WA Figaro Lehman, Davtyan, Ulrich © Bettina Stöß
Es stimmt natürlich und lässt sich nicht leugnen: Die Deutsche Bahn fährt Tag für Tag selbst mit ihren neusten Zügen Verspätungen ein, Brandstiftungen an der Strom-Infrastruktur verlangen nach ausgeprägter Solidarität und die Rückkehr der ausgestorben geglaubten (durchweg männlichen) Autokraten in dieser Welt macht einen fassungslos.
Es stimmt ebenso und lässt sich nicht leugnen: Zuverlässig finden Abend für Abend in ganz Deutschland hochkarätige Theater- und Opernaufführungen statt. Man erreicht die Bühnen in aller Regel trotz Schnee und Eis mit einem Verkehrsmittel der Wahl. Und die teils uralten, teils brandneuen, tragischen oder komischen Stücke, die auf den Programmen der Republik stehen, führen uns die ewig gleichen menschlichen Irrungen vor Augen.
Wolfgang Amadeus Mozart
Le nozze di Figaro
Commedia per musica
Text von Lorenzo Da Ponte
Premiere an der Deutschen Oper Berlin am 14. Dezember 1978
Wiederaufnahme am 7. Januar 2024
Musikalische Leitung Ben Glassberg
Inszenierung Götz Friedrich
Bühne Herbert Wernicke
Kostüme Herbert Wernicke, Ogün Wernicke
Das Orchester der Deutschen Oper Berlin
Der Chor der Deutschen Oper Berlin
Deutsche Oper Berlin, 4. Januar 2026
von Sandra Grohmann
Morgens waren wir noch vom Stromausfall im Süden Berlins überrascht, versuchten außerdem, für einen Freund eine nicht ausverkaufte Bahnverbindung von Berlin nach Itzehoe zu finden und verfolgten atemlos die Entwicklungen zwischen den USA und Venezuela. Zeitgeschichte im Brennglas. Lange Diskussionen.
Was tun, wenn ein Einzelner die Macht im Staate innehält und diese für persönliche Rachezüge missbraucht, weil er seinen Untergebenen nicht gönnt, dass diese etwas genießen, was er selbst nicht hat? Ja, was eigentlich?
Das Opernrepertoire ist um Antwortvorschläge auf diese Frage nicht verlegen. Eine Idee, die mit dem Machtmissbrauch aufgeräumt hätte, war bislang offensichtlich nicht darunter. Doch das Gute an der Oper ist, dass sich die Behandlung existentieller Fragen mit Musik verbindet, die uns aus dem Reich des Antwortenwollens herausholt. Es fühlt sich weniger ohnmächtig an, wenn die offenen Fragen in einer zarten Kantilene dargeboten werden. Und weniger ohnmächtig ist immer gut.
Eine meiner Lieblingsopern, in der dies auf traumschöne Weise gelingt, ist Mozarts Le nozze die Figaro.
Der Graf, der hier im Zentrum der Macht steht, zieht alle Register, um immer und uneingeschränkt alles zu bekommen, wonach ihm gerade der Sinn steht. Es ist nicht bloß so, dass er seine Affekte nicht kontrollieren kann, sondern er will es nicht einmal, denn das scheint ihm für seine eigene gräfliche Person unangemessen. Mit diesem Grafen hat der Bühnenautor Beaumarchais am Vorabend der Französischen Revolution eine Figur geschaffen, mit der er schon damals den Nerv der Zeit traf – wohl weil der Adel seinerzeit reichlich Anlass zu Ärger und Spott bot, aber auch, weil damit ein bis heute gültiger Prototyp des seine Macht im persönlichen Interesse missbrauchenden Autokraten auf die Bretter kam.

