Philipp Himmelmann © Armin Bardel
Interview mit dem Regisseur Philipp Himmelmann in Lübeck
Philipp Himmelmann, geboren 1962, studierte Gesang und Musiktheaterregie an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg und Gesang an der Guildhall School of Music in London. Der gefragte Regisseur inszenierte an zahlreichen großen Häusern und Festspielen, wie Bregenz (Opern- und James Bond-Fans erinnern sich an das Bühnenbild mit dem riesigen Auge), Luzern, Wien, St. Margarethen, Rouen, Nancy, Saarbrücken, Braunschweig, Essen, Baden-Baden, Düsseldorf, Berlin und Hannover. Er arbeitete mit namhaften Dirigenten zusammen, u.a. Simon Rattle, Marco Armiliato, Ádám Fischer, Marcello Viotti, Fabio Luisi, Daniele Gatti, Marc Albrecht, Christian Thielemann, Massimo Zanetti, Reinhard Goebel und Iván Fischer.
Nun inszeniert er „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach, nach „Carmen“ zum Ende der vergangenen Spielzeit, am Theater Lübeck. Der sympathische Regisseur war gerne für ein Gespräch mit
„klassik-begeistert“ bereit.
Das Interview führten Dr. Regina und Dr. Andreas Ströbl.
„Die Partitur wird, egal, was die Regie damit macht, immer überleben“
klassik-begeistert: Zunächst nochmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Lübecker „Carmen“, derzeit als Wiederaufnahme zu erleben, die durch ihre stark entschlackte Reduktion auf einen Krimi mit einem Femizid als Zentralthema die Zuschauer begeistert und soghaft in ihren Bann zieht (https://klassik-begeistert.de/georges-bizet-carmen-theater-luebeck-3-juli-2025/). Es gibt keinen Kinderchor, keine Klischee-Folklore, das funktioniert ganz großartig, nicht zuletzt aufgrund der psychologischen Feinzeichnung des Täters. Aber, so naiv die Frage klingt, wie weit darf ein Regisseur gehen? Darf er einfach machen, was er will, oder gibt es eine innere Grenze, bevor das Werk vollständig verlorengeht?

Philipp Himmelmann: Der Regisseur muss ja von irgendeinem Punkt des Werks inspiriert sein, an dem man einsteigt. Wir haben es mit Partituren zu tun, die im Durchschnitt ungefähr 150 Jahre alt sind und die irgendwie in unsere Zeit hinübergenommen werden müssen. Es wird immer eine Interpretation sein. Sie können nicht sagen, das ist so, wie das der Komponist gemeint hat. Es gibt keinen objektiven Blick auf die angebliche oder imaginierte Vorstellung des Komponisten.
Leider ist es ja so, dass wir auch sehr wenig Uraufführungen haben im Verhältnis zum Kernrepertoire, das immer wieder verschieden interpretiert und befragt wird; da wird es immer neue Ansatzpunkte geben. Ein moralisches oder künstlerisches Limit kann ich nicht sehen. Die Partitur wird, egal, was die Regie damit macht, immer überleben und dann gibt es wieder jemand anderen, der es ganz anders sieht. Auch Dekonstruktion – das ist allerdings überhaupt nicht meine Sache – ist eine legitime Herangehensweise an ein Material, um es transportieren.
klassik-begeistert: Mir hat gestern bei der Einführung und der öffentlichen Probe gefallen, dass Sie gesagt haben, man müsse Respekt vor dem Ganzen haben. Dass man aktualisieren muss, ist ja völlig klar. Aber man muss das Stück ja nicht kaputtmachen.
Philipp Himmelmann: Ob Dekonstruktion kaputtmachen heißt, da bin ich nicht so sicher. Ich glaube, Dekonstruktion kann auch dazu geeignet sein, Dinge freizulegen. Ich kenne die allerersten Aufführungen von Frank Castorf am Hamburger Schauspielhaus, zum Beispiel [Goethes] „Stella“ und all die Sachen, die waren großartig. Oder [Schillers] „Die Räuber“ in der Berliner Volksbühne. Das sind Dekonstruktionsansätze gewesen, um zu sagen: Moment, das könnte der Kern von „Die Räuber“ eigentlich heute sein!
klassik-begeistert: Aber genau bei diesen Sachen, die Castorf, Schlingensief, Marthaler, Kresnik oder Kriegenburg in den 90er Jahren an der Volksbühne gemacht haben, kam immer etwas Neues heraus. Da steckte eine Philosophie dahinter, es entwickelte sich etwas aus dem Dekonstruieren. Wenn aber Striche von inhaltlich wesentlichen Szenen und Musik dazu führen, dass man das Stück nicht mehr erkennt, wird es schwierig.
