„Ich habe von Anfang an diese Frau/Mann-Diskussion abgelehnt“, Teil I

Interview: kb im Gespräch mit Romely Pfund, Dirigentin, Teil I  klassik-begeistert.de, 6. Mai 2026

Romely Pfund © Bernd Lasdin

Als eine der ersten Frauen in Deutschland erhielt die gebürtige Dresdnerin 1976 einen Vertrag als Dirigentin. Später wurde sie GMD an verschiedenen Orchestern des Landes. Romely Pfund erhielt im Laufe ihrer Karriere mehrere Auszeichnungen, darunter den Kulturpreis des Landes Mecklenburg-Vorpomnern. Bei etlichen Gastspielen arbeitete sie mit zahlreichen renommierten Orchestern und Solisten zusammen. Ihre letzte Wirkungsstätte war das Theater Lübeck. Kurz vor dem Festkonzert zu ihrem 50-jährigen Bühnenjubiläum am 9. Mai im dortigen Großen Haus gab die sympathische Künstlerin „Klassik begeistert“ ein Interview.


Dr. Regina Ströbl im Gespräch mit der Dirigentin Romely Pfund

klassik-begeistert: Liebe Frau Pfund, am 9. Mai 2026 feiern Sie mit einem großen Festkonzert Ihr 50. Bühnenjubiläum als Dirigentin. Das ist ein wunderbarer Anlass, Ihre spannende Karriere Revue passieren zu lassen. Sie sind gebürtige Dresdnerin und stammen aus einer Musikerfamilie. War da die entsprechende Karriere schon vorgeplant oder haben Sie daran gedacht, etwas ganz anderes zu machen?

Romely Pfund: Nicht nur die musikalische Karriere stand als Möglichkeit im Raum, sondern auch die als selbstbestimmte Frau. Meine Großmutter mütterlicherseits war eine Autodidaktin auf dem Klavier, das bei ihren Pflegeeltern in der verschlossenen guten Stube stand. Sie hat aber erreicht, dass sie da immer mal hineinkonnte. Später hat sie ihren Abschluss am Dresdner Konservatorium gemacht. Mit ihrem Mann, der ein sehr guter Geiger war, hat sie in Cafés gespielt und später, als es ihm schlechter ging, hat sie sich quasi als Alleinunterhalterin und auch als Ballettrepetitorin verdingt.

Meine Mutter hat schon mit vier Jahren mit Ballett angefangen, war 1954 Solotänzerin am Theater Cottbus, später an der Staatsoperette Dresden, wo sie schließlich Ballettmeisterin wurde. Mein Vater war Zweiter Geiger im Kulturorchester Pirna, und in dieser künstlerisch geprägten Atmosphäre zeigten sich meine Eltern total offen für meine Berufswahl. Gelernt habe ich von ihnen Disziplin, Zuverlässigkeit, Fleiß und dass man sich für seinen Ruf einsetzt. Ich war auf einer Spezialschule für Sprachen, besser wäre natürlich die Musikspezialschule gewesen, das war ja eine der Spezialitäten der DDR.

In der 11. Klasse habe ich überlegt, was ich denn beruflich machen möchte. Ich war durchaus gut in Mathe, in Physik und Biologie. Damit habe ich auch so ein bisschen geliebäugelt. Mein Vater sagte: „Musiker ist ein schöner, aber nicht unproblematischer Beruf. Man sitzt da, muss ausführen, was gesagt wird und du musst immer nach oben gucken, nicht nach unten. Warum willst du nicht Dirigentin werden, dann fängst Du oben an und kannst Deine Ideen verwirklichen?“ Ich habe mich damit dann ziemlich schnell angefreundet. Und so ist das gekommen.

„Arbeitende Frauen waren generell ein unkompliziertes Thema in der DDR“

klassik-begeistert: Sie haben dann in Dresden bei Rudolf Neuhaus studiert. Waren Sie da die einzige Frau?

