Carmen 1875 – wie neu erstrahlt in Versailles

CD/Blu-ray Besprechung: Georges Bizet, Carmen, Audio- und DVD-Aufnahme  klassik-begeistert.de, 27. März 2026

CD/Blu-ray Besprechung:

Wer glaubt, über Bizets Carmen sei bereits alles gesagt, irrt gewaltig. Manchmal braucht es einen mutigen Schritt zurück, um einem Werk seine ursprüngliche Frische und Leuchtkraft zurückzugeben. Genau das ist in der Opéra Royal von Versailles gelungen – und zum Glück auf DVD und CD festgehalten.

Georges Bizet
Carmen

Choeur et Orchestre de l’Opéra Royal
Hervé Niquet, musikalische Leitung

Audio- und DVD-Aufnahme in einer Box
Chateau de Versailles, CVS165

von Dirk Schauß

Diese Produktion versetzt uns zurück ins Jahr 1875, zur Uraufführung in der Pariser Opéra comique. Hervé Niquet leitet das Orchestre de l’Opéra Royal auf historischen Instrumenten. Der Klang gewinnt an Transparenz und Detailreichtum: dunkle Cornets, eine zarte Harfe im Duett mit Micaëla oder scharfe Streicherakzente treten plötzlich klar hervor. Statt der üblichen schweren, rubato-beladenen Deutungen entsteht eine direkte, fast klassizistische Lesart, die der Partitur Luft lässt. Allerdings wirkt das Dirigat mitunter etwas straff und metronomisch, was an manchen Stellen die dramatische Plastizität etwas einschränkt. Dennoch bleibt diese Durchhörbarkeit eine echte Bereicherung.

Der eigentliche Coup der Produktion liegt in der visuellen und szenischen Rekonstruktion. Das Palazzetto Bru Zane hat mit großem Aufwand Bühnenbilder und Kostüme nach historischen Vorlagen (Lithografien, Skizzen und dem originalen Regiebuch) nachbauen lassen.

Christian Lacroix zeichnet für die Kostüme verantwortlich und verleiht ihnen eine brillante, leuchtende Frische – weit entfernt von verblassten Folklore-Klischees. Die Farben strahlen, die Schnitte sind elegant und lebendig. Romain Gilberts Inszenierung folgt minutiös den historischen Vorgaben, ohne steif oder museal zu wirken. Sie füllt die vorgegebenen Bewegungen und Positionen mit intelligenter Personenführung und feinen Details (Carmen streichelt eine Kameradin, Don José gipfelt im Finale in einem Suizid-Erpressungsversuch).

Das Ergebnis ist organisch, elektrisierend und voller „troupe“-Geist – inklusive des wiedergewonnenen komischen Tons der Oper, der in vielen modernen Deutungen verloren geht. Besonders wertvoll: die Rückkehr der oft gestrichenen Pantomime und des Moralès-Berichts im ersten Akt.

Adèle Charvet gestaltet die Titelrolle als junge, selbstbewusste Frau, deren Freiheitsdrang ebenso anziehend wie gefährlich wirkt. Ihr Mezzosopran besitzt eine sinnliche Wärme und natürliche Leichtigkeit, besonders in der Habanera. Sie muss keine überzeichnete Femme fatale sein – diese Carmen ist direkt, menschlich und berührend. Julien Behr als Don José ist ihr ebenbürtig: eine klare, höhensichere Stimme und ein nuanciertes Porträt vom pflichtbewussten Soldaten zum besessenen Mörder. Florie Valiquette verleiht der Micaëla unerwartete Courage und lyrische Strahlkraft, Alexandre Duhamel bringt als Escamillo genau die richtige virile Arroganz mit – schmissig, aber musikalisch kultiviert.

Das warme, eher kerzenlichtartige Lichtdesign taucht die Pracht der Dekorationen und Kostüme in ein poetisches 19.-Jahrhundert-Ambiente. Beim Schauen der DVD vergisst man schnell den Bildschirm und fühlt sich als privilegierter Gast im Spiegelsaal von Versailles.

Diese Produktion ist kein trockener Museumsnachbau, sondern eine lebendige Zeitreise. Sie zeigt eindrucksvoll, dass historische Treue und künstlerische Vitalität kein Widerspruch sein müssen. Durch die Rückbesinnung auf ursprüngliche Proportionen, Farben und Tempi gewinnt Bizets Meisterwerk eine Frische zurück, die in vielen modernen Inszenierungen schmerzlich fehlt. Ein Fest für Augen, Ohren und Herz – und ein seltener Glücksfall auf dem Tonträgermarkt.

Für Kenner eine wertvolle Ergänzung der Sammlung, für Neueinsteiger ein farbenprächtiger, zugänglicher Einstieg. Wer verstehen will, warum Carmen die Welt im Sturm erobert hat, findet hier die Antwort.

Dirk Schauß, 26. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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