Ausnahme-Cellist sorgt für Ausnahmezustand

Yo-Yo Ma, Kathryn Stott: „Arc of Life“,  Elbphilharmonie Hamburg

Foto: Claudia Höhne (c)
Yo-Yo Ma, Kathryn Stott: „Arc of Life“;
Bach/Gounod, Sibelius, Debussy, Schubert, Schostakowistsch, Sollima, Franck;
Elbphilharmonie Hamburg, 24. Januar 2017

Der weltbeste Cellist Yo-Yo Ma und die britische Pianistin Kathryn Stott haben die Elbphilharmonie im Hamburger Hafen zum Kochen gebracht. Mit stehenden Ovationen bedachten die Zuschauer die beiden Ausnahmekünstler am Dienstag gegen 22 Uhr. Erst nach vier Zugaben durften sich der US-Amerikaner mit chinesischen Wurzeln und seine Begleiterin von den 2100 Zuschauern verabschieden. 

Charles Gounods Bach-Bearbeitung war der Auftakt eines Programms mit dem Titel „Arc of Life“, also „Lebensbogen“. Das Konzept hat Yo-Yo Ma in einem Interview mit dem kanadischen Sender Studio q erläutert: „Wir haben alle Erinnerungen an Schlüsselmomente in unserem Leben – und diese Momente verbinden wir oft mit einer bestimmten Musik“, sagte der Musiker. „Das Programm ‚Arc of Life’ vereint Stücke, die für uns beide eine besondere Rolle spielen, weil sie uns in wichtigen Situationen begleitet haben. Die Musik beschwört Erfahrungen, an denen wir uns festhalten.“

Die ausgewählten Stücke sind den beiden Künstlern – und vielen Millionen Menschen – ans Herz gewachsen: ein währender Soundtrack des Lebens: von der Kindheit bis ins Alter, von der jugendlichen Schwärmerei bis zur reifen Liebe, von der ausgelassenen Freude bis zur tiefen Trauer.

Und so standen bis zur Pause die Klassiker von Johann Sebastian Bach/Charles Gounod (Méditation(Ave Maria), Jean Sibelius (Var det en dröm/War es ein Traum? Op. 37/4), Jacob Gade (Tango Jalousie), Claude Debussy (Beau soir) und Franz Schubert (Ellens Gesang D 839 „Ave Maria“) auf dem Programm – dazu noch die Sonate d-Moll op. 40 für Violoncello und Klavier von Dmitri Schostakowitsch aus dem Jahre 1934.

Es war ein Genuss zu hören und zu sehen, mit welcher Leidenschaft der 61 Jahre alte Yo-Yo Ma, der am 26. Januar 2017 und am 3. April 2017 ebenfalls in der Elbphilharmonie residieren wird, sich dem Spiel von Stücken hingab, die er schon hunderte Mal in seinem Leben aufgeführt hat. Dieser Mann ist Cello pur. Der butterweiche bis herbe Klang geht unter die Haut.

Sie klingen göttlich, Yo-Yo!

Ihre Bogenkontrolle ist außergewöhnlich. Thank you, für Ihren außerordentlichen Auftritt in Hamburgs neuer Perle. Das waren Devotion und Perfektion pur.

„Wunderbar schreibt sich so leicht“, so das Hamburger Abendblatt am 26. Januar 2017. „Wie leicht es sich spielen lässt, zeigte dieses Konzert.“

Die meisten Kritiker sind sich einig: »Yo-Yo Ma ist der beste Cellist der Welt.« 18 Grammys und fast 100 Alben, von denen viele sogar Einzug in die amerikanischen Billboard-Charts hielten, untermauern diese Einschätzung – ebenso wie gefeierte Projekte mit klassischen Orchestern oder Weltmusik- und Jazz-Stars wie Bobby McFerrin. Auf dem europäischen Konzertpodium machte sich der Ausnahmekünstler zuletzt rar, um stattdessen sein Wissen in Meisterkursen und Education-Projekten an die junge Generation weiterzugeben. Daher war es eine kleine Sensation, dass er in der Eröffnungssaison der Elbphilharmonie für gleich drei ganz unterschiedliche Auftritte nach Hamburg kommt.

Yo-Yo Ma spielte bereits für acht amerikanische Präsidenten, so auch beim Antritt von Barack Obama. Er wurde 1955 in Paris als Sohn chinesischer Eltern geboren und erhielt seinen ersten Cellounterricht im Alter von vier Jahren von seinem Vater. Bald darauf zog er mit seiner Familie nach New York, wo er an der Juilliard School studierte. Zudem schloss er ein geisteswissenschaftliches Studium an der Harvard University ab. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Der Amerikaner spielt ein Montagnana-Cello aus Venedig von 1733 sowie das Davidoff-Cello von Stradivari aus dem Jahre 1712.

Nach der Pause gab es dann wunderbare Filmmusik von Giovanni Sollima: „Il bell’Antonio (Thema III)“ aus dem Jahre 2005, komponiert für das Remake von Mauro Bologninis 1960 gedrehten Film „Der schöne Antonio“. Der in Palermo geborene Cellist und Komponist fängt die Spannung der Situation und die flirrende Hitze Siziliens ein, in dem er bei seinem Thema III die in sich kreisende Cellolinie vom Klavier geradezu manisch begleiten lässt. Dazu gibt es auch ganz wunderbare Piano-Stellen beider Instrumente.

Zum Abschluss des zweiten Teiles gab es dann die Sonate A-Dur M 8 von César Franck in der Fassung für Violoncello und Klavier von 1886. Es war umwerfend zu hören, wie schön und eindringlich Yo-Yo Ma die zarte, fragende Linie im ersten Satz (Allegretto ben moderato) herausarbeitete – und wie aufgewühlt der dynamisch gesteigerte Klavierpart von Kathryn Stott dann im zweiten Satz (Allegro) erklang und den Anfangsgedanken rhythmisch und motivisch veränderte.

So war es nur folgerichtig, dass das klassik-begeisterte Publikum von den beiden Ausnahmekünstlern vier Zugaben einforderte. Das Bewegendste erklang ganz zum Schluss – die Zuhörer im Großen Saal der Elbphilharmonie waren das erste Mal vollkommen still, ja, nicht einmal ein obligatorischer Huster ertönte im weiten Rund: „Der Schwan“ von Camille Saint-Saens:

Liebe Leserinnen und Leser von klassik-begeistert.de: Bitte hören Sie das einmal, bevor Sie schlafen gehen…

https://www.youtube.com/watch?v=3qrKjywjo7Q

Andreas Schmidt, 25. Januar 2017
Klassik-begeistert.de

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