Romely Pfund: Es gab noch eine andere Frau, eine ausgezeichnete Repetitorin, die damals im Nebenfach Dirigieren studierte. Und ja, es war eine schöne Zeit. Neuhaus war ja ein ganz großer Praktiker. Rein theoretisch haben wir uns nicht so wahnsinnig viel auseinandergesetzt, sondern Praxis gemacht. Er hat an der Semperoper viele Vorstellungen dirigiert, besonders nahe lagen ihm Opern von Strauss und Wagner. Aber er machte alles, weil die Chefs, wie es so üblich ist, oft in der Weltgeschichte ’rumfuhren. Und dann musste einer da sein und den Dienst machen. Und wir, seine Studenten, haben diese Opern nicht nur mit zwei Klavieren ausprobiert. Wir sind auch abends in seine Vorstellung gekommen und haben hinter der Bühne entweder geguckt, was er da macht oder zum Beispiel die Röhrenglocken für die berühmten Glocken von Rom in „Tosca“ bedient.

Ich war auch zwei Jahre als Assistentin für den Philharmonischen Chor tätig. Im vierten Studienjahr arbeitete ich an den Landesbühnen Sachsen und im letzten Jahr war ich dann schon Chordirektorin am Theater in der Altmark.

klassik-begeistert: Ein umfangreiches, praxisnahes Studium! Wie ging es mit den männlichen Kommilitonen? Wurden Sie besonders behandelt bzw. beäugt oder war das völlig normal?

Romely Pfund: Normal. Arbeitende Frauen waren generell ein unkompliziertes Thema in der DDR.

klassik-begeistert: Sie sprachen eben schon von Ihrem ersten Engagement am Theater in der Altmark. Sie waren da aber dann auch ab 1979 Kapellmeisterin. Wie kamen Sie als Dirigentin beim Orchester und Publikum an? Gab es diesbezüglich Reaktionen oder war auch das, wie Sie eben schon sagten, völlig normal? Waren Sie überhaupt zu DDR-Zeiten die einzige Frau am Dirigentenpult oder gab es mehr?

Romely Pfund: Nein, wir waren vier Kolleginnen. Ich war allerdings die einzige, die ein Orchester leitete. Ich muss dazu sagen, ich habe von Anfang an diese Frau/Mann-Diskussion abgelehnt, weil ich finde, das lenkt von dem Berufsethos ab. Das ist doch meine Aufgabe, für die Stücke zu kämpfen.

Jeder Beruf hat seine Schwierigkeiten und da muss man immer am Punkt sein und arbeiten. Ich bin immer freundlich empfangen worden. Eine kleine Schwierigkeit meines Berufes ist: Wenn Sie als Gast irgendwo auf das Pult treten, müssen Sie in Sekundenschnelle analysieren, wo sind die Fehler, was läuft wunderbar, an welchen Sachen müssen wir noch arbeiten? Da haben Sie kaum Zeit, das ist nicht ganz einfach und da brauchen Sie natürlich Erfahrungen. Die konnte ich nun mittlerweile sammeln, aber dann will man möglicherweise keine alte Frau mehr haben.

klassik-begeistert: Ich finde das wunderbar, dass es so eine Normalität gegeben hat, denn als Simone Young 2005 in Hamburg Intendantin wurde – sie hatte bereits weltweit mit berühmten Orchestern an großen Häusern gearbeitet – gab es nicht nur Befürworter. Mittlerweile hat sich diese unglaublich leidige Diskussion ja glücklicherweise im Großen und Ganzen gelegt, es gibt erfreulicherweise immer mehr Dirigentinnen, darauf kommen wir noch zurück. Sprechen wir über die Meisterkurse, an denen Sie teilgenommen haben. Zunächst waren Sie bei Kurt Masur, Igor Markevitch und Péter Eötvös, große Namen!

Romely Pfund: Es gab in der DDR das Dirigentenforum mit einer ständigen Jury unter dem Vorsitz von Kurt Masur und anderen Dirigenten als Gäste. Bei Markevitch – ich war 20 oder 21 – habe ich vor allem intensiv zugehört, wie er die Musik einteilte, ein großer Meister. Eötvös war ein herrlicher Typ, und man ist in diese Art von Musik eingedrungen, wir durften das Orchester auch dirigieren. Ja, und dann Masur, der war wie eine Vaterfigur. Ich habe sehr viel gelernt und am Ende gab es noch ein Abschlusskonzert. Das alles habe ich immer sehr genossen, diese Kurse, auch die Wettbewerbe, da war ich immer Gott sei Dank total locker, weil ich es damals rein musikalisch nicht so ernstgenommen habe. Das habe ich zu der Zeit natürlich nicht gedacht, aber heute meine ich, das war für mich wie Sport.

„Und dann kam Bernstein“

klassik-begeistert: Und dann Tanglewood, wie kam es dazu? War das noch zu DDR-Zeiten?

