Andris Nelsons © Borggreve
Frühlingszeit ist Mahler-Zeit: Mit einer spektakulären Aufführung der Dritten ließen Andris Nelsons und die Wiener Philharmoniker ihren einzigartigen Mahler-Klang im Musikverein aufsteigen. Besonders der liebevoll und ganz ohne Handystörgeräusche verklingende Schlusssatz sorgte für Gänsehautstimmung. Auf diesen Nachmittag wäre auch Mahler stolz gewesen!
Gustav Mahler Symphonie Nr. 3 d-Moll
Wiener Philharmoniker
Damen des Singvereins der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Wiener Sängerknaben
Andris Nelsons, Dirigent
Wiebke Lehmkuhl, Alt
Musikverein Wien, Goldener Saal, 2. Mai 2026
von Johannes Karl Fischer
Zur Abwechslung führte der Weg zum Musikverein heute mal durch eine in Frühlingsstimmung strahlende Stadt, irgendwo zwischen Stadtpark und Belvedere genoss gefühlt halb Wien die warmen Mittagsstunden an der freien Luft. Siehe, es lacht die Sonne. Trotzdem passte in den seit Wochen restlos ausverkauftem Musikverein jenseits der üblichen, unvermeidbaren No-Shows kein Blatt Papier mehr zwischen die Stühle. Die Wiener lassen sich ihren Mahler eben nicht vom heute mal sehr gut gelaunten Wetterwotan nehmen …
Und das völlig zurecht. Gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern ließ Dirigent Andris Nelsons Mahlers spektakuläre Dritte in der prachtvollen Akustik des Goldenen Saals emporsteigen. Erst vor zwei Wochen hatten die Philharmoniker Mahlers Neunte mit Publikumsliebling Sir Simon Rattle aufgeführt, nun ja, die Applausstimmung war auf jeden Fall positiver als die Einschätzung des einen oder anderen Rezensenten.
Nelsons’ durchdachtes, fesselndes Dirigat zeigte seine Wirkung instantan: Während bei Rattle allein in den leisen Momenten des Schlussadagios gleich mehrere (!) Handy klingelten, verlief das heutige Konzert so frei von Störgeräuschen wie schon lange kein Musikvereinskonzert mehr. Nicht einmal beim Eintritt des Chors nach dem ersten Satz gab es Zwischenapplaus, zu magisch die Wirkung dieser Melodien. Einfach nur in die Musik eintauchen, in den siebten Himmel dieser Mahler-Sternstunde versinken. So wunderbar klang Mahler schon lange nicht mehr!
Die Philharmoniker hauten das Publikum schon mit den ersten kraftvollen Takten des Kopfsatzes regelrecht um. Stolz und entschieden schallten die Hornisten ihre Eröffnungsmelodie auf dem nahezu einzigartigen Instrumentarium dieses Orchesters in den Mainachmittag. Andris Nelsons verzauberte diesen über eine halbe Stunde dauernden, an sich einer Symphonie gleichenden Abschnitt mit differenzierten und facettenreichen Klängen. In großen Taktstockzügen setzte er jede Note präzise in den Saal und leitete die Musiker durch die monumentale Partitur.
Die Soli von Konzertmeister Volkhard Steude strahlten sauber und schwungvoll von den Saiten, und auch die weltbekannte Saalakustik konnte ihren Namen deutlich verteidigen: Quer durch alle Dynamiken und Klangfarben floss die Musik kunstvoll gemischt in die Ohren des Publikums. Die fast schon unhörbaren Trommelmärsche klangen genauso klar wie die mit musikalischer Liebe gefüllten, fast schon grenzenlos kraftvollen Orchestertutti. Sehr stimmungsvoll war auch die Posthornstelle im dritten Satz, ganz wie in einer Almstube strahlte der Klang dieses in der Klassik sehr selten gehörten Instruments durch den Saal. Als würde Mahler einen in seine kleinen Kompositionshütte versetzten und die Natur am abendlichen Attersee einsaugen lassen …
Der wohl atemberaubendste Moment des Nachmittags war der langsame letzte Satz. Nach über einer für Publikum und Orchester fast schon umhauenden Stunde Mahler-Musik ließen die Philharmoniker ihren satten Streicherklang ganz langsam und liebevoll durch die Takte schreiten, mühelos spürte man jeden Atemzug durch den Raum ziehen. Die vielen, leichten Spannungstöne dieses Satzes lösten sie alle fast schon unmerklich in Luft auf, das ganze Publikum versank völlig in den freudevollen Welten dieser Musik.
Wiebke Lehmkuhl, die Alt-Solistin des Nachmittags, meisterte ihre Partie mit Bravour. Sehr sauber und klangvoll sang sie ihre beiden Klagemonologe, die in der heutigen Welt wie Weisheiten wirkenden Worte „Oh Mensch! Gib Acht!“ setzte sie mit ihrem leidenschaftlichen Mezzo in den Saal. Auch der Damenchor des Singvereins und die Wiener Sängerknaben standen dem haushohen Niveau des Konzerts um nichts nach und ließen die himmlische Freude dieser Musik aus ihren Stimmen schwingen.
Kaum war der letzte Ton des Schlussadagios verklungen, da tönte auch schon der erste Bravo-Ruf quer durch den Saal. Diesmal waren die stehenden Ovationen mehr als verdient. Auf diesen Nachmittag wäre wohl auch Mahler stolz gewesen.
Johannes Karl Fischer, 3. Mai 2026 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Wiener Philharmoniker, Andris Nelsons, Strauss und Sibelius Alte Oper Frankfurt, 24. Februar 2026
Wiener Philharmoniker, Dirigent Andris Nelsons Wiener Konzerthaus, 19. Februar 2026