Musikverein Wien: Stargeigerin Julia Fischer glänzt mit einem Rohdiamanten

Wiener Symphoniker, Philippe Jordan, Julia Fischer,  Musikverein Wien

Foto: Felix Broede (c)
Musikverein Wien, Goldener Saal,
2. Juni 2018
Wiener Symphoniker
Philippe Jordan, Dirigent
Julia Fischer, Violine

von Jürgen Pathy

Wenn die traditionsreichen Wiener Symphoniker unter der Leitung des Chefdirigenten höchstpersönlich, eine der weltweit führenden Geigensolistinnen und ein lyrisch-leidenschaftliches Programm den prächtigen Goldenen Saal des Musikvereins Wien beehren, ist es nicht verwunderlich, dass an der Abendkasse nur mehr Restkarten zu ergattern sind.

Obwohl das Tanz-Rondo aus dem Jahre 1959 des österreichischen Komponisten Gottfried von Einem klassizistisch, übersichtlich konzipiert wurde und keine schrillen, atonalen Auswüchse für körperliches Unbehagen sorgen könnten, dürfte der Hauptgrund des internationalen Zuschauerandranges dennoch ein anderer sein.

Neben der hochkarätigen Künstlerriege und der abschließenden Sinfonie gilt der Besucherstrom sicherlich auch einem Werk, dessen Wege leider viel zu selten in die ruhmreichen Hallen der großen Konzerthäuser führen: dem Schumann’schen Violinkonzert in d-Moll. Obwohl im Oktober 1853 komponiert, mussten 84 Jahre verstreichen, bis dieses Juwel unter mysteriösen Umständen wieder entstaubt wurde: am 26. November 1937 in der Deutschen Oper Berlin, im Rahmen einer NS-Veranstaltung.

Die Ursachen dieser ungewöhnlich langen Wartezeit sind nicht eindeutig geklärt. Nachdem Robert Schumann kurze Zeit nach der Fertigstellung des Violinkonzertes sich selbst in die Nervenheilanstalt Endenich bei Bonn hatte einliefern lassen– in der er am 29. Juli 1856 verstarb – verhinderten Clara Schumann und der ungarische Geiger Joseph Joachim die Publikation des Werkes. Gründe hierfür seien die bereits erkennbare geistige Umnachtung Schumanns und technische „Makel“ des letzten Satzes gewesen.

Auch die Münchner Stargeigerin Julia Fischer, 34, sieht in diesem dramatischen Werk einige Makel. Deshalb hat sie diesen Rohdiamanten geschliffen, hochglanzpoliert und „wenn nötig eine Oktave höher gesetzt, um die Balance mit dem Orchester herzustellen“, wie sie dem Rezensenten mitteilte.

Den zarten Goldhändchen entspringt eine feinfühlige, hochkarätige Interpretation, deren unkonventionelle Phrasierungen (Synkopen) tiefe Einblicke in die irrsinnige, leidenschaftliche Seelenwelt des deutschen Komponisten gewähren. Das herzergreifende Solothema des langsamen Satzes zerstören jedoch die ersten Geigen, die sich ausgerechnet bei der innigsten Pianissimo-Stelle zu forsch in den Mittelpunkt drängen. Selbst die vehementen Reaktionen des Dirigenten können die rührend wehmütige Magie des Moments nicht mehr zur Gänze retten.

Als Zugabe schüttelt die deutsche Stargeigerin die virtuose Caprice in Es-Dur von Niccolò Paganini aus den Ärmeln. Unter den ersten Geigen entfacht zwischen drei Musikern ein heftiger Diskurs – vermutlich der Griffhaltung oder der Technik der Solistin wegen, wie man aus den Gesten erahnen kann.

Bei der abschließenden G-Dur Sinfonie des böhmischen Komponisten Antonín Dvořák harmonieren Philippe Jordan, 43, und dessen grandiose Wiener Symphoniker wieder auf höchstem Niveau. „Musik kommt aus der Stille, das ist wie Meditation“, philosophiert der Schweizer Stabführer in einem TV-Interview, „jeder bedeutende Komponist hat seine große Musik aus der Stille geschaffen, deshalb ist eine gewisse Piano-Kultur, Sensibilität und Feinheit sehr wichtig“.

Dieses sensible Idealbild des Klanges, die bezaubernden Wiener Symphoniker und Dvořáks idyllische Achte verwebt der elegante Dirigent mit anmutigen Bewegungen zu einem großen Ganzen. Unter der Führung des designierten Musikdirektors der Wiener Staatsoper (ab der Saison 2020/21) versinkt das Publikum in einen friedlichen Traum, zieht in einer bäuerlichen Droschke vorbei an malerischen Landschaften, arkadischen Dörfern und glasklaren Teichen.  Diese achte Sinfonie ist eine eindrucksvolle Hommage an die böhmische Heimat des Komponisten.

Lautstarke Bravi-Rufe zählen in den Wiener Konzertsälen eher zur Ausnahme, aber bei den Wiener Symphonikern scheinen sie zur Regel zu werden. Trotz der zu energischen ersten Geigen bei Schumanns Violinkonzert: Bravissimo!

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 3. Juni 2018,  für
klassik-begeistert.at

Gottfried von Einem
Tanz-Rondo, op. 27
Robert Schumann
Konert für Violine und Orchester d-Moll, WoO 1
Zugabe:
Niccolò Paganini
Caprice Nr. 17 Es-Dur
Antonín Dvořák
Sinfonie Nr. 8 G-Dur, op. 88

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