Romely Pfund: Zu der Zeit war ich in Dessau engagiert, 1983-1987. Beim Dirigierwettbewerb „Vaclav Talich“ 1985 in Prag sprach mich ein japanischer Impresario an: „Wollen Sie nicht mal nach Tanglewood?“ Ich hatte noch nie etwas von Tanglewood gehört. Na, da kommst du ja nie hin, dachte ich. Und dann schrieb der mir aber, ob ich mich nicht an Kurt Masur wenden könnte und das habe ich schließlich gemacht, nicht wissend, dass er in dem Jahr als Gastprofessor in Tanglewood sein würde. Er schrieb begeistert zurück, aber da waren natürlich ganz viele Sachen zu klären.

Schließlich bekam ich die Nachricht, dass ich im Sommer hindurfte. Und es war eine herrliche Zeit, eine blühende Landschaft, wo natürlich viele wohlhabende amerikanische Rentner ihr Domizil gefunden hatten. Die haben auch ordentlich gespendet. Das Gelände ist riesig und der sehr praktische und schöne Konzertsaal eine hinten offene Scheune. Auf der sich anschließenden riesigen Wiese lagerten immer die Leute – ein bisschen wie in Glyndebourne. Seiji Ozawa war in dem Jahr dort, ich habe ihn sehr geschätzt, weil er nicht nur ein toller Dirigent, sondern auch ein toller Lehrer war.

Da hätte ich mir gewünscht, dass ich weiter hingehen und lernen könnte. Aber damals war das gar nicht möglich, ich musste ja wieder zurück. Auch Gennadi Roschdestwenski war dort, reiste allerdings erst viel zu spät an, so dass wir eigentlich nur erlebt haben, was Ausstrahlung bedeutet. Er hat die 7. Symphonie von Schostakowitsch, die Leningrader, dirigiert. Während der ersten Probe hat er nichts gesagt, nur einmal durchspielen lassen. Wir waren alle völlig beeindruckt. Dann noch Hauptprobe und Generalprobe, jedes Mal nur durchgespielt, aber was für eine große Ausstrahlung!

Romely Pfund © Walter Scott

Und dann kam Bernstein. Zunächst dirigierte er Tschaikowskys
6. Symphonie in einem Konzert. Mir liefen die Tränen nur so runter, so sehr hat mich das mitgenommen. Er verausgabte sich voll und erreichte die Menschen wirklich tief – ja, das war sehr beeindruckend. Aber das betraf auch die Orchesterproben. Er war ein fordernder, aber auch ein unglaublich liebenswerter Mensch. Er umarmte immer alle und man hatte auch das Gefühl, das kam von innen heraus. Ich war eines Tages schon so ein bisschen am Probieren, da kam er herein und sagte: „Romely no!“; ich machte etwas völlig falsch, „Guck mal hier, Menuetta, da musst Du ‚Bambadam‘ machen“. Und er hat es vorgemacht, alle waren natürlich sofort in Wahnsinnsstimmung. Dieses Orchester war herrlich. Junge Leute, die da lernten, den ganzen Tag übten, auch zwischen Büschen, eine Stimmung ähnlich wie beim Schleswig-Holstein Musikfestival.

Das Abschlusskonzert wird mir ewig in Erinnerung bleiben, diese riesige Kulisse aus mindestens 6.000 Menschen. Ich habe eine Haydn-Symphonie dirigiert, ein anderer Fellow ein weiteres Stück und Bernstein eine Symphonie von Sibelius. Und dann hinterher, ach Gott, es war einfach wunderbar. Ein großes Erlebnis, was mich wahnsinnig locker gemacht hat. Man sieht, glaube ich, auf dem Photo, dass ich am Anfang manchmal so ein bisschen verklemmt oder irgendwie verkrampft war. Und dann plötzlich merkte ich, worum es ging, ein großes Erlebnis, was mich wahnsinnig locker gemacht hat.

klassik-begeistert: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Dr. Regina Ströbl, 6. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Den zweiten Teil unseres Interviews mit Romely Pfund lesen Sie Donnerstag, 7. Mai 2026, hier auf klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at.

Interview: kb im Gespräch mit Laurence Equilbey, Dirigentin klassik-begeistert.de, 11. April 2026

h-Moll Messe, J.S. Bach, Laurence Equilbey, Dirigentin La Seine Musicale, Paris, 26. März 2026

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