Auf den Punkt 89: Rezensentenschelte oder Selbstreflexion?

Auf den Punkt 89: Rezensentenschelte oder Selbstreflexion?  Hamburgische Staatsoper, 25. April 2026

Yoel Gamzou © Karpati Zarewicz

Mit Maestro Yoel Gamzou am Künstlereingang

Im Vorfeld der Wiederaufnahme von Webers Freischütz hat mir Yoel Gamzou viel Zeit gewährt, bitte lesen Sie den großartigen Interview-Zweiteiler mit vielen spannenden Antworten hier bei klassik-begeistert.  Nach Interviews schreibe ich in der Regel nicht über künstlerische Leistungen meiner Gesprächspartner – das könnte schnell mal missverstanden werden, als anbiedernd oder unverschämt … Daher sagte der Maestro, als wir uns verabschiedet haben: Vielleicht rufen Sie mir nach der Vorstellung, am Künstlereingang, kurz zu, wie es Ihnen gefallen hat. Das wäre klasse. Ich habe das natürlich sofort zugesagt – doch dann kamen mir Zweifel, ob das so klug war …

Carl Maria von Weber   Der Freischütz

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Yoel Gamzou   Dirigent

Hamburgische Staatsoper, 23. April 2026

von Jörn Schmidt

… denn das Verhältnis zwischen Künstler und Kritiker ist nicht immer einfach. Woher kommt das? Nun, Kritiker denken, sie vermitteln zwischen Bühne und Publikum. Ordnen die Dinge ein usf. Mancher Künstler dagegen gewinnt bei der Lektüre unserer Texte offenbar den Eindruck, da sei ein verhinderter Künstler am Werk. Ein Minderbegabter sozusagen … Und da beide Berufsgruppen irgendwie voneinander abhängig sind, gibt das schnell mal eine toxische Mischung.

Der Choreograph Marco Goecke zum Beispiel, der hat Wiebke Hüster, Tanzkritikerin der FAZ, mit Hundedreck attackiert. Die Salzburger Festspiele sind eleganter unterwegs, die haben gegen den Kollegen Axel Brüggemann vor gar nicht langer Zeit mal eine äußerungsrechtliche Klage angestrengt.

Und dann war da auch noch die sogenannte Spiralblock-Affäre. Der Schauspieler Thomas Lawinky hat den Kritiker Gerhard Stadelmaier während einer Vorstellung mit einem Spiralblock attackiert. Stadelmaier schrieb seinerzeit wie Hüster für die FAZ, aber das ist wohl Zufall … Wenn ich das richtig verstanden habe, ordnete Esther Slevogt Lawinkys Aktion als „künstlerische Notwehr“ ein. Na ja, als Jurist würde ich sagen – so auf Worte zu reagieren, ob das wohl vor Gericht als Notwehr Bestand hätte?

Nun hat Yoel Gamzou soweit ich weiß weder einen Hund, noch führt er gefährliche Spiralblöcke mit sich. Im Gegenteil, er ist ein äußerst charmanter, geduldiger und spannender Gesprächspartner. Aber er liest vielleicht Johann Wolfgang von Goethe, kam mir plötzlich in den Sinn. Ich zitiere hier mal sein Gedicht „Rezensent“:

Da hatt ich einen Kerl zu Gast,
Er war mir eben nicht zur Last;
Ich hatt just mein gewöhnlich Essen,
Hat sich der Kerl pumpsatt gefressen,
Zum Nachtisch, was ich gespeichert hatt.
Und kaum ist mir der Kerl so satt,
Tut ihn der Teufel zum Nachbar führen,
Über mein Essen zu räsonieren:
’Die Supp hätt können gewürzter sein,
Der Braten brauner, firner der Wein.‘

Der Tausendsakerment!
Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.

Da fiel mir sofort ein, ich hatte zu Teil 1 des Interviews getitelt:

Maestro Yoel Gamzou kann nicht kochen

Klar, das war charmant gemeint. Der Mann soll ja nicht kochen, sondern dirigieren … Aber man weiß ja nie, wie sowas ankommt. Zudem geht der Maestro gerne ins Kino, dirigiert selber spannend wie Alfred Hitchkock. Vielleicht hat er auch mal den französischen Film „The Lookout – Tödlicher Hinterhalt“ aus dem Jahr 1969 gesehen?

Wie auch immer, ich habe mich nach einem grandios dirigierten Freischütz  todesmutig zum Künstlereingang der Hamburgischen Staatsoper begeben. Was ist passiert, was wurde gesprochen? Das kann ich nicht verraten, das verbietet die Diskretion –  What Happens Here, Stays Here … Nur so viel: Natürlich war’s friedlich – denn für Maestro Gamzou ist Kunstkritik ein Mittel der Selbstreflexion. Das wusste ich natürlich von Anfang an, denn im Interview hat Maestro Gamzou verraten:

Es ist ja absolut fein, seinen Verdruss über mein Dirigat zu Papier zu bringen. Diversität der Meinungen ist wichtig und es ist für mich spannender, mit Leuten zu sprechen, die mir nicht zustimmen …“

Warum dann dieser Text, reißerisch verpackt als Glosse? Weil ich mal ein Plädoyer für Selbstreflexion halten wollte. Die Welt wäre besser mit mehr davon …

Jörn Schmidt, 24. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Carl Maria von Weber, Der Freischütz Hamburgische Staatsoper, 23. April 2026

Interview: klassik-begeistert im Gespräch mit Yoel Gamzou, Dirigent, Teil I klassik-begeistert.de, 5. April 2026

Interview: klassik-begeistert im Gespräch mit Yoel Gamzou, Dirigent,Teil II Hamburgische Staatsoper, 6. April 2026

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