Lise Davidsen singt schönheitstrunkene letzte Strauss-Lieder in Berlin

Lise Davidsen, Zubin Mehta,  Staatsoper Unter den Linden, 9. Juni 2019

Foto: © Ray Burmiston

Staatsoper Unter den Linden, 9. Juni 2019

Lise Davidsen  Sopran
Zubin Mehta   Dirigent

Richard Strauss
Vier letzte Lieder
Sinfonia Domestica op.53

von Peter Sommeregger

Mit einiger Vorfreude hatte man die Gesangssolistin Krassimira Stoyanova erwartet, die aber kurzfristig durch die junge Norwegerin Lise Davidsen ersetzt werden musste. Auf Davidsen, die im Augenblick eine Karriere im Eilzugtempo macht, dieses Jahr- wie übrigens auch Stoyanova- in Bayreuth debütiert, und gerade bei DECCA ihr erstes Album veröffentlicht, war man ohnehin neugierig.

Die hoch gewachsene Sängerin besitzt ein sehr persönliches, unverwechselbares Timbre, das in manchen Momenten entfernt an ihre Landsfrau Kirsten Flagstad erinnert, welche diese Lieder 1950 uraufgeführt hat. Die schönheitstrunkenen, in weiten Bögen schwingenden letzten Vokalkompositionen von Strauss sind ein Prüfstein für Sopranistinnen, selbst für solche der Königsklasse.

Davidsen hat sehr wohl den langen Atem und die extreme Höhe, die selbst an exponierten Stellen unforciert abrufbar ist. Was der Stimme ein wenig fehlt, ist eine gesunde Mittellage, sie neigt dazu, das mit freilich imponierendem Einsatz ihrer Höhenregister auszugleichen.

Textverständlichkeit wäre bei diesen Liedern nach Gedichten von Hermann Hesse und Eichendorff wünschenswert, auch das bedient Davidsen, bis sie im vierten Lied plötzlich offenbar den Text vergessen hat und sich mit ein paar unverständlichen Worten- allerdings auf die richtigen Noten- aus der Affäre zieht.

Zubin Mehta, der an diesem Abend einen relativ erholten Eindruck macht, wiedersteht der Versuchung, den Liedern durch zu breite Tempi Sentimentalität zu verleihen. So kommt man in den Genuss einer Interpretation, die eine gewisse jugendliche Frische ausstrahlt.

Ein bedeutend spröderes Werk aus einer früheren Schaffensperiode von Strauss steht nach der Pause auf dem Programm. Die Sinfonia Domestica, ganz zu Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden, ist die vorletzte Tondichtung des Komponisten. Hier zeigt er sich einmal mehr als genialer Meister der Instrumentation.

Unglaublich, was er dem allerdings auch groß besetzten Orchester entlocken kann. Immer wieder fällt die Konzertmeisterin Jiyoon Lee durch virtuose Soli positiv auf- bereits in den Liedern war ihr sicherer, souveräner Ton nicht zu überhören.

Erstaunlich, dass in diesem einsätzigen Stück schon deutliche Anklänge an Strauss’sche Opern herauszuhören sind – obwohl „Rosenkavalier“ und „Frau ohne Schatten“ erst wesentlich später komponiert wurden. Immer wieder blitzt das „Lerchenauisch Glück“ auf, Mehta am Pult des Orchesters, dessen Ehrendirigent er ist, entwickelt in seinem Dirigat Temperament und Sensibilität gleichermaßen. Langer, begeisterter Applaus des Publikums dankt es ihm.

Peter Sommeregger, 9. Juni 2019, für
klassik-begeistert.de

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.