Vogt, Shagimuratova, Selig: Ein Engel, eine Nachtigall und Vater Erde bezaubern mit sängerischen Sternstunden in einer magischen “Zauberflöte”

Wolfgang Amadeus Mozart, Die Zauberflöte, Yannick Nézet-Séguin, Klaus Florian Vogt, Albina Shagimuratova,  Festspielhaus Baden-Baden

Foto: Andrea Kremper (c)
Festspielhaus Baden-Baden, 
8. Juli 2018
Wolfgang Amadeus Mozart, Die Zauberflöte
Yannick Nézet-Séguin, Dirigent
Klaus Florian Vogt, Tamino
Albina Shagimuratova, Königin der Nacht
Christiane Karg, Pamina
Rolando Villazón, Papageno
Regula Mühlemann, Papagena
Franz-Josef Selig, Sarastro

von Sebastian Koik

Schon die Ouvertüre in der konzertanten Aufführung der “Zauberflöte” im Festspielhaus Baden-Baden am 8. Juli 2018 ist eine Feier – und es soll ein großer Abend werden!

Klaus Florian Vogt ist als Tamino eine Sensation und die Idealbesetzung, ein absolut perfekter edler Prinz! Schöner kann man das nicht singen! Das wunderbare Lied vom bezaubernd schönen Bildnis erklang wohl in den 227 Jahren seit der Uraufführung in Wien kaum je so schön wie an diesem späten Nachmittag in Baden-Baden.

Klaus Florian Vogt, einer der herausragenden Tenöre der Gegenwart, singt mit unvergleichlich unschuldiger und reiner Stimme wie ein Engel. Dieser wunderbare Tenor singt herrlich weich und ätherisch, doch bei aller Zartheit ist sein präziser Gesang sehr dicht und intensiv. Er schwebt über allem. Vogt singt mit Gefühl und brilliert auch in dramatischen Passagen mit großartigen Ausbrüchen.

Vogt als Tamino ist ein wunderbares Erlebnis und sorgt für Gänsehaut und Entzücken, zaubert den Zuhörern immer wieder ein Lächeln ins Gesicht und ins Herz!

Die zweite große Sensation der Baden-Baden-Gala ist Albina Shagimuratova als Königin der Nacht. Auch diese Rolle kann man nicht bezaubernder singen als sie an diesem Abend! Ihr Gesang ist von faszinierender Natürlichkeit, Autorität und Schönheit. Ihre Stimme ist in allen Lagen sensationell dicht und intensiv. Sie verkörpert die Königin der Nacht ganz und gar, geradezu übermenschlich gut und kann scheinbar alles.

Sie kann herrlich zart singen, aber auch kraftvoll dramatisch und mit sprühendem Feuer. Ihre unfassbar brillant-präzisen und berückend schönen Koloraturen sind nicht von dieser Welt. Die große Arie der Königin der Nacht im zweiten Akt hat das Universum vermutlich selten schöner gehört als in diesen Minuten maximaler sängerischer Schönheit von Albina Shagimuratova.

In diesen Minuten der Glückseligkeit scheint das Festspielhaus an der Oos der Mittelpunkt der Welt zu sein. Es gibt gewaltigen und langen Szenenapplaus, Shagimuratova muss oder darf noch einmal auf die Bühne zurückkommen. Alle, selbst die Musiker aus Chor und Orchester, können nicht aufhören, dieser unfassbar schönen Gesangsleistung zu applaudieren.

Albina Shagimuratova als diese Königin der Nacht: Gänsehaut, Spektakel, Schönheit, Perfektion.

Franz-Josef Selig als Sarastro komplettiert das Trio solistischer Glanzleistungen. Sein edler tiefer Bass ist von natürlicher Autorität, klingt wunderbar schön und begeisternd lebendig. Sein eleganter Gesang und seine Artikulation sind sehr präzise. Neben herrlichst wabernden tieferen Tönen ist er auch in höheren Lagen zu jeder Zeit souverän. Sein Atem ist lang.

Selig verkörpert den Sarastro begeisternd authentisch. Er singt seinen Text und seine Noten mit heiliger Überzeugung. Besonders am Ende klingt Seligs warmer Bass herrlich erdig. Er wirkt hier klanglich wie ein Erdgott, „Vater Erde“. Franz-Josef Selig präsentiert sich in Baden-Baden als Sarastro-Idealbesetzung.

“Sein Geist ist kühn, sein Herz ist rein”, singt der Chor über Tamino. Das gilt für Tamino und dessen Darstellung durch Klaus Florian Vogt – doch der ganze RIAS Kammerchor selbst klingt, als sänge jedes seiner Mitglieder mit kühnem Geist und reinem Herzen.

Der Chor ist das vierte Highlight des Abends, präsentiert sich sensationell gut, mit herausragender Präzision und allzeit feinstem Schönklang. Selbst bei hohem Tempo klingen die begnadeten Sängerinnen und Sänger immer sauber, kraftvoll und schön.

Besonders der reine Herrenchor fasziniert mit einem Gesang zum Niederknien, der einerseits unglaublich zart klingt, dabei aber von großer Intensität ist. Diese grandiosen Herren singen ätherisch klar und rein und erinnern an die Chorversion von Klaus Florian Vogt: ein Engelschor.

Der Dirigent Yannick Nézet-Séguin beweist großes Verständnis für die Musik Mozarts und gibt der Musik an einigen Stellen eindrucksvoll Zeit zu atmen. Das Orchester ist voller Spielfreude, musiziert spritzig und mit Tiefe, klingt elegant weich und bezaubert mit immer wieder tänzelndem Esprit.

