Trauerarbeit und opernhafte Passion – Simon Rattle und das London Symphony Orchestra in der Elphi

Lisa Batiashvili, Elsa Dreisig, Pavol Breslik, David Soar, Simon Rattle, London Symphony Orchestra,  Elbphilharmonie Hamburg, 18. Februar 2020

Foto: © Daniel Dittus

Elbphilharmonie Hamburg, 18. Februar 2020

London Symphony Orchestra
London Symphony Chorus

Lisa Batiashvili, Violine
Elsa Dreisig, Sopran
Pavol Breslik, Tenor
David Soar, Bass
Simon Rattle, Dirigent

Alban Berg
Konzert für Violine und Orchester „Dem Andenken eines Engels“

Zugabe der Solistin:
Johann Sebastian Bach
Ich steh mit einem Fuß im Grabe BWV 156

Ludwig van Beethoven
Christus am Ölberge / Oratorium für Soli, Chor und Orchester op. 85

von Guido Marquardt

Es wäre leicht, im Beethoven-Jahr ein Programm mit einer „sicheren Nummer“ zu lancieren – erst recht mit einem Namen und Ruf, wie ihn Simon Rattle genießt. Doch Sir Simon entschied sich dafür, dem Saalpublikum ein interessantes Nischenprogramm zu bieten, das Beethovens selten gespieltes Oratorium mit dem vergleichsweise bekannten, aber unzweifelhaft sperrigen Violinkonzert von Berg verband. Dafür gebührt ihm Respekt. Und wie steht’s mit der Begeisterung?

Sein eigenes Kind zu Grabe zu tragen, gehört zu den schrecklichsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann. 1935 ereilte dieses Schicksal Alma Mahler-Werfel und Walter Gropius – zu dieser Zeit schon längst kein Paar mehr, doch als Eltern der mit 18 Jahren an Kinderlähmung verstorbenen Manon unvermittelt in Trauer verbunden. Manon Gropius, die sich wohl erst ein Jahr zuvor mit Polio infiziert hatte, galt als zurückhaltend, aber von ganz besonderem Zauber – mit den Worten von Elias Canetti: „Sie verbreitete Scheu mehr noch als Schönheit um sich, eine Engels-Gazelle vom Himmel.“ Alma Mahler-Werfel, von einem irritierenden Antisemitismus geprägt, sah Manon als „einziges arisches Kind“ in einem besonderen Status im Vergleich zu ihren Halbgeschwistern aus Verbindungen mit Gustav Mahler und Franz Werfel. Nun, der Jude Werfel würdigte seine verstorbene Stieftocher literarisch – und der Christ Berg, dessen Musik durch die Nazis frühzeitig als „jüdisch“ diffamiert wurde, schrieb Manon zu Ehren sein bekanntes Violinkonzert. Die weltpolitischen und ideologischen Verwerfungen des 20. Jahrhundert, sie ergeben hier komplexe und widersprüchliche Verbindungen.

Tod und Kreativität

So bitter der Widmungsgrund von Bergs Violinkonzert war – aus rein kreativer Sicht verhalf Manons Tod ihm offenbar zur nötigen Klarheit, denn er war zunächst nicht sicher gewesen, wie er den Auftrag des amerikanischen Violinisten Louis Krasner aufnehmen sollte. Ironischerweise erlebte Berg dann die Uraufführung selbst nicht mehr mit, die 1936 erst nach seinem Tod erfolgte – eine Woche nach Ostern übrigens, also nicht in der Passionszeit.

Intellektuell und unverkitscht

Lisa Batiashvili, Georgierin mit Wohnsitz in Deutschland, näherte sich diesem zweisätzigen Stück mit dem kühlen Intellekt, der für ein solches Zwölftonwerk wohl angemessen ist. An keiner Stelle phrasierte sie in Richtung einer spätromantischen Verkitschung, enthielt sich etwaigen Vibrato-Verlockungen und führte den Bogen meist in einer langgezogenen Bewegung; das war bei aller Kantigkeit der Partitur durchaus gleitend.

Kopf statt Bauch

Um die heiteren Wesenszüge des Mädchens im ersten Satz, der ihr Leben mit volkstümlichen Bezügen nachzeichnen soll, hinter dieser Musik zu erkennen, bedarf es einer gewissen Kopfarbeit. Über den Bauch, die Emotion funktioniert das auch nach mehr als 100 Jahren Zwölftonmusik-Historie für die allermeisten Zuhörer nicht. Das LSO unter Simon Rattle agierte dazu in kleiner Besetzung meist zurückhaltend.

Der zweite Satz, der wie eine Totenklage gesehen werden kann, begann dramatisch, mit viel Druck und entwickelte sich dann zunehmend zu einem ätherischeren Klangbild, in dem die Blechbläser immer leicht gedämpft erschienen, wie in eine wattige Trauer gehüllt. Sehr gut gelangen auch die Pizzicato-Passagen und schließlich das leise und dennoch druckvolle Verklingen am Ende, wenn die Erlösung naht.

Respekt statt Begeisterung

Auffällig dennoch, dass der Beifall eher respektvoll als begeistert ausfiel. Nun mag es bei einigen Zuhörern auch die Ergriffenheit sein, die euphorischere Reaktionen verhinderte, doch erscheint es ebenfalls wahrscheinlich, dass die Zwölftonmusik es eben nach wie vor schwer hat, die Herzen des Publikums zu erobern.

