Doulce Mémoire besingt ein ewiges Vermächtnis

CD/Blu-ray-Besprechung: Lasso Agostini Lagrime di San Pietro  klassik-begeistert.de, 2. März 2026

CD/Blu-ray-Besprechung:

Lasso Agostini
Lagrime di San Pietro

Doulce Mémoire

Denis Raisin Dardre, musikalische Leitung

Alpha Classics, Alpha1209

von Dirk Schauß

Manche Alben scheinen nicht einfach nur veröffentlicht zu werden; sie ereignen sich wie ein Schicksalsschlag. Wenn das französische Ensemble Doulce Mémoire unter der Leitung von Denis Raisin Dadre nun ein Programm vorlegt, das sich den „Tränen“ widmet, dann schwingt von der ersten Sekunde an eine Metaphysik mit, die weit über das bloße Abspielen von Renaissance-Noten hinausgeht.
Es ist eine Aufnahme, die im Januar 2025 in der ehrwürdigen Stille der Abtei Noirlac entstand – und die nun zu einem Grabmal geworden ist. Denis Raisin Dadre, der dieses Ensemble 1989 gründete und die Alte Musik mit einer Mischung aus intellektueller Schärfe und sinnlicher Wärme entstaubte, verstarb nur wenige Monate nach der Aufnahme, im September 2025.

Wer an Zufälle glaubt, wird hier eines Besseren belehrt. Es ist, als hätte Dadre geahnt, dass er mit diesem Projekt seinen eigenen Schwanengesang vorbereitete. Das Programm koppelt zwei der bedeutendsten Bußzyklen der Musikgeschichte: Orlando di Lassos Lagrime di San Pietro und Lodovico Agostinis Lagrime del Peccatore. Beide Werke entstanden am unmittelbaren Lebensabend ihrer Schöpfer. Lasso in München 1594, Agostini in Ferrara 1586. Beides sind Werke der Reue, des Rückblicks und der künstlerischen Summe. Dass Dadre ausgerechnet diese Musik für seine letzte Aufnahme wählte, verleiht der CD eine beinahe übernatürliche Aura. Zu hören ist hier nicht nur Musik der Renaissance; zu hören ist ein Abschied.

Petrus und die Polyphonie der Reue

Der heilige Petrus ist die zentrale Identifikationsfigur dieser Einspielung. Der Fels, der bröckelte; der Jünger, der dreimal schwor, seinen Herrn nicht zu kennen, bevor der Hahn krähte. Orlando di Lassos Vertonung dieser Gewissensnot ist das Nonplusultra des kontrapunktischen Handwerks. Wer glaubt, Renaissance-Polyphonie sei eine kühle, mathematische Angelegenheit, wird hier eines Besseren belehrt. In den Ausschnitten, die Doulce Mémoire präsentiert, entfaltet sich eine psychologische Tiefe, die an die großen Romane der Weltliteratur erinnert.

Ein Blick auf das Madrigal „Il magnanimo Pietro“ verdeutlicht dies. Das Ensemble lässt die sieben Stimmen – eine Zahl, die im Christentum untrennbar mit der Trauer und den Schmerzen Mariens verbunden ist – mit einer solchen Transparenz ineinanderfließen, dass man die Tränen förmlich im Gefüge der Dissonanzen glitzern hört. Die Besetzung ist dabei klug gewählt: Mal rein vokal, mal durch das charakteristische Timbre historischer Instrumente wie dem Zink oder dem knarzigen, aber dennoch warmen Dulzian gestützt. Es ist ein Klang, der niemals eitel wirkt. Doulce Mémoire sucht nicht den glatten, polierten „High-End-Sound“, sondern eine menschliche Wärme, die auch die Brüchigkeit der Existenz zulässt.

Kontrast und das letzte Testament

Den Kontrast dazu bilden die seltener zu hörenden Lagrime del Peccatore von Lodovico Agostini. Während Lasso noch einmal alle Register der komplexen Mehrstimmigkeit zieht, blitzt bei Agostini bereits der heraufziehende Barock durch die Klostermauern. Seine Sprache ist direkter, affektgeladener. Hier geht es weniger um das kunstvolle Geflecht als um den unmittelbaren emotionalen Schlag. Wenn das Ensemble Agostinis „La morte è morta“ anstimmt, spürt man den Drang zur Chromatik, zum schmerzhaften Halbtonschritt, der den Hörer entwaffnet. Es ist Musik, die nicht nur gefallen, sondern überwältigen will.

Besonders berührend ist der Moment, in dem Lassos „Vide homo“ erklingt. Es ist das letzte Stück des Zyklus, das letzte Stück, das Lasso überhaupt vollendete. Es ist ein musikalisches Testament, das uns direkt ansieht und fragt: „Sieh her, Mensch, was ich für dich leide.“ Dass wir dies nun mit dem Wissen hören, dass auch Dadre kurz darauf sein Dirigierpult für immer verließ, macht die Gänsehaut unvermeidlich. Zwischen den großen Zyklen gestatten die Einspielung Momente des Innehaltens durch anonyme Kompositionen wie das spanische „Al pie del duro sasso“. Diese Einschübe wirken wie kleine Kapellen am Wegrand einer großen Prozession. Sie nehmen den Druck der hochkomplexen Madrigale und erden das Programm in einer schlichten Frömmigkeit.

Ein Denkmal aus Luft und Schwingung

Es ist eine Aufnahme für die stillen Stunden, für die Momente, in denen man sich den großen Fragen nicht entziehen möchte. Gibt es Kritikpunkte? In einer rein fachlichen Welt könnte man darüber streiten, warum nur Auszüge der Zyklen gewählt wurden. Doch die Dramaturgie der Abfolge – das Wechselspiel zwischen dem strengen Lasso und dem affektiven Agostini – rechtfertigt diesen Ansatz vollkommen. Es entsteht ein neuer, dritter Zyklus: Die „Tränen des Denis Raisin Dadre“.

Wer diese CD einlegt, sollte Zeit mitbringen. Zeit zum Atmen, Zeit zum Trauern und Zeit zum Staunen über die zeitlose Schönheit der Renaissance. Doulce Mémoire hat ihrem Gründer ein Denkmal gesetzt, das nicht aus Stein, sondern aus Luft und Schwingung besteht. Ein Schwanengesang, der noch lange nachklingt, wenn der letzte Ton von „O sacro santo legno“ in der Stille der Abtei Noirlac verhallt ist. Ein tröstliches Dokument für alle, die wissen, dass das Ende oft nur der Anfang einer unsterblichen Melodie ist.

Dirk Schauß, 2. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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