Meister Mehta beglückt klassikhungrige Wiener mit Bruckner

Zubin Mehta, Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino, Anton Bruckner, Symphonie Nr. 9 d-moll  Wiener Konzerthaus, 3. November 2021

Wiener Konzerthaus, 3. November 2021

Zubin Mehta, Dirigent
Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino

Anton Bruckner, Symphonie Nr. 9 d-moll

von Andreas Schmidt

Es berührt das Herz zu sehen, wie langsam und bedächtig der Meister aus Indien sich seinen Weg zum Pult im Großen Saal des Wiener Konzerthauses bahnt. Zubin Mehta besteigt das Podest und begrüßt das Publikum im ausverkauften Hause fast ohne jegliche Mimik. Der 85-Jährige hat schwere Krankheiten überstanden, er hat mit allen namhaften Orchestern gearbeitet, er erlangte Weltruhm, als er 1990 die „Drei Tenöre“ in Rom dirigierte. Mit 18 Jahren kam er zum Studium nach Wien. Hier hat er fünf Mal das Neujahrskonzert dirigiert…

…und nun steht dieser weise Mann vor klassikhungrigen Wienern, dreht sich um, setzt sich auf einen hohen Stuhl und fordert einem phantastischen Orchester die ersten zarten Töne ab: dem Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino, einer Weltklasseformation aus Florenz, deren Ehrendirigent auf Lebenszeit Mehta ist.

Der Mann, der im Bereich der klassischen Musik alles erlebt hat, fängt mit sparsamsten Bewegungen an zu dirigieren… Erst im zweiten Satz (Scherzo) kommt er auch körperlich etwas mehr aus sich heraus. Die Musiker verfolgen die Anweisungen Mehtas aufmerksam… und es entwickelt sich eine wunderbare 9. Symphonie des oberösterreichischen Genies Anton Bruckner, deren 4. Satz er nicht vollendete.

Das Klangergebnis des Zubin Mehta ist sehr voll, satt, reich und prachtvoll. Die Musiker spielen exakt und empathisch. Sie musizieren im wahrsten Sinne des Wortes und liefern nicht einfach nur die richtigen Noten ab. Die Piani erklingen hauchzart, die Fortissimi sind kraftvoll und vital und befördern die Zuschauer in die Sitze zurück. Und manchmal lächeln sich die Musiker sogar an beim Spielen dieses anspruchsvollen Werkes.

© Lukas Beck, Wiener Konzerthaus

Der Musikwissenschaftler Hans Ferdinand Redlich hat den Gehalt des Bruckner’schen Werks wunderbar so beschrieben: „Das Erlebnis göttlicher Präsenz, aber auch die Qual der in den Abgrund der Ewigkeit hinabschauenden Seele, die Entzückungen, durch göttlichen Anhauch verursacht, aber auch der nackte Schrecken und die gähnende Leere des menschlichen Gemütes im Zwiespalt des Zweifels – das sind die Urelemente der Musik Bruckners in seinem letzten Werk.“

Besonders nachdrücklich gelang Mehta und den Ausnahmemusikern der 3. Satz, das Adagio. Hier fand klassik-begeistert-Autor Dr. Lorenz Kerscher treffende Worte: „Nochmals nimmt das Tubenquartett mit dunkel absinkenden Akkorden Abschied vom Leben, doch dazu mischt sich der helle Klang der Hörner und leitet, so empfinde ich, zur lichten und zarten Vision des Paradieses über. Mit der Erinnerung an das Thema seiner siebten Symphonie (seinem einzigen wirklichen Erfolg zu Lebzeiten) beschießt der Tonschöpfer den Satz in vollkommener Harmonie wie mit einem Nachklang des glücklichsten Augenblicks im Leben.“

Bruckner selbst widmete „der Majestät aller Majestäten, dem lieben Gott, mein letztes Werk“ – und göttlich war auch die Ruhe nach den Schlusstönen. Meister Mehta blieb ganz ruhig sitzen. Dann hob er die Arme und wollte erst das Orchester vor dem Schlussapplaus aufstehen lassen. Leider klatschten ein paar Dumpfbacken dazwischen – und beschädigten damit kurz die Göttlichkeit eines unvergesslichen Abends im Wiener Konzerthaus.

Andreas Schmidt, 3. November 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Berliner Philharmoniker, Zubin Mehta Philharmonie Berlin, 6./7./8. November 2019

Berliner Philharmoniker, Zubin Mehta, Amihai Grosz, Ludwig Quandt, Richard Strauss, Ludwig van Beethoven, Philharmonie Berlin, 1. November 2019

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