„Ich komm' vom Theater nicht los... Erinnerungen und Einsichten“ – Zum Tod von Inge Borkh

Zum Tod von Inge Borkh,  Nachruf

Foto: The Metropolitan Opera Archives (c)
Zum Tod von Inge Borkh

 von Yehya Alazem

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es viele hochdramatische Sopranistinnen, unter anderem Kirsten Flagstadt, Astrid Varnay und Birgit Nilsson, die an der absoluten Spitze standen. Zu dieser Top-Liga gehörte Inge Borkh jedoch nicht, obwohl sie eigentlich die einzigartigste von allen Sopranistinnen war.

Inge Borkh war tatsächlich ein Phänomen wie Maria Callas. Mit Borkh kam ein Musiktheater, das die Welt vorher kaum gesehen hatte. Sie bahnte den Weg für die sogenannten „Sänger-Darsteller“. In ihren jungen Jahren war sie unsicher: Sollte sie Sängerin oder Schauspielerin werden? Am liebsten wäre sie beim Schauspiel geblieben, aber da sie auch die Stimme hatte, musste sie einfach zur Oper. Der Antrieb für ihre Darstellungen in der Oper blieb aber immer das Wort.

Inge Borkh wurde als Ingeborg Simon am 26. Mai 1921 in Mannheim als Tochter einer Opernsoubrette und eines jüdischen Vaters geboren. 1937 ging sie als Schauspielerin nach Linz und 1938, als ihre Eltern wegen des Nationalsozialismus emigirierten, nach Basel. Danach studierte sie in Mailand Gesang und 1942 kam sie nach Luzern an die Oper als „Agathe“ (auch die Debütrolle von Birgit Nilsson, Stockholm 1946).

Während des 2. Weltkrieges war sie in Basel und Zürich aktiv, und nach dem Krieg begann ihre internationale Karriere in Berlin und München, 1952 als „Sieglinde“ auf dem grünen Hügel in Bayreuth unter Joseph Keilberth und 1957 als „Salome“ an der Metropolitan Opera in New York. Zu ihren Rollen gehörten auch Elektra, die Färberin (Die Frau ohne Schatten), Turandot, Leonore (Fidelio) und weitere Wagner- und Verdi-Rollen. Auch als Mona Lisa in Max von Schillings gleichnamiger Oper hatte sie großen Erfolg.

Ihre Stimme war unvergleichlich. Ganz unfassbar. Eine komplexe Mischung von Wärme und Kälte. Sie besaß eine unglaubliche Intensität, die elektrisierte. Eine Aufnahme von Inge Borkh zu hören, ist wie eine DVD anzuschauen. Die Ausdruckskraft, das Einfühlungsvermögen und die Dramatik in ihren Interpretationen genügen, um alles vor sich sehen zu können. Man wird in ihre Stimme hineingesogen.

Als Wagner-Sängerin hat man eigentlich zu wenig von ihr im vorherigen Jahrhundert gesprochen. Folgendes mag der Grund dafür gewesen sein: Isolde und Brünnhilde hat sie nie gesungen. Wenn sie diese zwei Rollen gesungen hätte, wäre sie wahrscheinlich auf der gleichen Ebene mit Flagstadt, Varnay und Nilsson.

Am Sonntagmorgen, den 26. August 2018, starb Inge Borkh im Alter von 97 Jahren in Stuttgart. Glücklicherweise ist sie noch in vielen phantastischen Aufnahmen zu hören: Elektra (Karl Böhm, Deutsche Grammophon), Die Frau ohne Schatten (Joseph Keilberth, Deutsche Grammophon), Turandot (Alberto Erede, Decca), Der Ring des Nibelungen (Joseph Keilberth „Bayreuth 1952“, Golden Melodram), Mona Lisa (Robert Heger, Preiser), Szenen aus Salome und Elektra (Fritz Reiner, Living Stereo).

Ihre Memoiren schrieb sie unter dem Titel „Ich komm‘ vom Theater nicht los… Erinnerungen und Einsichten“ (Henschel 1997).

Yehya Alazem, 26. August 2018, für
klassik-begeistert.de

4 Gedanken zu „Zum Tod von Inge Borkh,
Nachruf“

  1. Selbst einem kompetenter Opern– und Klassik-Liebhaber, 65, der seit seiner jüngsten Kindheit Gast in den Wiener Kulturstätten ist, ist der Name Inge Borkh kein Begriff. Das hat mich etwas überrascht, als ich ihm gestern von ihrem Tod erzählt habe. Sei’s drum.

    Noch 6 Tage auf Ö1: In Memoriam Inge Borkh
    https://oe1.orf.at/player/20180828/524132

    Passend zum sensationellen Erfolg der Asmik Grigorian als „Salome“ bei den Salzburger Festspielen beginnt die Radiosendung mit einem Ausschnitt des Schlussgesangs der Salome…

    Jürgen Pathy

  2. Ich möchte mich dem Nachruf vorbehaltlos anschließen. Ich hatte das Glück, Frau Borkh 1968 als Leonore hören und sehen zu dürfen (Bayerische Staatsoper mit Jean Cox als Florestan und Kurt Böhme als Rocco unter der Leitung von Meinhard von Zallinger). Die Sängerin war überwältigend und rührte mit ihrer gesanglichen Darstellungskraft und schauspielerischen Qualität zu Tränen. Ihre Rollengestaltung blieb für mich immer der Maßstab für eine Leonore – auch ihre Elektra unter Karl Böhm, die ich allerdings nur als Schallpalttenaufnahme besitze.

    Ralf Wegner

    1. Das kann ich nur bestätigen! Sie war meine erste Leonore in Wien – unvergesslich! Nie wurde sie von einer anderen Sängerin in dieser Rolle übertroffen.

      Margit Kraker

  3. Frau Borkh hat noch ein zweites Buch veröffentlicht, das ich nur empfehlen kann. Es heisst „Nicht nur Salome und Elektra“ und enthält Gespräche mit Thomas Voigt.

    Henning Beil

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