Das Dirigat ist, wie immer bei Nézet-Séguin, maximal energetisch und kraftvoll, und reißt seine Musiker sowie das Publikum mit. Es herrscht große musikalische Spannung. Selbst erfahrenste und verwöhnteste Musikfreunde können sich nicht erinnern, je ein besseres Zauberflöten-Orchester erlebt zu haben, als in dieser Aufführung in Baden-Baden mit dem Chamber Orchestra of Europe unter dem genialen und charismatischen Yannick Nézet-Séguin.

Wenn man etwas an der Orchester-Leistung bemängeln will: Die Trompeten-Fanfaren am Ende klingen etwas zögerlich und müde. Vermutlich wird Nézet-Séguin beim nächsten Auftritt besonders darauf achten.

Christiane Karg begeistert als Pamina mit schönen, klaren, sauberen Höhen – warm und mit Schmelz. Ihre Spitzentöne sind herrlich schön. Sie singt mit dichter Stimme und langem Atem. Doch wirkt ihr Gesang, vor allem zu Beginn der Oper, leicht unnatürlich und gedeckelt, teilweise auch etwas leise. Sehr eng von Yannick Nézet-Séguin geführt singt sie eine herrlich lyrische und berührende Todes-Arie.

Rolando Villazón ist ein Papageno mit Spaß an der Darstellung und großem komödiantischem Talent. Mit kleinen Gesten, wie kecken kleinen Hüftschwüngen, bringt er das Publikum immer wieder zum Lachen.

Als Mensch fliegen ihm immer noch die Herzen zu, doch von dem Rolando Villazón, der an der Seite von Anna Netrebko in “La Traviata” bei den Salzburger Festspielen im August 2005 den umjubelten Alfredo gab, ist stimmlich leider nicht mehr viel übrig. Rolando Villazóns Stimme fehlt es im Jahr 2018 an Natürlichkeit und Kraft und vielem anderen, und sie klingt unschön angestrengt.

Der ehemalige Klasse-Tenor kann nicht mehr wirklich die Höhen singen. Seinem sehr monoton wirkenden Bariton-Gesang fehlt es an Farben und der Lebendigkeit, für die er sonst mit seinem ganzen Wesen steht.

Regula Mühlemann begeistert gesanglich und darstellerisch als Papagena. Ihre Spielfreude ist ansteckend. Ihr Gesang ist herrlich schön und intensiv. Ihre klaren Höhen klingen erstaunlich erfrischend, erinnern an einen kühlen Gebirgsbach. Wunderbar! Schade, dass ihr Auftritt so kurz ist und man an diesem Abend nicht mehr von ihr zu hören bekommt.

Paul Schweinester ist ein guter Monostatos, bezaubernd schön in höheren Lagen und langsameren Passagen, doch sobald es schneller wird, klingt er teilweise etwas gehetzt, die Stimme wirkt dann etwas blass und dünn. Sein Gesang klingt oft etwas verzerrt in die Tiefe gedrückt.

Levy Sekgapane und Douglas Williams singen starke Priester / Geharnischte.

Drei Jungen von den Aurelius Sängerknaben aus Calw als die “drei Knaben” erfreuen optisch und akustisch das Publikum und die Musiker.

Die drei Stimmen der “drei Damen” Johanni van Oostrum, Corinna Scheurle und Claudia Huckle mischen sich aufs Schönste.

 Das Festspielhaus Baden-Baden wird einmal mehr zum musikalischen Tempel: Diese “Zauberflöte” wird im Gedächtnis bleiben.

Sebastian Koik, 9. Juli 2018, für
klassik-begeistert.de

Paul SchweinesterMonostatos
Tareq Nazmi, Sprecher
André Eisermann, Erzähler
Johanni van Oostrum, Erste Dame
Corinna Scheurle, Zweite Dame
Claudia Huckle, Dritte Dame
Levy Sekgapane, Erster Priester/Erster Geharnischter
Douglas Williams, Zweiter Priester/Zweiter Geharnischter
Aurelius Sängerknaben, Drei Knaben
Chamber Orchestra of Europe
RIAS Kammerchor

Ein Gedanke zu „Wolfgang Amadeus Mozart, Die Zauberflöte, Yannick Nézet-Séguin, Klaus Florian Vogt, Albina Shagimuratova,
Festspielhaus Baden-Baden“

  1. Wir haben selten eine so schlechte „Zauberflöte“ gehört (14.7.18) und sind nach dem ersten Akt trotz des Kartenpreises von 190,00 Euro gegangen. Über Rolando Villazon muss man nichts mehr sagen. Unser deutscher Starbariton, Jonas Kaufmann (der ja auch in München vor kurzem Parsifal gebrummt hat), wäre hier sicher besser gewesen. Klaus Florian Vogt ist mittlerweile ein jugendlicher Heldentenor mit zuviel metallischem Blech in der Stimme und für diese Rolle fehlbesetzt. Herr Selig artikuliert wie immer (Gurnemanz zu Ostern) sehr schlecht. Frau Shagimuratova mag einen schlechten Tag gehabt haben, und alle anderen waren Durchschnitt. Die einzige Freude waren die exzellenten drei Damen. Wenn man diese Aufführung auch discographisch vergleicht, fragt man sich, wie die DG das hinbiegen will und an wen sie das verkaufen können wird. Über das Dirigat möchte ich nichts sagen, ich denke nur an Beecham, Walter, Levine (1978, Salzburg), Sawallisch (München). Aber es war sicher ein großes „Event“und das ist ja heutzutage das Wichtigste.

    Dr. Peter Rosenbeiger

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