Dracula © Nico Moser
Ein kleines Berliner Musical-Theater lockt in diesen Tagen mit dem Bekanntesten aller Vampire, dem Grafen Dracula. Sein Schöpfer, der irische Schriftsteller Bram Stoker, verortete ihn in der rauen Bergwelt der Karpaten. Er ließ ihn tagsüber in den unterirdischen Gewölben seiner alten Schloss-Kapelle ruhen und gab ihm drei untote Frauen und ein Rudel Wölfe als Gesellschaft.
Als dann ein junger Londoner Rechtsanwalt die Szenerie betritt, beginnt eine unheilvolle Geschichte. Und genau die kann man jetzt in einer schaurig-schönen „Grusical“-Inszenierung miterleben.
Dracula – Das Musical
Musik von Frank Wildhorn
Buch und Gesangstexte von Don Black und Christopher Hampton
Deutsche Fassung von Herwig Thelen
Broadway-Premiere am 19. August 2004 am Belasco Theatre
Europäische Premiere am 23. April 2005 am Theater St.Gallen
Tournee 2026:
Regie: Alex Balga
Choreographie & Co-Regie: Natalie Holtom
Musikalische Leitung: Simon Münzmay
BlueMax Theater Berlin, 3. Mai 2026
von Ralf Krüger
Zwei aufwärts führende Treppen, die oben über eine Galerie miteinander verbunden sind, deuten das Innere des Schlosses an. Die Stimmung ist eher düster, jedoch wird der Gast vom Hausherrn mit größter Freundlichkeit begrüßt. Jonathan Harker ist im Auftrag seiner Kanzlei nach Transsilvanien gereist, um Dracula eine Londoner Immobilie zu übertragen. Schon bald bemerkt der junge Mann, dass hier vieles nicht mit rechten Dingen zugeht.
Im Schloss findet sich nirgends ein Spiegel, das Tragen von Kruzifixen ist untersagt und der Graf interessiert sich mehr und mehr für das Foto von Harkers Verlobten Mina. Als die Handlung dann nach England schwenkt, ist bald das erste Opfer von Draculas unstillbarer Gier nach Blut zu beklagen. Minas beste Freundin Lucy geistert fortan als Untote durch die Straßen Londons, bis ein Arzt und Wissenschaftler dem Treiben recht rabiat ein Ende setzt.

Damit betritt Professor Abraham Van Helsing den literarischen Kosmos. Die in einigen Verfilmungen als „Vampirjäger“ auftretende Romanfigur wurde von Bram Stoker als ein älterer, umsichtig planender, aber auch sensibler Wissenschaftler gezeichnet. Im Musical ist er der „Indiana Jones“ im Kampf gegen Dracula.
„Dracula – Das Musical“ hält sich überraschend dicht an die Romanvorlage. Überraschend für mich deshalb, weil in der aktuellen Buchausgabe vom Leser 540 Seiten zu absolvieren sind. Diese lesen sich mitunter etwas zäh, weil das Werk gänzlich aus Tagebucheinträgen und postalischem Schriftwechsel aller Beteiligten besteht. Den Autoren des Musicals kann man nur danken, dass sie die wichtigsten und prägnantesten Handlungsstränge des Originals herausgefiltert und in das zweieinhalbstündige Stück (mit Pause) logisch – und ohne es zu überladen – eingefügt haben.

Im Buch findet das Finale in der Natur, unmittelbar vor den Mauern des Vampirschlosses statt. Die Spannungsmomente, die Bram Stoker dafür entwickelte, kann vielleicht eine gute Verfilmung im Ungefähren wiedergeben, ein Musical schafft es nicht. Der mit Liebesgeplänkel zwischen Dracula und Mina vorbereitete Schluss auf der Bühne kann mich nicht begeistern…
Aber was soll man machen? Musiktheater lebt auch immer von einer guten Love-Story und hätte ich das Buch nicht gelesen, wäre mein Urteil sicherlich anders ausgefallen.
Keyboard, Geige, Cello, Reed, Gitarre, Bass und Schlagzeug sorgen für einen rockigen und alten Gruseleffekten entliehenen Sound. Die Musiker sind für die Zuschauer nicht sichtbar, nur Simon Münzmay, der musikalische Leiter, ist auf zwei Bildschirmen am Bühnenrand erkennbar. Die Musik und der Gesang sind tontechnisch exzellent ausgesteuert und ergeben einen wohltuenden Klang im Saal.

Felix Heller als Dracula fehlt der böse Blick und die Verruchtheit des literarischen Originals. Als stimmgewaltiger, vom Schicksal gebeutelter und am Ende verliebter Vampir ist er jedoch die Idealbesetzung!!! Navina Heyne als Mina ist für mich die eigentliche Hauptfigur in diesem Stück. Sie glänzt als Power-Frau gesanglich, wie auch in ihrer Zerrissenheit zwischen der Liebe zu Jonathan und dem stetigen Werben des Vampirs. Philipp Dietrich als Jonathan Harker bietet sportlich-akrobatische Höchstleistungen, als er sich gegen drei untote Vampirbräute zur Wehr setzen muss – und gleichzeitig singt.

Das gesamte Ensemble spielt für die rund 600 Zuschauer im Saal gutes und ehrliches Theater. Großartig fand ich die Engel der Nacht, die durch den Raum schweben, Kulissen verschieben und gleichzeitig eine riesige Decke ausrollen, die als wogende Welle den Augenblick verzaubert. Da schaut man gerne zu, lässt sich fallen und geht beseelt und theaterbegeistert nach Hause.
Ralf Krüger, 5. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
„Dracula – Das Musical“ läuft noch bis zum 7. Juni 2026 im BlueMax Theater in Berlin am Potsdamer Platz. Die Tournee wird im nächsten Jahr fortgesetzt. Nähere Infos findet man auf der Website www.draculamusical.de
Das Original, Bram Stokers Roman „Dracula“, ist in einem wunderschönen Einband mit rotem Farbschnitt im Herbst 2025 neu im Insel-Verlag erschienen.
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