Philippe Jordan treibt Beethovens Symphonien zum Endspurt an

Wiener Konzerthaus, Großer Saal, 19. Januar 2018
Wiener Symphoniker
Philippe Jordan, Dirigent
Ludwig van Beethoven
Symphonie Nr. 4 B-Dur op. 60
Symphonie Nr. 5 c-Moll op. 67

von Mirjana Plath

Der Beethoven-Zyklus der Wiener Symphoniker mit allen neun Symphonien hat am Sonntag sein großes Finale. Einen Vorgeschmack gab es bereits am Freitagabend in der Konzertreihe „Fridays@7“ in abgespeckter Form: Philippe Jordan dirigierte die Symphonien 4 und 5 in einem gut einstündigen Konzert ohne Pause. Die 8. Symphonie (die letzte, die noch nicht in diesem Zyklus gespielt wurde) erklingt am Sonntag im Konzerthaus.

Beim Einlaufen der Musiker hat einer der Bläser bereits seinen großen Auftritt: Offenbar gibt es ein Problem mit den vorbereiteten Notenständern. Als sich alle Orchestermitglieder bereits gesetzt haben, eilt er nochmals hinaus und tauscht ein Pult aus. Beim erneuten Hereinkommen will er sich nicht als Dirigent missverstanden sehen und winkt beschwichtigend ab. Das Publikum lacht – und schenkt ihm trotzdem einen gebührenden Applaus. Hut ab vor dieser Coolness! Wenige Minuten später erscheint Philippe Jordan selbst. Mit dem richtigen Dirigenten kann das Konzert nun beginnen.

Die Wiener Symphoniker präsentieren einen mustergültigen Beginn der 4. Symphonie. Der Kopfsatz fängt mit einem Adagio im Piano an. Die Geigen interpretieren dieses Piano so zart und sanft, als würde nur ein einziges Instrument die Stimme spielen. Der Übergang zum Allegro vivace gelingt fabelhaft, die Staccati im Orchester sind gestochen scharf. In den Bläser-Einschüben schaffen die Oboen- und Klarinettenstimmen einen lyrischen Dialog mit dem Orchester.

Im zweiten Satz, einem Adagio, tut sich besonders die Flöte hervor. Sie trägt ihre Melodie mit klar artikulierten Tönen in den Saal hinein und lässt sich nicht von den anderen Stimmen überdecken. Diese Tragweite behält sie im ganzen Konzert bei. Immer wenn das Instrument gefragt ist, klingt das Spiel der Flötistin brillant. Der dritte Satz (Allegro vivace) besticht durch die fließende Weitergabe der Motive in den Stimmen. Diese Übergänge führt das Orchester gut aus.

Den Schlusssatz im Allegro ma non troppo dirigiert Jordan halsbrecherisch schnell. Den Anhang „ma non troppo“ in der Charakterbeschreibung des vierten Satzes scheint er auszuklammern. Die Musik klingt dadurch gehetzt. Der Dirigent fordert von den Musikern auch eine extreme Dynamik. Die Streicher spielen so laut, dass ihre Bögen durch die heftige Bewegung auf den Saiten schnarren. Diese überwältigende Lautstärke behält Jordan auch in der fünften Symphonie bei, die er direkt im Anschluss dirigiert.

Die vorangegangene Ruhelosigkeit kann das Orchester im ersten Satz der 5. Symphonie nicht ganz abschütteln. Deutlich wird das an der Fortspinnung des Kopfmotives. In der Partitur wechseln sich hier die Stimmen in der Melodieführung ab. Dabei setzen die Streichergruppen teilweise so hastig ein, dass sie die vorgeschriebenen Achtelpausen verschwinden lassen.

Ganz anders das folgende Andante con moto: Die tiefen Bratschen und Celli machen mit ihrer anmutigen Einleitung die vorherige Hast vergessen. Die Hörner und Trompeten schreiten triumphal ihre Fortissimi-Passagen ab und geben dem Satz einen majestätischen Schimmer. In den beiden letzten Sätzen, die ohne Pause nacheinander gespielt werden, zieht Jordan alle Register. Die Hörner posaunen beinahe schon bedrohlich die Tonrepetitionen in voller Lautstärke heraus. Unaufhaltsam marschiert das Orchester voran und bringt die Symphonie zu einem eindrucksvollen Abschluss.

Die Zeit vergeht wie im Flug – plötzlich steht schon das gesamte Orchester auf, um den Applaus des Publikums zu empfangen. Gut haben sie gespielt, nach den teilweise abenteuerlichen Läufen im Turbotempo haben sie sich einen ruhigen Abend verdient. Die Konzertbesucher strömen aus dem Saal ins Konzerthausfoyer. Dort warten zwei Bars und ein musikalischer Konzertausklang auf sie. Das Vienna Symphony Jazz Project mit Hyung-ki Joo am Klavier lädt die Gäste zum Verweilen ein. Dieses Konzept mit anschließendem Konzertausklang macht „Fridays@7“ zu einem sympathischen Konzertformat. Es schenkt seinen Zuhörern ein ungezwungenes Umfeld für klassische Musik. Ich freue mich schon auf das nächste „Fridays@7“!

Mirjana Plath, 20. Januar 2018, für
klassik-begeistert.at

Foto: Johannes Ifkovits

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