Meisterschaft der Titanen — Brahms und Mahler brillieren

Yuja Wang, Valery Gergiev, Münchner Philharmoniker, Philharmonie im Gasteig, München, 14. November 2018

Foto: © Kai Bienert
Philharmonie im Gasteig, München,
14. November 2018
Münchner Philharmoniker,
Yuja Wang, Klavier
Valery Gergiev, Dirigent
Münchner Philharmoniker

Johannes Brahms — Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur op. 83
Gustav Mahler — Symphonie Nr. 1 D-Dur „Titan“

von Anna-Maria Haberberger

Auf dem Programm standen zwei gigantische Werke, eine Meisterschaft zweier musikalischer Titanen: Johannes Brahms und Gustav Mahler. Beide Namen rufen in der Hörerschaft Achtung und Respekt hervor, beide Komponisten sind bekannt durch Kunstlieder wie auch großartige Konzerte und Symphonien.

Zuerst erklang das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 in B-Dur von Johannes Brahms. Ein Werk, welches für die romantische Epoche nicht typischer sein könnte. Kein Komponist der Romantik war so bestrebt , sich in einer kompositorisch-musikalischen Weise auf die Klassik rückzubesinnen, wie Brahms. Die Klavierstimme — gespielt von Yuja Wang  — entspringt aus einem romantisch schwelgenden Hornmotiv. Hoch lyrische und spannungstragende Klangfarben ergeben eine emotionale Färbung, die vom Orchester hervorragend interpretiert wurde.

© Kirk Edwards

Das Orchester, unter der  Leitung seines Chefdirigenten Valery Gergiev, schafft eine orchestrale Klangwelt, die sich einer Fülle von musikalischen Mitteln bedient und sich so zu einer wirkungsvollen Einheit verbindet. Dabei flattert die hochgeschätzte, aus China stammende Pianistin Yuja Wang über die Tasten des Flügels und meistert hoch virtuose Passagen eindrucksvoll. Besonders markant ins Ohr fallen die Trillerfiguren im Solo-Klavier, auf die das Orchester gekonnt das Hauptthema legt.

Nicht wie in seinen anderen Klavierkonzerten üblich, bilden nicht drei Sätze, sondern vier Sätze das Konzept des zweiten Klavierkonzertes!  Somit steht der zweite Satz, der eine drastisch-energische Wendung zum klanglichen Gegenstück des romantischen ersten Satzes nimmt, als eine Art Einfügung und erinnert hierbei vielmehr an ein Scherzo.

Im liedhaften dritten Satz fügt sich das Violoncello perfekt in malerische Klänge ein und knüpft so an den ersten Satz an. Alle Register  romantisierender Musik werden gezogen, sodass der Hörer wie in Trance in eine traumversunkene Welt fällt. Wangs Klavierspiel wechselt stets zwischen unglaublich ausdrucksstarken Passagen, die voller Dynamik und Energie brodeln, und emotional aufgeladenen wie sanften Episoden, in die sich die junge Pianistin vor allem zu Beginn des dritten Satzes regelrecht einbettet.

Einen eleganten Ausklang findet der letzte Satz, der wohl mehr eine ungarisch-tänzerische Klangfärbung mitbringt und die pianistisch brillierende Leichtigkeit Wangs noch einmal gekonnt fordert. Chapeau München – das war erste Sahne!

Konzeptionell und von innerer Programmatik beherrscht ist Gustav Mahlers erste Symphonie, auch „Titan“ genannt. Als würde man aus einem langen Winterschlaf — musikalifiziert aus dem in sich ruhenden Klangbild eines schlichten „a“ in allen Oktaven und Variationen — kommen, entfaltet sich das immer mächtiger werdende Orchestertutti. Mahler griff hier in die Vollen.

Kraftvoll skurrile wie auch emotional geladene und zugleich sanfte Elemente fließen in den „Titan“ ein. Stile und Genre unterschiedlichster Art, die hier aufeinanderprallen, sich überlappen und gegenüberstehen, werden im musikalischen Bauwerk selten derart ausgepackt: Symphonische Dichtung und Kunstlied, Wirtshausmusik und Sonatenhauptsatzform, Euphorie und Weinseligkeit, Trauermarsch und Kuckucksruf.

Was auf den ersten Höreindruck verwirren mag, ist konzeptionell bis ins kleinste Detail vorgebaut und bewusst eingesetzt. Vor allem der bekannte dritte Satz, in dem das paradoxe Bruder-Jakob-Motiv aufgegriffen wird, beeindruckt. Äußerst langsam und in trauerndem Moll ertönt das Motiv
nacheinander in Pauken, Kontrabass, Fagott wie auch Cello und zieht sich so durch die gesamte Orchesterbesetzung. Kann das Ernst sein? Ein Kinderlied in solch grotesker Weise eingearbeitet?

Doch sobald die tänzerisch, trügerische Oboe einsetzt, wird klar: Mahler komponiert ein programmatisches Schauspiel. Die meckernde Oboe, auf die das Orchester im Tutti antwortet, stellt sich mehr auf eine Mischung aus wienerischer Tanzart und israelischer Volksmusiktradition ein, die grotesker nicht sein könnte und musikalisch wie auch technisch besonders herausragt.

Von „himmelhoch jauchzend“ bis „zu Tode betrübt“ bietet Mahler eine tiefgehende, weit gespannte Ausdruckspalette, die das Orchester gekonnt aufgreift. Lediglich im Finalsatz verfängt es sich, und man ist nicht ganz sicher, ob die Größe des „Titans“ nicht doch etwas erdrückt.

Nach zwischenzeitlich belastender Trübsal gelingt es Gergiev jedoch, seine Musiker wieder auf Spur zu bringen und die Musik in voller Dynamik bis in den letzten Akkord meisterhaft fließen zu lassen.

Anna-Maria Haberberger, 21.11.2018
für klassik-begeistert.de

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