„Ein Leckerbissen für musikhistorisch Interessierte dann in der Zugabe: Die Kantate „Ich steh mit einem Fuß im Grabe“ (BWV 156) zeigte ein feines und zartes Zusammenspiel von Batiashvili und dem LSO, so dass sich eine konzentrierte Intensität entfalten konnte.“

Foto: © Daniel Dittus

Kein Repertoire-Hit

Ein ganz anderes Bild dann nach der Pause: In einem beinahe unablässigen Strom von Menschen reihte sich der London Symphony Chorus auf der Bühne, bis schließlich alle 130 Damen und Herren platziert waren. Beethovens einziges, recht kurzes (50 Minuten) Oratorium stand auf dem Programm, ein bereits zu dessen Lebzeiten eher zurückhaltend aufgenommenes Werk, das bis heute nicht gerade ein Repertoire-Hit geworden ist.

Zwischen Opferbereitschaft und Angst

Das liegt vielleicht an der etwas diffusen Ausrichtung, irgendwo zwischen Haydn und Fidelio – und vor allem an der Handlungsgestaltung, die sich von der Bibelvorlage recht weit entfernt und den Protagonisten Jesus Christus (Tenor) in seiner Zerrissenheit zwischen Opferbereitschaft und Angst zeigt, zwischen der Erwartung des Todes und der Furcht vor Schmerzen. Die Figur des Seraphen (Sopran) fügt eine interessante Note hinzu, während Petrus (Bass) eine Randfigur bleibt.

Auch der große Chor-Aufmarsch bedeutet keineswegs, dass Chorpassagen hier eine größere Rolle spielen. Dafür waren die akzentuierten Einwürfe umso eindrucksvoller – der Klang erscholl mächtig, allerdings auch etwas metallisch und in der Lautstärke nicht sehr differenziert.

Solisten auf dem Podest

Zugleich ließ die Gegenwart des Chors die Solisten in ihrer Leistung um so bemerkenswerter hervortreten, denn sie konnten sich auch akustisch jederzeit behaupten. Positioniert waren sie an diesem Abend übrigens direkt vor dem Chor, also hinter dem Orchester und auf einem ganz leicht erhöhten Podest. Eine Aufstellung, die sehr gut funktionierte.

Foto: © Daniel Dittus

Kristallklarer Sopran

Zuvorderst muss die solistische Leistung von Elsa Dreisig genannt werden. Ihr kristallklarer Sopran ließ des Seraphs Texte mit hoher Verständlichkeit erklingen und ihre Modulation war jederzeit brillant, lebendig und im Charakter zwar sehr dicht dran an der Oper, aber eben doch mit diesem zusätzlichen Schuss an Ernst, wie er zu einem Oratorium passt. Beim Hamburger Publikum dürfte Dreisig mit diesem Auftritt jedenfalls schon einige Vorfreude auf ihr Staatsopern-Debüt in der Titelrolle als Massenets Manon (Lescaut, nicht Gropius) im Januar 2021 ausgelöst haben.

Warmer Tenor

Auch Pavol Breslik bewältigte seine große Rolle als Christus in einer opern-ähnlichen Anmutung, mit viel warmem, tenoralem Schmelz. Zwischenzeitlich wurde er in den Höhen etwas eng, ansonsten war das eine sehr starke Leistung.

Souveräner Bass

David Soar war seinem kurzen Petrus-Part souverän gewachsen, die etwas baritoneske Färbung seiner Stimme passte gut ins Bild.

Schneidiges Orchester

Das Orchester wurde von Rattle in diesem Stück deutlich straffer und schlanker geführt als beim Berg-Konzert. Schneidig und fokussiert, saß hier alles an seinem Platz. Ein Höhepunkt aus Orchestersicht war dabei sicherlich die Ouvertüren-artige Introduktion.

In der Gesamtbetrachtung ist „Christus am Ölberge“ durchaus nicht nur von historischem Interesse, sondern bietet auch musikalisch einige zwar disparate, dennoch auch eindringliche Passagen.

Ovationen am Schluss

Und das Publikum bewies im Anschluss, dass es durchaus zu Ovationen fähig ist; der Beifall war ebenso langanhaltend wie begeistert – wobei das Gesangstrio den stärksten Jubel einheimste.

Wer nun übrigens meint, dass das Einfliegen eines 130-köpfigen Chores vielleicht doch etwas viel Aufwand für einen so kurzen Einsatz gewesen sein könnte, sollte sich zum einen die üppigen Eintrittspreise vergegenwärtigen, zum anderen aber auch wissen, dass es am nächsten Tag am gleichen Ort ein weiteres Konzert von LSO und LSC gab, in dem zwar wiederum Berg und Beethoven gegeben wurden – aber dieses Mal mit Ausschnitten aus Bergs „Lulu“ sowie der 9. Sinfonie von Beethoven. Da wurde der Chor dann schon etwas stärker gefordert. Zu sehen ist dieses „Double Feature“ außerdem u.a. in Baden-Baden.

Guido Marquardt, 21. Februar 2020, für
klassik-begeistert.de

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