Mozart aus Amsterdam: wie ein fröhlicher Spaziergang durch die Salzburger Fußgängerzone

Wolfgang Amadeus Mozart: Serenade Nr. 10 B-Dur, KV 361 „Gran Partita“  Concertgebouw Amsterdam, 5. Februar 2021, 20 Uhr
Die Gran Partita auf Tournee im Concertgebouw Amsterdam
Foto: Concertgebouw Amsterdam, (c) Diego Delso, wikipedia.org

Der letzte Satz wurde auch endlich mal richtig Allegro molto gespielt, und nicht, wie leider so oft, eher Presto vivace. Man fühlte sich wieder an den tänzerischen Klang des zweiten Menuetts erinnert; statt einem Wettrennen um die letzte U-Bahn war dieser Satz ein fröhlicher Spaziergang durch die Salzburger Fußgängerzone. Sehr passend für Mozart. 

Concertgebouw Amsterdam, 5. Februar 2021, 20 Uhr
Zeitversetzte Übertragung über concertgebouworkest.nl

Wolfgang Amadeus Mozart: Serenade Nr. 10 B-Dur, KV 361 „Gran Partita“
Mitglieder des Concertgebouworkests Amsterdam

von Johannes Fischer

Diese Aufführung von Mozarts Gran Partita ist genau das, was man zurzeit im permanenten Home-Office braucht! Und kaum ein Orchester wird diese Serenade so gut spielen wie das Concertgebouw-Orchester Amsterdam.

Seit knapp 11 Monaten ist Mozarts „Gran Partita“ omnipräsent auf dem Spielplan fast aller bedeutenden Sinfonieorchester. Zu recht: Die für 12 Blasinstrumente und Kontrabass geschriebene Serenade ist zwar coronagerecht besetzt, musikalisch aber ein grandioses Werk. Erst im Juli habe ich es mit dem Gewandhausorchester in Leipzig gehört. Damals noch live.

Wie eine Orgel ertönte im Concertgebouw der erste Akkord; nur sehr wenige Orchester können so koordiniert zusammenspielen. Sehr schön. Dieser orgelartige Klang war in fast allen Sätzen an der einen oder anderen Stelle rauszuhören. Vielleicht das Merkmal, womit sich diese Interpretation am deutlichsten von jener der Berliner Philharmoniker und des Gewandhausorchesters abgrenzen lässt.

Und trotzdem blieben die vier Hörner, zwei Fagotte und der Kontrabass sozusagen das „Orgelpedal“ dieser Besetzung, immer schön im Hintergrund. Keine Spur eines übermäßig voluminösen oder dicken Klangs. Ist ja auch Mozart. Der Anfang des Adagios war äußerst ruhevoll. Fast schon Adagio tranquillo. Und das, obwohl Mozart in diesen Takten die Bassstimme sehr großzügig besetzt hat.

Die langsamen Sätze waren das unbestrittene Highlight dieser Aufführung. Musikalische Landschaftsmalerei war das; als säße man zwischen Deichen und Windmühlen bei strahlendem Sonnenschein. Großes Lob auch an die Erste Hornistin Katy Woolley; mit der Leichtigkeit, mit der sie das Hornsolo im 6. Satz spielte, fiel es kaum auf, dass diese Stelle für viele HornistInnen, selbst in Spitzenorchestern, äußerst anspruchsvoll ist.

Auch die beiden Menuette waren sehr schön, allerdings fehlte an einigen Stellen etwas Eleganz. Besonders das zweite Trio des ersten Menuetts, sonst einer der schönsten Momente dieser Serenade, hätte ruhig etwas luftiger erklingen können. Hingegen profitierte das zweite Trio des zweiten Menuetts von einer äußerst leichtfüßigen, fast schon tänzerisch gespielten Interpretation. Sehr selten, dass man das so schön und schwungvoll hört.

Der letzte Satz wurde auch endlich mal richtig Allegro molto gespielt, und nicht, wie leider so oft, eher Presto vivace. Man fühlte sich wieder an den tänzerischen Klang des zweiten Menuetts erinnert; statt einem Wettrennen um die letzte U-Bahn war dieser Satz ein fröhlicher Spaziergang durch die Salzburger Fußgängerzone. Sehr passend für Mozart.

Eigentlich hätte Trevor Pinnock dieses Konzert dirigieren sollen. Tatsächlich haben die 13 Musizierenden aber ohne Dirigenten gespielt. Dies entspricht auch der Praxis, die zu Mozarts Zeit üblich gewesen wäre. Zwar hätte es mich sehr interessiert, wie der englische Spezialist für historische Aufführungspraxis dieses Stück dirigiert hätte. Aber in so einem eher kammermusikalisch ausgelegten Werk ermöglicht gerade das fehlende Dirigat eine einzigartige Klangverschmelzung, die mit Dirigat nur sehr schwer zu erreichen wäre.

Ebenfalls einzigartig war die Akustik; dank des menschenleeren Zuschauerraums war selbst aus den Lautsprechern ein deutlicher Nachhall zu hören. Als hätte man das Ganze in einer Kirche aufgenommen. So schön diese Akustik ist, so sehr sehnt man sich wieder danach, selber im Konzertsaal zu sitzen. Hoffen wir, dass das Infektionsgeschehen dies bald wieder zulässt. Das Concertgebouw steht übrigens schon länger auf meiner Liste der Konzertsäle, in die ich unbedingt mal rein möchte.

Die Gran Partita-Tournee macht also einen Stopp in Amsterdam. In Berlin, Leipzig, Dresden und vielen andere Städten war sie ja bereits. Das Concertgebouworkest spielte eine sehr entspannte und fröhliche Version der Mozart-Serenade. Genau das, was man nach drei Monaten ohne live-Konzert braucht.

Johannes Karl Fischer, 6. Februar 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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