Don Giovanni an der Wiener Staatsoper: Die dubiose Figur fasziniert trotz der Metoo-Debatte

Foto: © Michael Pöhn
Wiener Staatsoper, 
16. November 2018
Wolfgang Amadeus Mozart, Don Giovanni

von Jürgen Pathy

Rund um die Devise „Wer nur einer treu ist, begeht Unrecht an allen anderen“ spinnt sich eine der dramatischsten Geschichten der Opernliteratur. Es ist die Devise jener zwielichtigen Gestalt, deren Ruhm unter anderem auch Wolfgang Amadeus Mozart und dessen Librettisten Lorenzo Da Ponte zu verdanken ist: Es ist das Motto des Don Giovanni – des ausschweifenden jungen Edelmanns, der sich einen Dreck um ethische, moralische und gesellschaftliche Konventionen schert. Er mordet, vergewaltigt, verführt und wirft ohne mit der Wimper zu zucken seinen Diener der tobenden Meute zum Fraß vor die Füße.

Vielleicht sind es gerade diese verwerflichen Charaktereigenschaften, das freizügige Leben im Moment ohne jegliche Konsequenzen bedenken zu müssen, weshalb das Faszinosum des Don Giovanni seit seiner Uraufführung in Prag 1787 ungebrochen bis in die Gegenwart reicht: Alle drei Vorstellungen der ersten Hälfte dieser Saison an der Wiener Staatsoper sind ausverkauft – obwohl ganz große internationale Namen fehlen.

Der Genuss, diese zwielichtigen Eigenschaften des Don Giovannis auszuleben – sei’s auch nur auf der Bühne –, widerfährt dem Bariton Markus Werba, 45. In den Tiefen des Österreichers gedeiht ein glaubwürdiger Spötter, Herzensbrecher und Mörder – diese große lyrische Partie liegt dem Bariton, dessen Optik, Bühnenpräsenz und Ausstrahlung ein perfektes Abbild des Don Juans widerspiegeln. Werba mimt einen exzentrischen Herrn, dessen eloquente „Champagner-Arie“ zurecht lautstarken Beifall erntet. Obwohl in den tiefen Lagen teilweise zu dünn eine sauber geführte Stimme, deren Volumen der Sänger im Laufe seiner Karriere erheblich steigern konnte.

Dieser übermächtigen Präsenz muss sich auch sein Diener Leporello machtlos ergeben. Im Schatten seines Herrn verblast der junge Anatoli Sivko, der bis auf die „Registerarie“ niemals wirklich in Erscheinung treten kann. Die farbenreiche Inszenierung des 2016 verstorbenen Regisseurs Jean-Louis Martinoty tut das Übrige: Dieser unübersichtlichen Maskerade, die geprägt ist von ständigen Kostümwechseln, fällt schnell ein farbloser Sänger zum Opfer, dessen Präsenz und Aura am unteren Energielevel angesiedelt sind – zu diesen Kollateralschäden zählt an diesem Abend der junge Weißrusse, dessen Stimme für die große Bass-Partie des Leporellos zu unreif wirkt.

Im Gegensatz zum frisch gebackenen Ensemblemitglied Peter Kellner, 29, als Masetto: Der junge slowakische Sänger kann mit seiner etwas helleren, kernigen Bassstimme gesanglich als auch darstellerisch ein weiteres Mal überzeugen. Kellner, der zuvor an der Oper Graz beheimatet war, ist ein Jackpot für das Haus am Ring!

Warum seine Geliebte, die junge Zerlina, jedoch mit einer Mezzosopranistin besetzt wurde, bleibt mehr als fragwürdig. Dem ebenso frischen Ensemblemitglied Virginie Verrez wurde damit kein perfekter Einstand ermöglicht: diese Zerlina kämpft mit den Koloraturen, gerät zu dramatisch – die Naivität einer jungen Bäuerin könnte eine unschuldig klingende Soubrette deutlich besser verkörpern.

Den Protytypus der Aufklärung, den vorsichtigen Don Ottavio, kann hingegen kein Opernhaus besser besetzen: Wo, wenn nicht in der cremig-weichen Stimme des deutschen Tenors Benjamin Bruns, 38, sollte diese Reinheit verborgen liegen? Bei der Arie Dalla sua pace la mia dipende enthüllt dieser Fixstern des Staatsopernensembles ein weiteres Mal seine magischen Kräfte: Sanft, geschmeidig, wie aus einem süßen Karamellguss umhüllen diese lyrischen Töne das ganze Haus – zum Dahinschmelzen!

In die große Partie seiner Verlobten darf ein bekannter Gast der Wiener Staatsoper schlüpfen: Myrtò Papatanasiu, deren strahlend grüne Augen nicht nur dem ausschweifenden Don Giovanni den Kopf verdrehen, konnte bereits 2011 bei ihrem Hausdebüt als Donna Anna die Kritiker überzeugen. Die rassige Griechin hat zwar an manchen Stellen dieser umfangreichen, dramatischen Koloraturpartie zu kämpfen, aber das soll ihre großartige Leistung nicht allzu sehr schmälern.

Zwei weitere Ensemblemitglieder runden diesen bunten Abend ab: Verlässlich wie immer die ukrainische Sopranistin Olga Bezsmertna als Donna Elvira, deren zarte Piani von höchster Gesangskultur zeugen, und der Bass Dan Paul Dumitrescu, dessen Commendatore jedoch wuchtiger, furchterregender in Erscheinung treten könnte.

Für den kultivierten Mozartklang sorgen der ungarische Maestro Ádám Fischer und das phänomenale Staatsopernorchester, das trotz einiger Substitute in deren Reihen in edler Grazie erstrahlt, und wenn notwendig die Dynamiken verschärft und gekonnt musikdramatische Höhepunkte setzt.

Zweifelsohne zählt auch der „Don Giovanni“ zu den Höhepunkten des Kunstschaffens. Im Laufe der Geschichte schwärmten nicht nur Rezensenten von „der Oper aller Opern“, sondern auch Komponisten wie Peter Iljitsch Tschaikowski von der Musik, die „überreich an unvergleichlichen Schönheiten voller dramatischer Wahrheit“ sei. Die Geschichte des Don Juan fasziniert auf jeden Fall noch immer, egal ob Jung und Alt, egal ob Mann oder Weib – trotz der Metoo-Debatte.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 18. November 2018, für klassik-begeistert.at und klassik-begeistert.de

Ádám Fischer, Dirigent
Jean-Louis Martinoty, Regie
Hans Schavernoch, Bühne
Yan Tax, Kostüme
Fabrice Kebour, Licht

Markus Werba, Don Giovanni
Myrtò Papatanasiu, Donna Anna
Benjamin Bruns, Don Ottavio
Olga Bezsmertna, Donna Elvira
Anatoli Sivko, Leporello
Dan Paul Dumitrescu, Komtur / Il Commendatore
Peter Kellner, Masetto
Virginie Verrez, Zerlina

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