Romely Pfund: “Das Publikum hat mich immer offen aufgenommen”, Teil II

Interview: kb im Gespräch Romely Pfund, Dirigentin, Teil II  klassik-begeistert.de, 7. Mai 2026

Romely Pfund © Bernd Lasdin

Als eine der ersten Frauen in Deutschland erhielt die gebürtige Dresdnerin 1976 einen Vertrag als Dirigentin. Später wurde sie GMD an verschiedenen Orchestern des Landes. Romely Pfund erhielt im Laufe ihrer Karriere mehrere Auszeichnungen, darunter den Kulturpreis des Landes Mecklenburg-Vorpomnern. Bei etlichen Gastspielen arbeitete sie mit zahlreichen renommierten Orchestern und Solisten zusammen. Ihre letzte Wirkungsstätte war das Theater Lübeck. Kurz vor dem Festkonzert zu ihrem 50-jährigen Bühnenjubiläum am 9. Mai im dortigen Großen Haus gab die sympathische Künstlerin „Klassik begeistert“ ein Interview.

Dr. Regina Ströbl im Gespräch mit der Dirigentin Romely Pfund

klassik-begeistert: Sehen Sie Unterschiede in der Art der Meisterkurse im Osten und Westen?

Romely Pfund: Da würde ich sagen, jeder hat eine andere Stimme. Das hängt nicht vom System ab, nein, man sucht sich ja als Person die Dinge heraus, die man lernen will und nimmt das auf. In Amerika war das eben wahnsinnig offen und die Leute sehr interessiert. „You are the young lady from East Germany!“ Das ist natürlich typisch amerikanisch, auch vom Publikum her, aber nicht einmal das würde ich sagen. Das Publikum hat mich immer offen aufgenommen.

klassik-begeistert: Kommen wir auf Ihren weiteren Werdegang zurück. Von Dessau gingen Sie als erste GMD zur Philharmonie in Neubrandenburg, dann zu den Bergischen Symphonikern Remscheid und schließlich ans Landestheater in Neustrelitz. Aber Sie sind auch Mentorin des Dirigentinnen-Förderprojektes des Landes NRW. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Romely Pfund: Ich staune, dass es keine Nachahmung von diesem Dirigentenprojekt gibt. Der Vorteil dieser Akademie ist, dass man eben über einen längeren Zeitraum mit dem gleichen Orchester arbeitet. Nach dem Studium muss man ja erstmal mindestens 10 Jahre mit Orchestern arbeiten, um ein Repertoire aufzubauen und Erfahrungen zu sammeln. Wenn man dann schon ein Jahr Akademiebesuch mit den Bergischen Symphonikern hat, dann ist es kein Wahnsinnsding, aber es steht da im Lebenslauf. Und dann weiß jeder, aha, die hat schon mal Erfahrungen gesammelt.

klassik-begeistert: In Neubrandenburg erlebten Sie als GMD auch die Wende.

Romely Pfund: Ja. Da war ich nun Chefin, und diese Verantwortung habe ich als sehr herausfordernd empfunden. Man ist ja letztlich für jeden Musiker verantwortlich, denn es geht auch um deren Zukunft; manche wollen sich vielleicht langfristig einrichten, manche wollen den nächsten Sprung machen. Da muss man schon sich Gedanken machen, wie man ein stabiles Verhältnis aufbaut, wie man eine gute Stimmung erhält; das geht weit über das Dirigieren hinaus. In Neubrandenburg passierten viele unglaublich spannende Sachen. Also diese Wendezeit, die hatte es schon in sich. Das Orchester war wie elektrisiert.

Die Neubrandenburger Philharmonie war ja immer ein richtiges Reiseorchester und die Neustrelitzer ein echtes Opernorchester. Da kam es dann zum Streit mit vielen gegenseitigen Vorwürfen. Es hieß, die Neubrandenburger seien ein SED-Orchester und dazu noch schlecht. Da gab es viele Auseinandersetzungen, zumal die damalige Kultusministerin Schnorr eine Fusion beider Ensembles vorschlug. Das war ja nicht falsch, aber wir haben gesagt, das möchten wir schon gemeinsam bestimmen. Auch hier hat es viele heftige Auseinandersetzungen gegeben, aber jetzt läuft es wunderbar.

„Eine Dirigentin erregt doch Aufmerksamkeit, das ist ja kein Nachteil“

klassik-begeistert: Mit der Konzertkirche in Neubrandenburg gibt es ja auch einen tollen Aufführungsort.

Romely Pfund: Ja, wir haben dort die schöne Marienkirche. Durch Umbauten war sie völlig verunstaltet, Bausünden des Sozialismus. Dann haben die Musiker Plakate geklebt und wir haben das erste Konzert dort gespielt, mit Ulf Hoelscher als Gast. Im dritten Konzert kam Justus Franz, der am Ende sagte, „Leute, warum lasst ihr das nicht alles so, wie es ist?“ Dieses Haus war ja leer; wir waren so daran gewöhnt, dass es einfach hässlich war und dass es keine Aussicht auf Veränderung gab. Aber das hat sich dann wie ein gordischer Knoten gelöst, in der Zeit war ich allerdings nicht mehr dort im Dienst. Die Stadt hat das nochmal ausgeschrieben und der finnische Architekt Pekka Salminen hat das wunderschön gemacht.