Philipp Himmelmann: Striche müssen wir machen, gerade beim Hoffmann, weil man ja nicht weiß, was wirklich von Offenbach selbst ist. Man muss sehr viele Entscheidungen treffen, was sich wie im Sinne der Konzeption zusammenfügt; man könnte sogar die Abfolge der Akte überlegen. Wir haben jetzt eine sehr lange Reise gemacht, um herauszufinden, was die richtige Version, die richtige Fassung für unsere Produktion sein kann, die eben ganz auf die Person des Hoffmanns zugeschnitten ist. Wenn man sklavisch versucht, jede Nummer, bei der teilweise die Urheberschaft Offenbachs gar nicht feststeht, zu erhalten, hat man am Schluss dann einfach einen zähen Abend. Wir spielen eine Fassung von ca. zwei Stunden, ohne Pause, und ich glaube nicht, dass das Publikum Schwierigkeiten haben wird, diese zwei Stunden dazusitzen.
Das Ensemble ist großartig, auch die Gespräche mit der Technik und mit allen, die da mitarbeiten, es ist alles ziel- und ergebnisorientiertes, fokussiertes Arbeiten. Das ist schon sehr, sehr schön.

klassik-begeistert: War es vorteilhaft, dass Sie das Haus und auch einige der Solisten von der „Carmen“ schon kennen?
Philipp Himmelmann: Naja, wir lernen uns jetzt alle nochmal kennen. Ich gehe immer frisch in eine neue Produktion hinein, ich habe keine Vorurteile. Aber natürlich weiß man, mit wem man da arbeitet. Das macht vieles leichter, es gibt sowas wie ein Grundvertrauen. Ich habe einfach ein Riesenvertrauen in dieses Ensemble und es ist halt auch ein toll geführtes Haus. Joel Revelle [Künstlerischer Betriebsdirektor Musiktheater] meinte, du musst mal den Stefan Vladar [Opern- und Generalmusikdirektor] kennenlernen, hier passiert musikalisch was Erstaunliches für so ein Haus.
Und so bin ich zur Elektra-Premiere gekommen [https://klassik-begeistert.de/elektra-musikdrama-von-richard-strauss-theater-luebeck-premiere-am-27-januar-2024/]. So transparent und durchleuchtet, dabei so leicht und nie die Sänger zugeschüttet, so schöne Einzelleistungen im Orchester – ich dachte nur: „Hui, das ist weit über dem normalen Standard“.
„…nichts anderes als ein entsetzlicher Angstschrei in zwanzig Bänden“
klassik-begeistert: Zurück zum „Hoffmann“ und zum Stichwort Psychologie: Nicht umsonst hat Sigmund Freud auf E.T.A. Hoffmann rekurriert, denn die schizophrenen Psychosen, die in den „Elixieren des Teufels“ und vor allem im „Sandmann“ beschrieben werden, sind eine frühe Schilderung psychischer Störungen. Nathanael erlebt im „Sandmann“ eine Traumatisierung in der Kindheit, die später zu einer Psychose und zur Selbsttötung führt. Sie sagten gestern in der Einführung vor der öffentlichen Probe, die Figur des Dichters Hoffmann sei in Ihrer Inszenierung zentral. Inwieweit spielen hier psychologische Aspekte eine Rolle?
Philipp Himmelmann: Das ist eine sehr komplexe Frage. Es bleibt natürlich eine Oper; die Tiefe und Dichte, die man bei E. T. A. Hoffmann liest, erreicht die Musik auf einer nonverbalen Seite. Diese ganzen Schichten von Traumatisierung sind aber natürlich in der Oper nicht 1 zu 1 übersetzbar, weil Musik ganz anders wirkt. Aber sie hat trotzdem so eine Kraft, solche Dinge auf einer ganz anderen Ebene freizulegen. Hier ist das für einen einzelnen Protagonisten geschrieben, einen Tenor, der durch eine vielschichtige Reise zu verschiedenen Beziehungskisten kommt.
Was ist der psychologische Hintergrund für seine Schaffenskrise? Das ist für uns der Startpunkt gewesen. Mein Fokus ist eher auf der des Psychogramms dieser Figur „Hoffmann“ in der Oper. Er scheint doch große Probleme in seinem Frauenbild zu haben, und woher das kommt, darüber kann man natürlich lange spekulieren. Bei ihm sind Unterwürfigkeit, Abhängigkeit oder Schwäche Wesensmerkmale von Frauen. Das reflektiert schon ein antagonistisches Bild von ihnen. Die sollen ihn als Künstler fördern oder unterstützen, das ist sehr auf ihn selbst bezogen; es sind dienende und willenlose Geschöpfe.
