CD/Blu-ray Besprechung:
Günther Groissböck ist ein großartiger Opernsänger, auch als Interpret von Kunstliedern hat er sich bereits profiliert. Von Wienerliedern sollte er sich aber vielleicht besser fernhalten.
Annageln kannst es net, die Zeit
Günther Groissböck
Neue Wiener Concert Schrammeln
Gramola 99329
von Peter Sommeregger
Es ist bereits die zweite Produktion dieser Art, die der Bass Günther Groissböck alten und neuen Wiener Liedern widmet. Der Sänger interpretiert nur zwei Drittel der zwölf enthaltenen Lieder, den Rest bestreitet das Ensemble Neue Wiener Concert Schrammeln ohne den Solisten.
Ein Problem dieser Produktion wird schon im ersten, mit einem Text des Tausendsassas Andre Heller, offenkundig: Groissböck fremdelt mit dem speziellen Wiener Idiom- kein Wunder, er ist ja Oberösterreicher. Der boshafte Wiener nennt diese Mostschädel. Zwischen dort und Wien liegen zumindest (umgangs)sprachliche Welten.
Das ist für eine Wienerlieder-CD schon eine schwere Hypothek, aber damit nicht genug: Groissböck singt absolut nicht textdeutlich, was den Hörgenuss noch weiter einschränkt. Das junge Wiener Ensemble Neue Wiener Concert Schrammeln geht mit stimmigen Arrangements und dem richtigen Ton deutlich in Vorleistung, der Sänger kann aber den vorgegebenen Standard nicht erreichen.
Besonders problematisch fallen die Interpretationen traditioneller und historischer Lieder aus. „In einem kleinen Café in Hernals“, das Lied mit dem der unvergessene Hermann Leopoldi einst berühmt wurde, erklingt hier auf gänzlich uncharmante Art. Ein Klassiker der Biedermeierzeit ist das „Hobellied“, „Wann i amal stirb“, geht auf ein Volkslied zurück, aber auch hier gelingt es Groissböck nicht, den richtigen Wienerischen Volkston zu treffen. Die vier rein instrumentalen Nummern zeigen das Ensemble in Höchstform und machen insgesamt mehr Freude als die Gesangsnummern.
Günther Groissböck ist ein großartiger Opernsänger, auch als Interpret von Kunstliedern hat er sich bereits profiliert. Von Wienerliedern sollte er sich aber vielleicht besser fernhalten.
Peter Sommeregger, 6. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Igor Levit, Klavier, Günther Groissböck, Bass Musikverein Wien, Brahms-Saal, 19. Oktober 2025
Liederabend Günther Groissböck am 8. Juni 2020, Wiener Staatsoper