Für mich ging es ja 1998 weiter zu den Bergischen Symphonikern, noch mal wieder ein Aufbruch. Ein tolles Gefühl, ein neues Orchester, mit dem ich wahnsinnig viel gearbeitet habe. Und dann wurde ich 2009 nach Neustrelitz gerufen. Und das war auch sehr schön. Wir haben da wunderbare Aufführungen gemacht, z.B. „Der Konsul“ von Menotti. Natürlich spielten wir auch populäre Werke, aber eben auch viele, die man nicht häufig hört. Ich finde, das ist bis heute eine gute Programmauswahl, und die Leute stehen hinter diesem Konstrukt.

klassik-begeistert: Vor vielen Jahren hörte ich mehrfach Aufnahmen mit der Neubrandenburger Philharmonie unter Ihrer Leitung im Radio. Da habe ich gedacht, „Guck mal, eine Frau als Dirigentin“, das war so besonders, dass es sowas gibt. Heute ist das deutlich normaler; Namen wie Joana Mallwitz, Simone Young, Oksana Lyniv, Nathalie Stutzmann und Karina Canellakis, um nur einige wenige zu nennen, hört man glücklicherweise sehr häufig. Aber wie ist die Akzeptanz von dirigierenden Frauen an Bühnen in mittleren und kleineren Häusern? Haben Frauen es da heute immer noch schwerer als Männer?

Romely Pfund: Also, ich kann da immer nur „Nein“ sagen. Es gibt eine Riesenauswahl an Männern und eine relativ kleine Auswahl an Frauen. Die Hochschulen sind voll mit Frauen. Der weitere Karriereverlauf hängt aber auch von deren individueller Lebensplanung ab. Bei Schwangerschaften muss man eine Zeit aussetzen und dann wieder ’reinzukommen ist schwer. Aber ich würde sogar sagen, dass man derzeit und auch damals als Frau einen Bonus hatte. Eine Dirigentin erregt doch Aufmerksamkeit, das ist ja kein Nachteil. Wenn man dann natürlich enttäuscht, merken das die Leute auch gleich und das Orchester natürlich viel eher. Aber wenn sie überzeugen können, dann kann ich keinen Unterschied erkennen.

Sicherlich gibt es immer noch Vorurteile, aber eher gesellschaftlich; die Orchester sind nicht so altmodisch oder ungerecht. Es ist natürlich ein hartes Geschäft. Musiker möchten, dass das nächste Konzert gut vorbereitet wird. Und wenn sie dann merken, dass zu lang geredet wird oder durch falsche Wörter alles auf das verkehrte Gleis kommt und somit schiefläuft, dann beschweren die sich auch. Aber sicher nicht nur bei Frauen, genauso bei Männern am Pult. Das hat dann mehr mit mangelnder Erfahrung zu tun, als mit dem Geschlecht. Musiker sind alle sehr sensibel und man muss irgendwie eine Verbindung zu ihnen finden. Je einfacher, desto besser.

klassik-begeistert: Sie haben etliche Orchester dirigiert, z.B. das Boston Symphony Orchestra, das Gewandhausorchester, das Orchester der Komischen Oper Berlin und und und… Wie ist es da gewesen? Haben Sie, Stichwort „MeToo“, irgendwas in der Richtung erlebt?

Romely Pfund: Das ist ja bei Gastspielen immer eine verhältnismäßig kurze Begegnung. Das Prager Rundfunkorchester, 1985 beim Wettbewerb, war zurückhaltend. Da merkte ich schon so ein bisschen, es dachten einige, „was will denn die jetzt hier?“ Aber prinzipiell muss ich dazu sagen, dass ich mich dafür überhaupt nicht interessiere. Ich kann mich doch nicht lange damit beschäftigen, wenn da einer böse guckt, was er denkt und ob er vielleicht gegen mich ist. Ausgerechnet solche Leute kommen dann manchmal zu mir und sagen, „Oh, das machen Sie schön!“ Sie können ja nicht aus dem Blick schließen, was los ist. Die Musiker haben zu Hause vielleicht eine kranke Frau oder mit der Versicherung furchtbaren Ärger. Die sind manchmal auch ein bisschen angegangen, sitzen in der Probe oder sind auch konzentriert. Da gibt es sehr viele ernste Gesichter. Und ich habe mir abgewöhnt, darauf großartig zu achten. Das bringt gar nichts. Ich muss meinen Job machen. Diskriminierungen oder frauenfeindliche Äußerungen habe ich nicht erlebt, glücklicherweise.

klassik-begeistert: Sie haben außerhalb der Klassik auch eine Vorliebe für Jazz. So arbeiteten Sie u.a. mit Peter Herbolzheimer, Albert Mangelsdorff und Rolf Kühn zusammen. Wie kam das?