Wenn man das als normaler, moderner Mensch liest und hört, denkt man, das ist ein Idiot, also im griechischen Sinne des Wortes „idiṓtēs“ ein Alleinstehender, der keine echte Verbindung zur Welt hat. Wir wollen erzählen oder zumindest die Frage stellen, wie er aus dieser Isolierung in sich selbst wieder herauskommt. Da finde ich diesen Satz von Heinrich Heine, der über E. T. A. Hoffmanns Werk sagt, es sei „nichts anderes als ein entsetzlicher Angstschrei in zwanzig Bänden“, wahnsinnig toll. Und das ist, nach meiner Meinung, bei Offenbach perfekt gelungen, weil er diesen phantastischen Trick aller wirklich großen Komponisten draufhat: Er liefert uns eine wahnsinnig tolle Musik zu einem wahnsinnig großen Problem und haut es uns nicht als Qual um die Ohren, sondern lockt uns in eine musikalische Welt, die sehr verführerisch sein kann. Der Auslöser ist eigentlich etwas ganz Berührendes und Schwaches, eben jemand, der ganz alleine in der Welt dasteht. Ich finde das ganz großartig, dass uns so eine Musiktheaterreise angeboten wird, in ein für viele Menschen doch relevantes Problem der Isolation, der Unsicherheit und der Neuorientierung, aber gepackt in eine unglaublich schöne Musik, die einen emotional mitnimmt. Die Oper ist der Ort, wo man sowas erzählen kann.
klassik-begeistert: Wird Hoffmann auch als Multitalent – Jurist, Komponist, Kapellmeister, Musikkritiker, Zeichner und Karikaturist, nach meiner Einschätzung auch Proto-Psychologe – in Ihrer Produktion gezeichnet?
Philipp Himmelmann: Wir lassen das offen, wir formulieren es nicht aus, was er konkret „bekünstlert“, er arbeitet mit Papier. Also er schreibt, er dichtet, er zeichnet, aber was das genau ist, das wollen wir nicht darstellen, sondern eher die Wirkung daraus.
Die Idee in diesen Erzählungen ist ja auch, dass die Frauenfiguren reine Projektionen von ihm sind, sie werden durch sein Schaffen erst lebendig. Das sind keine psychologisch durchgearbeiteten Figuren; keiner wird sich dafür interessieren, woher Giulietta kommt und was mit ihr nachher passiert. Das sind ja gerade 20 Minuten und damit tolle Herausforderungen für die Darsteller. Ich finde auch eine Figur wie Antonia bemerkenswert, das gibt es in der Oper sonst auch nicht. Wir lernen diese Frau ungefähr 20 Minuten vor ihrem Tod kennen, wir bekommen sie vorgestellt und wissen: „Die hat noch 20 Minuten“. Wo in der in der Literatur finden Sie so etwas?
klassik-begeistert: Später im Film zumindest bei Hitchcock, in „Psycho“.
Philipp Himmelmann: Ja, aber das ist eben das, was Theater kann, und deshalb bin ich immer ein bisschen vorsichtig, psychologisch zu pseudowissenschaftlich loszulegen und das so zu übertragen.
„…es gibt keine Oper, die nicht irgendwie von Liebe und Tod berichtet“
klassik-begeistert: Zu einer anderen Wissenschaft. Als Archäologen müssen wir das fragen: Ihr Vater war ein klassischer Archäologe, der sich unter anderem mit soziohistorischen und religiösen Fragen der Antike auseinandergesetzt hat. Inwieweit sind Sie hier familiär vorbelastet? Hat das Graben in die Tiefe und der Drang, frühere Mentalitäten zu begreifen, sich in Ihrer Arbeit niedergeschlagen?
Philipp Himmelmann: Tatsächlich ja. Ich interessiere mich wahnsinnig für unterschiedliche Kulturen, das müssen auch gar keine untergegangenen sein. Was mich wirklich fasziniert, sind auch heute aktuelle gesellschaftliche und mentale Fragen in anderen Ländern. Wie hat sich das alles in den letzten 20 Jahren entwickelt, was ist heute noch die italienische, was französische Mentalität? Ich bin ja oft in diesen Ländern und solche Fragen interessieren mich sehr, auch für meine Arbeit in der Oper.
