Grandiose Werke zu Unrecht vergessener Komponistinnen begeistern in Bremen

Raphaela Gromes & Julian Riem “Fortissima“  Sendesaal Bremen, 15. März 2026

Foto: Raphaela Gromes (rechts im Bild) & Julian Riem (c) Petra Hennemann

Raphaela Gromes & Julian Riem: “Fortissima“

Programm:
Sonaten, Präludien, Nocturnes und weitere Werke der Komponistinnen Hildegard von Bingen, Lera Auerbach, Luise Adolpha Le Beau, Pauline Viardot Garcia, Henriette Hilda Bosmans, Maria Szymanowska, Lili und Nadia Boulanger

Raphaela Gromes  Violoncello
Julian Riem  Klavier

Sendesaal Bremen, 15. März 2026

von Dr. Gerd Klingeberg

Komponistinnen sind eine höchst seltene Spezies; denn Frauen können nun einmal nicht komponieren. Diese über Jahrhunderte geltende, von männlicher Arroganz und Voreingenommenheit geprägte Meinung macht wahrhaft fassungslos angesichts dessen, was allein schon an diesem Abend von Cellistin Raphaela Gromes und ihrem Klavierpartner Julian Riem präsentiert wird: Meisterhaftes von Komponistinnen, die man selbst in einschlägigen Konzertführern zumeist vergeblich sucht, deren Werke hingegen in der exzellenten Akustik des Bremer Sendesaals als phänomenale Höreindrücke imponieren.
Das Duo startet mit den entschleunigend mystischen Tonfolgen des Antiphons „O virtus sapientiae“, einer nahezu 1000 Jahre alten Tonsetzung der berühmten Kirchenlehrerin  Hildegard von Bingen.

Mit einem riesigen Schritt geht es danach unvermittelt in die Gegenwart, zu Lera Auerbach, deren facettenreiche Kompositionen zu den derzeit meistgespielten der Moderne zählen. Sechs Präludien (aus op.24) gibt das Duo zum Besten. Es sind Miniaturen, allesamt musikalische Kleinodien, von denen jedes seinen ureigenen Charakter aufweist. Darunter expressiv Nocturnales, aber auch ein energisch angegangenes, jazzig wildes Stück. Von Beginn an überzeugt das Duo mit rundum perfektem Zusammenspiel, packender Phrasierung und nuanciert differenzierter Dynamik. Spieltechnische Klippen? Nichts davon ist beim gleichermaßen lockeren wie souveränen Vortrag der beiden spürbar. Auch nicht bei den folgenden, größer dimensionierten Kompositionen.

Michaela Weber Photography

Beeindruckende Opera zweier Clara Schumann-Schülerinnen

Die Cello-Sonate D-Dur von Luise Adolpha Le Beau, einer Schülerin von Clara Schumann, startet kraftvoll und in straffem Metrum. Der in jeder Hinsicht anspruchsvolle Kopfsatz kommt derart mitreißend, dass prompt spontan applaudiert wird. Im Andante-Mittelsatz lässt Gromes ihr Instrument singen – mit berührend zartem Strich, aber dennoch nicht schmachtvoll romantisierend, sondern in feinstem Mattglanz, unterlegt von perlenden Läufen des Klaviers. Der mit Verve vorgetragene Schlusssatz erinnert in seiner melodiösen Lieblichkeit und seinem bis zum fetzigen Finale unentwegten Vorandrängen an einen munter plätschernden Bachlauf.

Von Pauline Viardot Garcia, einer weiteren, als überaus lebenslustig geschilderten Clara-Schumann-Schülerin, stellt das Duo drei saloneske Werke vor. „Bohemienne“ ist ein rhythmisch schwungvoller Csardas, die „Romance“ becirct mit gefühlvollen Harmonien, während die rasant intonierte „Tarantelle“ als ausgewiesen humoriger Rausschmeißer fungiert. Glücklicherweise nur für die anstehende Konzertpause.
Denn Gromes und Riem, die in ihrer launigen Moderation auch etliches an interessanten Hintergrundinformationen zu den einzelnen Programmpunkten liefern, haben noch weitere spannende Werke auf dem Programm.

Julian Riehm © Gregor Hohenberg

Chopin? Von wegen: Szymanowska!

Etwa die spätromantische Cello-Sonate a-Moll einer gewissen Henriette Hilda Bosmans. Das eingangs geradezu sinfonisch opulente Maestoso aus sattem Cello-Fortissimo und dröhnenden Glockenschlägen des Klaviers hätte man in früheren Zeiten anmaßend wohl als „typisch männlich“ bezeichnet. Etwas vorsichtiger wäre vermutlich die Beurteilung der Mittelsätze ausgefallen: dem dezent akzentuierten, angenehm klangvollen Allegretto wie auch dem noch deutlich mehr zurückgenommen dargebotenen, traumhaft schönen Adagio.

Aber die Komponistin hat es sich dennoch nicht nehmen lassen, im finalen „Allegro con fuoco“ mit seinen raffinierten Harmonien noch einmal den vollen Einsatz der Interpreten zu fordern. Was von Gromes und Riem auch mit reichlich Esprit und schier überbordender Vehemenz perfekt realisiert wird.

Für Momente scheint es, als hätten sich gar zwei Werke von Frédéric Chopin ins Programm gemogelt. Großer Irrtum: das melodiöse „Nocturne“ und die unterhaltsame, spieltechnisch indes diffizile „Etude“ (arr. Julian Riem) stammen aus dem Œuvre der gut 20 Jahre vor Chopin geborenen polnischen Klaviervirtuosin und Komponistin Maria Szymanowska, von der ihr berühmter Musikerkollege mutmaßlich einiges abgeguckt haben dürfte.

Anrührend sanfte Harmonien vermittelt auch die „Nocturne“ der anno 1918 im Alter von nur 24 Jahren verstorbenen Lili Boulanger. Aus den lange unveröffentlicht gebliebenen Werke ihrer älteren Schwester Nadia hat das Duo „Trois Pièces für Violoncello und Klavier“ ausgewählt. Das atmosphärisch dichte „Moderato“ ist die perfekte Fortsetzung des Nocturne, ebenso das aus einer eingängig simplen Melodie grandios  sich entwickelnde „Sans vitesse“. Schließlich, als idealer Schlusspunkt eines dramaturgisch außerordentlich gut zusammengestellten Programmablaufs, ein in berauschend forschen Rhythmen wild wirbelndes Finale, dargeboten in allerbester Umsetzung der Satzbezeichnung „Vite et nerveusement rhythmé“.

Julian Riehm Raphaela Gromes © Gregor Hohenberg

Für den lang anhaltenden Beifallsjubel des begeisterten Publikums bedanken sich die beiden sympathischen Instrumentalisten mit Clara Schumanns „Liebeszauber“ sowie – O-Ton Gromes – „noch einem Schmankerl“: den schmachtenden „Meditation“-Klängen der 1937 verstorbenen französischen Komponistin Mélanie Bonis.

Dr. Gerd Klingeberg, 16. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

LPO Edward Gardner, Dirigent, Raphaela Gromes Kölner Philharmonie, 5. Dezember 2025

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