik in den siebten Schumann-Himmel. Den Zauber der ruhigen Melodien spürte man bis in die letzten Balkon-Reihen.
Ein wenig hatte das schon fast die Stimmung einer Uraufführung, als würde ein musikalisch furchtloser Komponist sein Publikum in den musikalischen Strudel seiner neuen Sinfonie reißen, ein paar technische Schönheitsfehler gehören halt dazu. Nun ja, diese Spielstätte war schon eine gefeierte Institution der klassischen Musik als noch Richard Strauss, Gustav Mahler und Bruno Walter am Pult standen, eigentlich alles recht am Ort. Die vielen an der Balkonbrüstung angebrachten Komponistennamen sind hier eben ein Teil der Hausgeschichte.
Beim ersten Blick auf das Programm hätte ich es für schwer möglich gehalten, doch zwischen diesen zwei kompositorisch eher unspektakulären Werken geriet das Vorspiel und der Liebestod aus Tristan fast schon ein wenig in den Hintergrund. Der ehemalige Bayreuther Rekorddirigent ließ die sehr intensiven Emotionen dieser Musik zwar durch den Saal fegen, die Melodien schritten rauschhaft wie mitreißend voran und tief in den klangvollen Englischhorn-Soli schwangen die Gefühle des in der Oper dargestellten Liebespaars mit.

So ganz außerirdisch klang es allerdings nicht, irgendwas fehlte. Vielleicht könnte man sagen, Schubert und Schumann hauten einen heute um, bei einem Tristan Vorspiel unter Barenboim gehört die musikalische Crème de la Crème fast schon zur Mindesterwartung des Publikums. Was auch wiederum ein Problem ist, jede Aufführung ist ein individuelles, verzauberndes Ereignis für sich im hier und jetzt.
So oder so reagierte das Publikum völlig zurecht mit stehenden Ovationen auf diese musikalische Wunderleistung. Besonders lautstark feierte man diesen Jahrhundertkünstler übrigens auf den Podiumsplätzen. Musik ist eben eine heilige Kunst des unsterblichen Lebens.
Johannes Karl Fischer, 23. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Berliner Philharmoniker, Daniel Barenboim, Dirigent Philharmonie Berlin, 3. Oktober 2025
Lang Lang, Barenboim & WEDO Bremer Konzerthaus, Die Glocke, 9. August 2025