„Figaros Bryllup“ in Kopenhagen – ein Mozart, so spritzig wie sein dänischer Titel

Wolfgang Amadeus Mozart, Le nozze di Figaro,  Det Kongelige Teater Kopenhagen, 7. Oktober 2018

Foto: © Camilla Winther
Wolfgang Amadeus Mozart, Le nozze di Figaro
Det Kongelige Teater Kopenhagen, 7. Oktober 2018

von Phillip Schober

Einmal jährlich gastiert das Kopenhagener Opernensemble in der Spielstätte des dänischen Balletts, „Den Kongelige Ballet“. Das prunkvolle „Königlich Dänische Theater“, das alte und ursprüngliche Opernhaus der Hauptstadt, ist seit der Eröffnung der neuen Oper am Hafen im Jahre 2005 nur noch zu außergewöhnlichen Anlässen ein Aufführungsort für Opernproduktionen. Obwohl „Figaros Bryllup“ auf den Plakaten geschrieben steht, singt das skandinavische Sängerensemble glücklicherweise in der italienischen Originalsprache.

Der Graf Almaviva betreibt einen Jahrmarkt, und sämtliche Angestellten sind Figuren aus dieser „Le Nozze“. Ebenfalls in seinen Diensten und zugleich im Mittelpunkt der Inszenierung steht das „Concerto Copenhagen“. Dieses bedeutendste skandinavische Ensemble für Alte Musik spielt Mozarts Da-Ponte-Oper in 430-Hertz-gestimmter historischer Aufführungspraxis. Alexis Kossenko obliegt die musikalische Leitung des Abends, er selbst ist auch ein Teil des Regiekonzepts und steht unter strenger Aufsicht seines Geldgebers, des Grafen. Das „Concerto Copenhagen“, liebevoll „CoCo“ genannt, ist mittig auf der Bühne angeordnet, einen Orchestergraben gibt es nicht. Es ist erfreulich, dass auch der Dirigent eine Liebe zum Schauspiel mitbringt und sich für keinen Spaß zu schade ist. Aus der Geisterbahn gesprungen, als Vampire verkleidet, entführen im Finale des zweiten Akts Bartolo und Marcellina den Dirigenten Kossenko, so dass zwangsläufig zur Pause eingeläutet werden muss.

Mit viel Witz, Raffinesse, Charme und insbesondere sehr hohem Tempo inszeniert die Schauspielregisseurin Elisa Kragerup einen außergewöhnlichen Mozart. Bei ihrer bislang einzigen Opernregie hat Frau Kragerup die Messlatte sehr hochgelegt. Das Publikum schaut gebannt, da es in der Personenkonstellation zahlreiche doppeldeutige Anspielungen zu entdecken vermag. Die Regisseurin hat den schmalen Grat zwischen anspruchsvollem Humor und albernem Slapstick genau erkannt und weiß dabei auch die intimen Monologe der Gräfin ansprechend darzustellen. In gedimmter Ausleuchtung, versunken in Gedanken, verletzt, aber dennoch stolz, wandert die Gräfin Almaviva in ihrem „Dove sono“ langsam durch das Orchester.

Das Sängerensemble ist äußerst homogen. Es besteht durchweg aus jungen Sängern mit leichten Stimmen, die sich ideal in den Klang der historischen Instrumente einschmiegen. Cherubino ist hierbei der größte Coup des Abends. Als Mitglied im Opernstudio Kopenhagens verkörpert Kari Dahl Nielsen hier ihre erste große Rolle auf der Bühne. Ihre Stimme verfügt über jenes Knistern, dass Cherubino zum zeitlosen Publikumsliebling macht. Ganz gleich, ob es die Damen im Parkett, die Flötistin im Orchester oder eben seine Susanna ist: Der junge Page liebt sie alle – und alle lieben sie ihn! Lediglich der Graf sieht in ihm seinen Widersacher und spürt die pure Eifersucht. Bei dieser Stimme, von Frau Nielsen gefüllt mir jugendlicher Raffinesse, kann dem Pagen sonst niemand wirklich böse werden.

Zum zweiten Höhepunkt dieser Besetzung zählt Michael Kristensen in den Rollen des Basilio und Don Curzio. Rund und wohlklingend, gleichsam prachtvoll und aufrichtig ist der Ton seiner Bassstimme. Der Sänger ist Ensemblemitglied in Göteborg und der einzige Gast in dieser Produktion.

Auf der Geisterbahn oder in einem Kettenkarussell: Jede Szene der Inszenierung spielt auf einem anderen Fahrgeschäft des Jahrmarkts. Das muntere Treiben verdeutlicht, dass die bunte Gesellschaft in „Le Nozze“ im Vordergrund steht. Weder Mord und Totschlag, sondern Humor, Liebe und Menschlichkeit sind der Stoff dieser Oper. Einzig der Graf Almaviva versteht als Jahrmarktbetreiber keinen Spaß und sieht seine Autorität gefährdet. Bestraft wird er in der Schlussszene mit dem Verlust seiner Gattin. Verzweifelt steht er alleingelassen inmitten der Zweisamkeit glücklicher Paare. „Alles ist ein Spaß auf Erden“, hätte er sich doch nur dieses Credo des Falstaffs zum Lebensmotto gemacht, dann könnte auch er mit lachendem Auge die Figaro-Intrige überstehen.

Es müssen nicht immer Anja Harteros oder Jonas Kaufmann sein, um ein Publikum glückselig werden zu lassen! Kopenhagen beweist, dass aufeinander eingespielte Ensembleleistung, geschmückt mit musikalisch erfrischender Begleitung des „Concerto Copenhagen“ vollkommen ausreichen, um eine Aufführung ins Weltklasseniveau zu katapultieren.

Phillip Schober, 9. Oktober 2018, für
klassik-begeistert.de

Alexis Kossenko, Dirigent
Concerto Copenhagen
Elisa Kragerup / Anne Fugl, Inszenierung
Steffen Aarfing,Kostüme
Nila Parly, Dramaturgie
Ulrik Gad, Licht
Palle Knudsen, Graf Almaviva
Sine Bundgaard, Gräfin Almaviva
Sofie Elkjær Jensen, Susanna
Simon Duus, Figaro
Kari Dahl Nielsen, Cherubino
Johanne Bock, Marcellina
Mats Almgren, Bartolo
Basilio / Don Curzio, Michael Kristensen
Antonio, Joel Kyhle
Renate Ekerhovd, Barbarina

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