„Ich habe beschlossen, mein Leben nur für die Musik zu leben und alles für die Musik aufzugeben”

Yunchan Lim und das Concertgebouworkest  Konzerthaus Dortmund, 16. Januar 2026

Foto: Yunchan Lim (c) Richard Rodriguez

Yunchan Lim gibt ein bemerkenswertes Debüt mit dem Concertgebouworkest.

Robert Schumann (1810-1856) – Konzert für Klavier und Orchester a-moll op. 54
Antonín Dvořák (1841-1904) – Die Waldtaube. Sinfonische Dichtung op. 110
Josef Suk (1874-1935) – Praga. Sinfonische Dichtung op. 26

Yunchan Lim Klavier

Concertgebouworkest 
Jakub Hrůša, Dirigent

Konzerthaus Dortmund, 16. Januar 2026

von Brian Cooper

„Das Wunderkind kommt herein – im Saale wird’s still.“ Dieser Einleitungssatz aus Thomas Manns Erzählung „Das Wunderkind“ schoss mir durch den Kopf, als zwar kein achtjähriger „Griechenknabe“ namens Bibi Saccellaphylaccas das Podium betrat, sondern ein dreizehn Jahre älterer Südkoreaner, dies jedoch mit einer solchen Ernsthaftigkeit und Konzentration tat, dass einem fast bange wurde.

Yunchan Lim hat 2022 im Alter von 18 Jahren die Van Cliburn International Piano Competition gewonnen, als jüngster Teilnehmer dieses renommierten Wettbewerbs. Anfang 2026 debütiert er nun mit dem Amsterdamer Concertgebouworkest, und im Rahmen dieser eminent wichtigen Karriere-Etappe gastiert man auch am Konzerthaus Dortmund. In der Reihe hinter uns besprechen Künstlerinnen, Agenten und Vertreter aus dem Kulturmanagement angeregt und ziemlich sorglos Pläne für Amsterdam, Asien, Baden-Baden… in Gedanken fülle ich meinen Kalender für Ostern 2028…, und auch die Intendantin der Klavier-Festivals Ruhr wird gesichtet.

Im Programmheft findet sich ein bemerkenswertes Zitat des Pianisten, das ein Entsagungslied von Askese bis Zölibat zu singen scheint: „Ich habe beschlossen, mein Leben nur für die Musik zu leben und alles für die Musik aufzugeben. Ich möchte, dass meine Musik tiefer wird, und wenn dieses Verlangen das Publikum erreicht, bin ich zufrieden.”

Seine Lesart von Robert Schumanns Klavierkonzert erreichte durchaus die Herzen des Dortmunder Publikums. Technisch spielte er makellos, aber das können viele andere auch. Was erstaunte, war die interpretatorische Reife: Das Schumann-Konzert hat man oft gehört, doch nur selten bekommt jede Phrase, jede Note, eine solche Tiefgründigkeit wie hier bei Lim, der durchdacht und vergeistigt zu Werke geht, dabei aber nichts dem Zufall überlässt. Seine Phrasierungskunst ist groß. Von ruhevoll bis drängend beherrscht er eine faszinierende Palette. Die Kadenz wird zum Ereignis; kleinste Details wie die letzten Töne im ersten Satz zum Freudenquell; das fein ziselierte Intermezzo zum schönsten Hintupfen von Linien; und der Finalsatz wird zu einer A-Dur-Hymne an das Leben.

Yunchan Lim ⓒ Lisa-Marie Mazzucco

Lim lauscht konzentriert gen Orchester. Jede Note, die er spielt, ist interessant, klug phrasiert, intelligent. Es kommt noch eine andere Dimension ins Spiel: jene der absoluten Freiheit, freilich im Rahmen der vorgegebenen Noten. Hier erwiesen sich Pianist und Dirigent als kongeniale Partner im Dienste einer Musik, die man oft gehört hat, wie bereits erwähnt, aber eben nicht so. Ein Ereignis!

Es braucht nicht erwähnt zu werden, dass der Solist von purer Weltklasse begleitet wurde. Herrlich etwa die Oboensoli von Alexei Ogrintchouk im ersten, die Cellogruppe im zweiten und die fabelhaften Horneinwürfe im letzten Satz. Jakub Hrůša ist ein unaufgeregter Begleiter und Gestalter, dessen Gestik niemals übertrieben schaufelnd daherkommt.

Hrůša, derzeit Chef in Bamberg und Covent Garden sowie designierter Chef der Tschechischen Philharmonie, ist immer für selten gespieltes Repertoire gut, oft auch aus seiner tschechischen Heimat, und so kam das Dortmunder Publikum nach der Pause in den Genuss zweier sinfonischer Dichtungen, von denen das Concertgebouworkest immerhin zumindest Dvořáks Waldtaube ein halbes Dutzend Mal gespielt hat, und das seit seinem Bestehen; Josef Suks Praga steht zum ersten Mal überhaupt auf den Amsterdamer Notenpulten.

Jakub Hrusa (c) Petra Klackova

Beide Werke sind prächtig anzuhören. Das Schauermärchen der Waldtaube – es reicht zu erwähnen, dass eine Frau ihren Gatten um die Ecke bringt und schließlich Suizid begeht – wird plastisch und wunderbar orchestriert dargestellt. Man hört nach kurzer Zeit, dass es Dvořák ist: die typische Melodieführung, leise Beckenschläge mit Triangel… Der Dirigent hängt an diesen unbekannten Werken bekannter Komponisten, vor einem knappen Jahr gab er in Köln das Heldenlied samt Martinůs Fünfter.

Simon Rattle hat alle vier sinfonischen Dichtungen Dvořáks mit den Berliner Philharmonikern aufgenommen. Sein Nachfolger dort, Kirill Petrenko, hat sich schon früh für die Musik von Josef Suk eingesetzt, auch wenn er Praga meines Wissens noch nicht eingespielt hat. So schließen sich Kreise, und es ist unbedingt lobenswert, wenn große Orchester und Dirigenten große Musik abseits der ausgetretenen Pfade spielen.

Man lernt als Hörer viel dabei: Dvořák kann auch düster und gruselig, und Suk ist ein Komponist, den es zu entdecken lohnt. Seine Musik ist tief in der Romantik verwurzelt, voller Wendungen und Modulationen, Ideen- und Melodienreichtum, voller Überraschungen und Orchestrierungskunst. Die Amsterdamer Streicher spielten samten, homogen, farbenreich, und auch Holz und Blech waren vorzüglich. Schöne Soli von Englischhorn und Konzertmeister Vesko Eshkenazy. Das lyrische Werk beginnt mit geheimnisvollen Horntönen, die an Uhrenschläge gemahnen, und es endet bombastisch mit Orgel.

Yunchan Lim gab den Walzer a-Moll op. 34,2 von Chopin zu, Jakub Hrůša Dvořáks Slawischen Tanz e-Moll op. 72,2.

Brian Cooper, 18. Januar 2026, für
klassik-begeistert.at und klassik-begeistert.de

Wiener Philharmoniker, Dirigent Jakub Hrůša Wiener Konzerthaus, 11. Dezember 2025           

3. Abonnementkonzert, Wiener Philharmoniker, Jakub Hrůša, Dirigent Musikverein,  Großer Saal, Wien, 7. Dezember 2025

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