Alles im Fluss – Hélène Grimaud und Mat Hennek begeistern mit multimedialem Konzertprojekt

„Woodlands and Beyond…“, Hélène Grimaud, Mat Hennek,  Elbphilharmonie

Foto: C. Höhne (c)
»Woodlands and Beyond…«
Hélène Grimaud – Klavier
Mat Hennek – Fotoinstallation

Von Julian Bäder

Ein ungewohntes Bild bietet der Große Saal der Elbphilharmonie an diesem Samstag. Die Sitzplätze hinter der Bühne sind zu Konzertbeginn komplett leer. Das liegt aber keineswegs an mangelndem Interesse an der Veranstaltung, sondern an einer riesigen LED-Leinwand, die von der Decke des Großen Saals auf die Bühne gehängt wurde und die Sicht auf den Flügel verbirgt.

»Woodlands and Beyond…« heißt das Konzertprojekt, das die französische Pianistin Hélène Grimaud und ihr Lebensgefährte, der deutsche Fotograf Mat Hennek, für die Elbphilharmonie erarbeitet hatten und das in dieser Form uraufgeführt wird. Das Konzept des Abends ist eine multimediale Installation, in der das Spiel Grimauds von den Bildern ihres Partners ergänzt und gespiegelt, sozusagen kontrapunktiert werden soll.

Ein interessantes Konzept, das durchaus stimmig ist, wenn man sich die Biografie der Pianistin Grimaud und ihre unterschiedlichen Engagements genauer anschaut: Die Beschäftigung mit der Natur ist neben der Musik der zweite große Schwerpunkt im Leben der Französin. In ihrer Wahlheimat in der Nähe von New York gründete sie 1996 das Wolf Conversation Centre – eine ehrenamtliche Umweltbildungsorganisation, in der Wölfe gepflegt werden und das Wissen über diese Tiere vermittelt wird.

Aber auch musikalisch setzte sich Grimaud immer wieder mit der Natur auseinander. So erschien Anfang 2016 ihr aktuelles Album Water, mit thematisch an das Element des Wassers angelehnten Werken von Luciano Berio, Tōru Takemitsu, Claude Debussy und anderen. Verknüpft wurden diese Werke durch Klanggebilde des britischen Komponisten und Musikers Nitin Sahwney, der für die Übergänge zwischen den Klavierstücken kleine Interludes komponierte.

Welche Werke nun in der Elbphilharmonie zu hören sein werden, verriet die Interpretin im Voraus nicht. Es soll gar nicht um die Werke und die Bilder an sich gehen, der Zusammenhang ist viel freier. Deswegen durfte man umso gespannter sein, wie Grimaud und ihr Lebensgefährte ihr Konzept umsetzen. Rein musikalisch ist das Konzert an Grimauds Water-CD angelehnt. Sowohl die Stücke des Albums als auch die von Sahwney komponierten Interludes sind zu hören, dazu sind in einer fortlaufenden Videoinstallation Henneks Bilder zu sehen.

Diese Videoinstallation ist aber keineswegs eine triste Diashow dieser Bilder, sondern viel mehr ein verschlungenes Konstrukt an Überblendungen. Durch das sehr langsame, fließende Tempo dieser Blenden verschwimmt oft die Wahrnehmung, wann das vorherige Bild verschwunden ist und wo das neue Bild anfängt. Dazu tragen nicht nur die weichen Blenden bei, sondern auch die Bilder Henneks. Charakteristisch für seine Wald-und Wasserlandschaften ist der gekonnte Einsatz von Einstellungsgrößen, die eine schnelle Orientierung für den Zuschauer erschweren. Dafür setzt er den Fokus auf Zwischenebenen wie Baumstämme und verbirgt gewollt Boden und Horizont.

Die Bildebene ist dabei – genauso wie die Musik – dauernd in Bewegung. Nur selten steht ein Bild für sich allein, meistens blendet sich schon ganz sanft das Nächste ein. Das Ganze stellt dabei – mit kleinen Ausnahmen – eine sehr gelungene Symbiose mit der Musik dar. Es wirkt, als ob beide Ebenen nicht nur nebeneinander ablaufen, sondern tatsächlich interagieren. Das Konzept des Kontrapunkts der Bildebene ist also nicht nur sinnig, sondern funktioniert auch.

Das Konzert wirkt wie ein einzelnes in sich geschlossenes Werk und nicht wie eine Folge von einzelnen Stücken und Bildern. Der Zuschauer wird aufgefordert, selber aktiv zu werden und den „offenen Raum mit seiner eigenen Fantasie und Vorstellungskraft zu füllen“, wie es Grimaud selber formuliert. Das gelingt tatsächlich sehr gut: Man kommt dazu, sich selber zu beobachten, wie die Aufmerksamkeit zwischen der Musik und den Bildern hin-und herwandert; manchmal verweilt sie kurz, um dann wieder von einer neuen Ebene vereinnahmt zu werden.

Dafür, dass das Konzert trotzdem nicht in eine meditative Klangreise abgleitet, sorgen die Qualität der Musik und der Bilder an sich. Grimaud spielt technisch auf höchstem Niveau und präsentiert in den verschiedenen Stücken ihr gesamtes Klangspektrum. Und auch die Bilder von Hennek sind sehr gelungen; sie setzen durch die Abstraktion des Waldes gekonnt falsche Fährten für den Zuschauer.

Das schönste an diesem Konzept: Es ist ein gelungener Beweis, dass man dem etablierten Klassik-Karussell rund um Komponisten-Namedropping, strengen Aufführungsmustern und immer gleichen Abläufen auch entfliehen kann und dass die Kunst darunter nicht leiden muss.

Das Programm von Hélène Grimaud und Mat Hennek ist am 26. Juni 2017 erneut in zwei Konzerten in der Elbphilharmonie zu hören. Die Ausstellung „Woodlands and Beyond…“ von Mat Hennek ist außerdem noch bis zum 20. Mai 2017 in der Flo Peters Gallery im Chilehaus in Hamburg zu sehen.

Julian Bäder, 9. April 2017 für
klassik-begeistert.de

2 Gedanken zu „„Woodlands and Beyond…“, Hélène Grimaud, Mat Hennek,
Elbphilharmonie“

    1. Lieber Herr Roj,

      ich habe für die nächsten Monate nur dieses eine WOODLANDS-Konzert in Deutschland gefunden….
      Aber München ist ja auch einmal eine Reise wert…

      Herzliche Grüße
      Andreas Schmidt
      Herausgeber
      klassik-begeistert.de

      3. März 2018 München Gasteig Germany
      Hélène Grimaud / Mat Hennek: WOODLANDS AND BEYOND

      Piano works by Albeniz · Berio
      Debussy · Fauré · Janáček
      Liszt · Ravel · Takemitsu

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