Auch bei Konzerten gilt: Lesen Sie den Beipackzettel!

Tonkünstler Orchester Niederösterreich, Fabio Luisi, Bruch/Bruckner, Grafenegg, 19. August 2022

Fabio Luisi © Monika Rittershaus

Auditorium Grafenegg, 19. August 2022

Max Bruch: Violinkonzert Nr. 1 g-moll op. 26

Anton Bruckner: Symphonie Nr. 8 c-moll (1. Fassung 1887)

Bomsori Kim, Violine
Tonkünstler Orchester Niederösterreich

Fabio Luisi, Dirigent

von Herbert Hiess

Als vielbeschäftigter Konzertbesucher vernachlässigt man aus reiner Gewohnheit, wie beim Beipackzettel eines Medikamentes, das Programm genauer (wenn überhaupt) zu lesen. Das sollte sich in dem Fall bei diesem besprochenen Konzert bitter rächen.

Man hört nach der Pause die ersten Takte der Brucknerschen 8. und glaubt, dass die Welt völlig in Ordnung sei. Nur beim Forte am Anfang, wo man den Paukeneinsatz erwartet, gibt es die Ernüchterung, derer viele sich dann noch einstellen werden.

Um es kurz zu machen – letztlich ist diese Fassung nicht mehr als eine Studie der Symphonie. Wenn man diese in Vollendung kennt, glaubt man sich dann bei dieser 1. Fassung in einer anderen Dimension. Letztlich hört man eine fast „ungeschickte“ Aneinanderreihung von Motiven der allseits bekannten Symphonie. Aber es baut sich selten eine echte Steigerung auf; manchmal sind sogar Lächerlichkeiten zu vernehmen, wie die zweimal drei Beckenschläge im Adagio.

Fabio Luisi und sein Orchester waren in diesem Konzert „ein Herz und eine Seele“. Hart formuliert heißt es, eine solche Fassung mit diesen Musikern aufzuführen bedeutet beinahe „Perlen vor die Säue“ zu werfen. Luisi und das tolle Orchester hätten sich da was Besseres verdient.

Aber wenigstens im ersten Teil konnten Dirigent/Orchester aus dem Vollen schöpfen. Mit der phantastischen südkoreanischen Geigerin Bomsori Kim, die mit berückenden Klängen dieses Konzert zelebrierte, war ein „Dream-Team“ am Podium. Herzerweichend das allseits bekannte Adagio, aus dem Richard Strauss bei seiner „Alpensinfonie“ großzügig zitierte – hier spielte Frau Kim eine unvergessliche Interpretation, ohne je ins Kitschige abzurutschen.

Alles in allem ein interessantes Konzert, wobei halt diese Fassung der Bruckner-Symphonie leider etwas enttäuschte. Und Intendant Buchbinder beweist hier seine offenbar gut funktionierende „Korea-Connection“, nachdem er mit Frau Kim nach dem Pianisten Park wieder eine hervorragende Künstlerin vorstellen konnte.

Herbert Hiess, 20. August 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

European Union Youth Orchestra, Dirigent Gianandrea Noseda klassik-begeistert.de

Matinee Anima Eterna Brugge, Pablo Heras-Casado dirigiert Bruckners siebte Symphonie. Auditorium Grafenegg, 14. August 2022 

 

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