Auf diese Bretter, die eben die Welt bedeuten. Und die glücklich machen können. Zugegeben, mit der Bahn an der Zieldestination anzukommen hat heutzutage auch das Potential, außergewöhnliche Glücksgefühle zu provozieren. Und zugegeben, mit der Bahn sind täglich weit mehr Menschen unterwegs als es in Deutschland Zuschauerplätze in allen Bühnenhäusern zusammen gibt. Aber Glück ist eben keine Frage der Quantität. Und wie wunderbar, wie großartig es ist, dass an einem vierten Januar die 153. Aufführung dieser Götz-Friedrich-Inszenierung vor nahezu ausverkauftem Haus allein mit Ensemblemitgliedern der Deutschen Oper Berlin besetzt ist.
Und dass diese Aufführung sich unbedingt hören lassen kann. Thomas Lehman als ein etwas lächerlicher Graf – da weht die weiße Barocktolle (orange muss sie gar nicht sein) über der Stirn des hohen Herrn, während der mit verlässlichem Bariton vesucht, seine diversen Liebschaften zu ordnen. Ach, herrlich ist das, den Machthaber an der Nase herumzuführen!
Flurina Stucki als imposante Gräfin haucht ihre erste Arie im Liegen dahin, lässt ihren Liebeskummer mit der zweiten Arie zu Herzen gehen und überzeugt schließlich vollends im Duettino mit Lilit Davtyans Susanna. Diese Canzonetta sull’aria bezaubert immer dann besonders, wenn zwei harmonische Soprane sie wie an diesem Abend ein wenig spitzbübisch zelebrieren. Vollbad für die Ohren!

Lilit Davtyans Stimme wurde im Laufe des Abends immer stärker. Schien sie im ersten Akt noch mit halber Kraft durch die Bühne zu segeln, ließ sie ihr anscheinend im vierten freien Lauf und überzeugte damit vollends. So, wie sie darstellerisch die ganze Zeit präsent war.
Artur Garbas sang den Figaro mit geradezu vollmundiger Stimme in schokoschmelzendem Ton und spielte ihn durchaus aggressiv – kein Wunder, handelt es sich (wie wir aus dem „Barbier von Sevilla“ wissen) doch um einen ausgemachten Intrigenschmied. Er hat dem Grafen, gegen den er sich nun wehren muss, überhaupt erst zu der Gräfin verholfen.
Durchaus auch das komödiantische Talent, vor allem aber eine Stimme wie ein hervorragend ausgereifter, ganz runder Whisky überzeugte an Elissa Pfaenders Marcellina, während schließlich Arianna Manganellos Cherubino, ein agiles Überall-und-nirgends-Teufelchen, die erhoffte Augen- und Ohrenweide bot.

Ben Glassberg am Pult schließlich nahm es mit dem tollen Tag, mit der rasanten Komödie ernst, ließ sich vom Tempo aber nicht abhalten, alle Stimmen glitzernd, klagend, ironisch kommentierend aus dem Orchester hervortreten zu lassen.
Meine Begleitung, die vor allem wegen der Canzonetta mitgekommen war (bekannt aus dem Film „Die Verurteilten“), war ebenso zufrieden mit dem Abend wie ich. Mit der Bahn fuhren wir lieber nicht nach Hause. Das E-Auto hatte noch Strom. Aber das Radio mit den Nachrichten von Gott weiß welchem Despoten ließen wir ausgeschaltet – und summten lieber noch die eine oder andere Arie. Wie gut, dass es Repertoiretheater und -opernhäuser gibt.
Sandra Grohmann, 6. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Besetzung:
Graf Almaviva Thomas Lehman
Gräfin Almaviva Flurina Stucki
Susanna Lilit Davtyan
Figaro Artur Garbas
Cherubino Arianna Manganello
Marcellina Elissa Pfaender
Don Basilio Burkhard Ulrich
Don Curzio Jörg Schörner
Bartolo Jared Werlein
Antonio Paul Minhyung Roh
Barbarina Hye-Young Moon
DOB strahlt: deshalb wohl so schlecht besucht!
Jürgen Lemke