Aber wenn ich ganz ehrlich bin, gibt es in allen 10.000 Opern ja ohnehin nur zwei Themen: die Liebe und den Tod. In der Oper ist das Schöne, dass wir über etwas singen, worüber wir nicht reden können. Wir wissen nichts über die Liebe wirklich und wir wissen nichts über den Tod wirklich. Und da ist der Mensch halt auch ein Kulturmensch und sagt: „Ja, wenn ich das nicht kann, dann fange ich darüber an zu singen“. Und dann trifft sich das in den tollen Opern und es entsteht eine metaphysische Situation.
klassik-begeistert: Wie in Wagners „Tristan und Isolde“. Einmal alles.
Philipp Himmelmann: Ja, einmal alles. Immer wieder auch verknüpft mit Historie, aber es gibt keine Oper, die nicht irgendwie von Liebe und Tod berichtet. Natürlich gibt es Opern, wie beispielsweise Boris Godunov, wo auch Politik eine Rolle spielt.
klassik-begeistert: Sie haben ja an einer kaum aufzählbaren Zahl auch großer Häuser gearbeitet. Wie reiht sich das Lübecker Theater, wenngleich zweifelsohne ein Haus von gerade in den letzten Jahren stetig gewachsener Qualität, hier für Sie ein?
Philipp Himmelmann: Wunderbar reiht sich das für mich ein, weil ich aus künstlerischer Überzeugung finde, dass es hier es eine ganz tolle Qualität gibt! Ich habe ja immer in ganz kleinen, mittleren oder großen Häusern, auch in Festivals gearbeitet. Diese Vielseitigkeit, das ist für mich der Punkt, der das alles ausmacht; das ist das, was wirklich Spaß macht.
klassik-begeistert: Auch in Opern mit zahlreichen Mitwirkenden fällt in Ihren Produktionen eine sehr intensive Personenregie auf. Den Berliner „Don Carlo“, seit 20 Jahren auf dem Spielplan der Staatsoper, mit einem familienpsychologischen Blick auf eine kaputte Sippe, haben wir noch mit Gänsehaut in Erinnerung. Wie gelingt Ihnen bei einer Oper, wie „Hoffmanns Erzählungen“, das Individuum auch in Massenszenen im inszenatorischen Visier zu behalten?
Philipp Himmelmann: Wir reduzieren das Bühnenbild von der Größe her, das sind jeweils nur Bühnenausschnitte; das heißt, das Geschehen bleibt in einer Kneipen-Grundsituation, die ein kleines Kuchenstück des Ganzen aufnimmt. Man wird dort immer wieder den auf sich selber zurückfallenden Hoffmann erleben. In vielen Szenen dreht es sich weiter, aber plötzlich steht er wieder vor sich selbst, weil er ja in dieser Oper auch selbst erzählt wird. Und deshalb wird es hoffentlich gelingen, zu sagen, es ist immer er, der da im Vordergrund steht. Auch in den Massenszenen – im Grunde gibt es die ja eigentlich nur bei Spalanzani und Olympia, die Antonia- und Giulietta-Akte sind absolute Kammerspiele.
klassik-begeistert: Nochmal zur „Carmen“ und zur Personenregie: Don José ist hier zwar vor allem Frauenmörder, aber Ihre Regie verschafft einen intensiven psychologischen Blick in seine Seele und deren krankhafte Entwicklung. Am Ende hat man beinahe Mitleid mit ihm, will ihn trösten. Und dann wird einem bewusst, dass der gerade eine Frau umgebracht hat.
Philipp Himmelmann: Es geht ja im echten Leben nicht nur um Mord, sondern auch Stalking und Belästigung, das ist die Realität. Und die Männer werden dann noch in Schutz genommen oder man hat Verständnis für sie. Wie in dieser „Carmen“: Man hört die emotionale Musik und dann sitzt der Tenor am Schluss, man sagt sich „der arme Kerl“ und denkt plötzlich „hoppla!“ Prima, dann hat das ja so geklappt.
klassik-begeistert: Allerdings! Lieber Herr Himmelmann, ganz herzlichen Dank für das Gespräch!
Dr. Regina und Dr. Andreas Ströbl, 23. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Die letzten Aufführungen von Bizets „Carmen“ am Theater Lübeck sind am 27. Februar sowie am 6. und 27. März.
Die Premiere von Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ ist am 31. Januar, die nächsten Vorstellungen sind am 7. und 19. Februar sowie am 8. März.
Weitere Informationen unter https://www.theaterluebeck.de/start/musiktheater.html
Richard Strauss, Der Rosenkavalier Theater Lübeck, Premiere am 18. Oktober 2025
Interview mit Gustavo Eda von Dres. Regina und Andreas Ströbl klassik-begeistert.de, 3. Februar 2024