Tonkünstler im Wiener Musikverein: Nobuyuki Tsujii bringt den Goldenen Saal zum Strahlen

Tonkünstler Orchester Niederösterreich, Nobuyuki Tsujii, Yutaka Sado,  Musikverein Wien

Foto: harmonia mundi (c)
Musikverein Wien, Goldener Saal
, 3. Juni 2018
Tonkünstler Orchester Niederösterreich
Nobuyuki Tsujii,
Klavier
Yutaka Sado, Dirigent
Joseph Haydn: Symphonie B-Dur Hob. I:102
Maurice Ravel: Konzert für Klavier und Orchester G-Dur
Antonín Dvořák: Symphonie Nr. 8 G-Dur op. 88

von Thomas Genser

Gerade erst zurück von ihrer dreiwöchigen Japan-Tournee steht das Tonkünstler Orchester Niederösterreich schon wieder auf der Bühne des Wiener Musikvereins. Chefdirigent Yutaka Sado dirigiert einen spritzigen Haydn und leitet ein Ravel-Klavierkonzert, das sich vor niemandem zu verstecken braucht: Der blinde Pianist Nobuyuki Tsujii bringt dabei den Goldenen Saal zum Strahlen. Danach ist Dvořáks Achte ein leichtes Unterfangen für das Orchester.

Aus den über 100 Sinfonien von Joseph Haydn ist vor allem die zwischen 1792 und 1795 in London entstandene Gruppe bekannt. Die Nr. 102 in B-Dur (1794) eröffnet das Konzert. Sado lässt die Musik in der Einleitung langsam anschwellen bis der Satz im Vivace Fahrt aufnimmt. Energetisch wie kaum ein anderer zeichnet der Japaner die dynamischen Bögen. Zuckersüße Flöten und rollende Pauken wechseln einander ab – hier hört man Klassik in Vollendung! Mit argen Grimassen und Verdrehungen seines Körpers leitet Sado in die Durchführung, die von einem effektvollen Wechsel nach Moll geprägt ist.

Bedeutend schlichter klingt das Adagio, ein Variationensatz, der auf dem zweiten Satz von Haydns Klaviertrio in Fis-Dur basiert. Das Thema wird mit einigen Schnörkeln versetzt, das Solo-Cello tritt markant hervor. Trotz kratzigem Charakter sind dessen Linien klangschön und wohlgeformt – doch könnten diese ein wenig lauter sein. Viel Wumms hingegen bringt das Menuett. Yutaka Sado verstärkt diesen Effekt durch ein minimales Ritardando vor jedem Taktbeginn, von solchen Nuancen lebt Musik! Das Trio erinnert an Mozart, zitierte Haydn hier doch eine Passage aus dem Don Giovanni.

Betont flott geht es im Finale zu: Presto galoppiert das Thema davon, die Geigen haben Mühe, hinterher zu kommen, doch Sado hält die Zügel fest in der Hand. Im zweiten Couplet dieses Rondos wechselt die Musik plötzlich nach b-Moll – wieder einmal zeigt sich Haydn, der Schelm. Seine musikalischen Spiele mit unseren Hörerwartungen überraschen auch über 200 Jahre später immer wieder aufs Neue. Die dynamischen Trugschlüsse sind unter Sados Dirigat hoch wirkungsvoll, schließlich setzt aber auch “Papa Haydn” mit einer letzten Kadenz einen Punkt unter die Sinfonie.
Aus Yutaka Sados Heimat stammt auch Nobuyuki Tsujii, der in Ravels Klavierkonzert G-Dur den Solopart übernimmt. „Nobu”, wie ihn Freunde und Familie nennen, kam blind zur Welt, ist heute aber ein pianistisches Supertalent. Liebevoll führt ihn Sado an den Steinway-Flügel, von wo aus er innerhalb weniger Augenblicke das Publikum in seinen Bann ziehen kann. Eingeleitet durch einen einzelnen Peitschenhieb begibt man sich auf eine Reise in die Welt Ravels, des kleinen komischen Kauzes aus Frankreich, der so viel für die Musik der Moderne geleistet hat.

Tsujiis Spiel vermag hier jegliche Schattierung auszudrücken: Stellenweise hochgradig empfindsam, dann ruppig, bald wieder jazzig und virtuos. Ein Abbild von Ravels Musik selbst, einer bunten Palette aus Impressionismus, Neoklassik, diversen Lokalkoloriten und Jazz. Sein fehlendes Augenlicht kompensiert Nobuyuki Tsujii mit einem Gespür für die akustische Ebene, das selten anzutreffen ist. Die Kommunikation mit Sado am Pult funktioniert scheinbar intuitiv. Wie ein Chopin-Stück startet der zweite Satz, den der Pianist mit elegant-delikatem Anschlag beinahe solistisch bestreitet. Sado verdichtet langsam die Textur, Flöten übernehmen die melodische Führung, und das Orchester steigert sich gemeinsam in Extase.
Im finalen Presto zieht der Pianist alle Register seines Könnens: Die Läufe und schnellen Ketten setzen sich mit Inbrunst gegen das vom Schlagwerk dominierte Geschehen durch. Zuweilen kann man seine Fingernägel auf den Tasten klackern hören, was eine zusätzliche perkussive Note bildet. Unglaublich sind Beifall und Jubelrufe danach, selbst Yutaka Sado sitzt voll Ehrfurcht an der Kante seines Dirgierpultes, während Tsujii eine solistische Zugabe spielt.

Dieses Feuerwerk zu toppen fällt danach nicht leicht. Auf dem Programm steht Dvořáks 8. Sinfonie. Sado dirigiert das Werk mit unglaublich agilen Bewegungen, von Luftsprüngen bis Kniebeugen ist alles dabei – gelegentlich sind sogar seine Atemzüge zu hören. Zunächst beginnt das 1890 in Prag uraufgeführte Werk aber wie ein idyllischer Sonnenaufgang auf dem Land. Assoziativ pendelt man irgendwo zwischen Tschaikowski und Beethovens Pastorale, vom Klang her stehen aber bald wuchtige Spätromantik und hohe Lautstärke im Fokus.

Mit der so gewonnen Aufmerksamkeit des Publikums kann Sado die übrigen Sätze in Ruhe ausgestalten: Das Adagio wird nach stetigem Wechsel zwischen Dur und Moll von naturhafter Quartenmelodik zu Ende getragen, während das Allegretto grazioso ein graziler Walzer ist. Zum Finale gibt es Trompetenfanfaren und ein einfaches Thema, das die Celli anfangs alleine ausbrüten. Unterstützung kommt von den Geigen, was dann darausschlüpft, ist ein mächtiges Finale. Der Klang ist sehr homogen, stellenweise grell, aber immer perfekt ausgewogen. Hörner schmettern, die Tuba bohrt sich durchs Orchester und im ewigen Kampf der Gemüter triumphiert schließlich optimistische Lebensbejahung.

Thomas Genser, 3. Juni 2018, für
klassik-begeistert.de

 

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