Gilbert contra Bronfman: Einer hat gewonnen!

Yefim Bronfman, Alan Gilbert, NDR Elbphilharmonie Orchester,  Elbphilharmonie Hamburg, 20. Februar 2020

Foto: © Peter Hundert

Elbphilharmonie Hamburg, 20. Februar 2020

Yefim Bronfman Klavier
Dirigent Alan Gilbert
NDR Elbphilharmonie Orchester

von Ulrich Poser

Der Abend begann kosmisch. Das Werk Chorós Chordón der südkoreanischen Komponistin Unsuk Chin klingt in etwa so, als hätte man alle Noten der Götterdämmerung aus der Partitur heraus auf einen Tisch geschüttet und sie dann per Zufallsgenerator in neuen Formationen an die Wand geschleudert. Lindenbergs Ejakulator lässt grüßen. Melodien sind in dem Werk nahezu nicht erkennbar; man hat eher den Eindruck, Außerirdische versuchten sich zum ersten Mal an irdischem Notenmaterial. Dissonante Klangteppiche verschmelzen mit komponiertem Papierrascheln zu Irgendetwas. „Schön“ im herkömmlichen Sinne ist das sicher nicht, aber durchaus interessant für Liebhaber modernen Geräuschs.

Das NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung von Alan Gilbert präsentierte das Werk dynamisch, – vermutlich – fehlerfrei und mit starker Transparenz. Der Rezensent würde sich eine CD mit diesem Werk aber eher nicht kaufen.

Ganz anders der 2. Teil des Konzertes mit dem Opus „Der holzgeschnitzte Prinz“ von Béla Bartók: Den Wagnerliebhaber erfreuen bereits die ersten Takte dieses musikalischen Kindermärchens und Tanzspiels um einen Prinzen, eine Prinzessin und eine Holzpuppe, da sich – um das Wort klauen zu vermeiden – Bartók hier deutlich hörbar, streicher- und hornkompositorisch betrachtet, an das Rheingold angelehnt hat. Das Werk ist aber keine Kopie der Wagneroper, sondern ein typisch impressionistisches  Bartóksches Gesamtkunstwerk mit starker Bezugnahme zum Volkslied. Dieses Werk würde sich der Rezensent schon eher auf CD zulegen; das kann man hören.

Nach der Pause war es dann soweit: Rach 3! Nach Artur Rubinstein aufgrund der Dimensionen ein „Elefantenkonzert“. Auf dem Platz hinter dem Rezensenten wurde aufgeregt getuschelt: „Deshalb sind wir doch hier, wenn wir ehrlich sind“. Volle Zustimmung!

Über die Werke Rachmaninows gehen die Meinungen weit auseinander. Richard Strauss hat das Elefantenkonzert als „gefühlvolle Jauche“ bezeichnet. Andere stimmen der abschätzigen Einstufung des ehemaligen linientreuen Präsidenten der Reichsmusikkammer nicht zu und lieben die Werke Rachmaninows für ihren ausgeprägten unendlichen Melodienreichtum. Wie dem auch sei: Der amerikanisch-israelische Pianist Yefim Bronfman kam auf die Bühne, spielte und siegte.

Seinen Platz vor dem Flügel hatten ihm die nicht mitdenkenden Verantwortlichen der Elbphilharmonie übrigens mit einem falsch platzierten Mikrofonständer derart verbaut, dass er seinen Klavierstuhl nur über das Dirigentenpodest erreichen konnte, welches er – vor allem während der Applausphase – mehrfach besteigen und dann wieder absteigen musste. Ein organisatorischer Schwerstfehler; ein Unding, einem der besten Pianisten der Welt solche Hindernisse in den Weg zu bauen.

Yefim Bronfman. Foto: © Dario Acosta

Seine Darbietung dieses äußerst schwierig zu spielenden 3. Klavierkonzerts hat nicht nur überzeugt, sondern regelrecht begeistert und überwältigt. Der Saal lag Bronfman zu Füßen. Der Künstler setzt sich regungslos „volodosesk“ an seinen Flügel, schaut kurz zu Gilbert auf und spielt die mörderisch schwere Partitur dann mit solch offensichtlicher Leichtigkeit und atemberaubender Virtuosität, dass es einem den Atem verschlägt.

Bronfmann wird auch deshalb vom Publikum so geliebt, weil er bei seiner Darbietung nicht sich, sondern das Werk in den Vordergrund stellt. Und das hat sich auch an diesem Abend wieder ausgezahlt: Das 3. Klavierkonzert von Rachmaninow ist nach Auffassung des Rezensenten – neben oder zusammen mit dem dem 2. Klavierkonzert des Komponisten – die schönste, wunderbarste und ergreifendste Musik, die jemals ein Mensch für das Klavier komponiert hat. Seit Jahrzehnten führen beide Konzerte übrigens die Klassikcharts unangefochten an.

Lieber Herr ehemaliger Präsident der Reichsmusikkammer,

ich liebe viele Ihrer Werke sehr. Aber warum Sie seinerzeit einen solchen Schmarrn über Ihren russischen Kollegen verzapft haben, verstehe ich nicht im Ansatz.

Mit freundlichen Grüßen, Ihr

Ulrich Poser

Alan Gilbert leitete sein Orchester an diesem Abend durchwachsen. Im Gegensatz zu Bronfman steht bei Gilberts Darbietung das Werk zu sehr im Hintergrund. Er ist ein Showmensch, der windmühlenartig und umherspringend dirigiert. Das sei ihm verziehen; jeder Dirigent hat seine eigene Art zu gestikulieren und zu agieren. Gilbert hätte aber zumindest auffallen müssen, dass sein Orchester streckenweise viel zu laut war und damit klanglich über Bronfmans genialem Schaffen lag, dieses quasi zudeckte. Und genau das darf einem Dirigenten wie Alan Gilbert nicht passieren. Weniger Ego ist mehr. Der Sieger heißt Yefim Bronfman!

Der Abend endete mit lang anhaltendem, mehr als verdientem Jubel für Yefim Bronfman, der sich vom vielen Auf- und Absteigen über das Dirigentenpult die Laune nicht verderben ließ und das Publikum sogar noch mit einer äußerst virtuosen Zugabe – dem 3. Satz aus Sonate f-Moll op. 57 »Appassionata« von Ludwig van Beethoven – beglückte.

Ulrich Poser, 21. Februar 2020, für
klassik-begeistert.de

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