Romely Pfund: Eigentlich geht es darum, nicht nur ein spezielles Publikum, beispielsweise Klassikliebhaber oder Kinder ins Theater oder ins Konzert zu holen. Es kann ja nur positiv sein, wenn man sich Künstler sucht, die ein Publikum ansprechen, das normalerweise nicht kommen würde. Außerdem liebe ich Jazz, er ist ja so vielfältig. Wir haben viel gemacht, z.B. mit Juan José Mossalini, dem Bandoneon-Spieler, oder mit Markus Stockhausen, mit einem kleinen Ensemble mit Schlagzeug. Es ist auch immer die Frage, ist die Musik für unser Orchester interessant oder sind da nur ein paar dürre Noten dazugekommen? Da hat Rolf Kühn für uns wunderbare Sachen geschrieben. Wir haben auch in der Bushalle in Remscheid gespielt; da standen die Leute vor den Türen und sind reingerannt, als sie aufgingen. Zu diesen Konzerten kamen ganz andere Menschen und freuten sich über diese Musik. Das ist doch auch unsere Aufgabe, nicht nur diese speziellen Programme zu machen.

„… ich liebe die klassische Moderne“

klassik-begeistert: Welche klassischen musikalischen Vorlieben haben Sie? Natürlich sind Sie breit aufgestellt, aber was ist für Sie persönlich so Ihr Kernrepertoire, was haben Sie am liebsten?

Romely Pfund: Bei einem Konzert mache ich, was auf dem Programm steht, und das mache ich gern. Aber ich liebe die klassische Moderne, Schostakowitsch ist einfach wunderbar. Schnittke ist sehr schön, und ich habe auch relativ viele Uraufführungen geleitet, die mir oft großen Spaß machten. Für mich ist bei zeitgenössischer Musik immer wichtig, eine Vorstellung zu haben. Entweder die Dramaturgie führt mich irgendwohin oder die Mittel sind total interessant. Nur wenn ich keinen Sinn erkenne – was soll dann ich damit? Das ganze klassische Erbe habe ich auch ’rauf und ’runter dirigiert, das ist schon grandios. Mittelalterliche Musik, Renaissance und Barock eher nicht, da kenne ich mich zu wenig aus. Aber auch Mozart, Haydn, wunderbar, das mache ich sehr gerne.

Romely Pfund – Foto: Andreas Ströbl

klassik-begeistert: Zuletzt waren Sie einige Jahre Studienleiterin, Kapellmeisterin und Leiterin des Opernstudios am Theater Lübeck, und hier gibt es nun am 9. Mai im Großen Haus das Festkonzert zu Ihrem 50-jährigen Bühnenjubiläum. Welche Stücke haben Sie ausgesucht und warum?

Romely Pfund: Das erste Stück ist die Haydn-Symphonie 102 B-Dur; das ist die Symphonie, die ich damals in Tanglewood dirigiert habe. In meinem Leben habe ich schon fast alles von Bernstein gespielt, weil ich ihn sehr verehre. Das Letzte, was noch fehlte, ist das Divertimento, ein witziges Stück, das am Ende des Konzerts steht. Und vor der Pause habe ich die Haydn-Variationen von Brahms gestellt, die eine wunderbare Verbindung zwischen der Haydn-Symphonie und Leonard Bernstein bilden.

klassik-begeistert: Und was kommt jetzt, welche Herausforderungen haben Sie jetzt vor sich? Was machen Sie, außer Dirigentinnen zu fördern?

Romely Pfund: Vom Prinzip her – ich bin ja immer offen, wenn ich noch etwas Musikalisches machen soll. Aber was ich wirklich sehr gern tue, ist Indoor-Klettern. Das ist ein sehr schöner Sport. Mein Mann und ich fahren sehr gerne zu möglichst unbekannten bzw. weniger großen und populären Opernfestspielen, z.B. Wexford, Pesaro oder Longborough, das ist in der Nähe von Glyndebourne. Überall da konnten wir schon wunderbare Aufführungen erleben.

klassik-begeistert: Liebe Frau Pfund, ich danke Ihnen sehr herzlich für dieses spannende Gespräch; ich freue mich auf Ihr Jubiläumskonzert und wünsche Ihnen für die Zeit danach alles Gute!

Dr. Regina Ströbl, 7. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de Fundklassik-begeistert.at

Das Konzert zum 50. Bühnenjubiläum von Romely Pfund mit dem Philharmonischen Orchester der Hansestadt Lübeck mit Werken von Haydn, Brahms und Bernstein findet am 9. Mai 2026 um 20.00 Uhr im Großen Haus statt.

Interview: kb im Gespräch mit Romely Pfund, Dirigentin, Teil I klassik-begeistert.de, 6. Mai 2026

DSO Berlin, Anja Bihlmaier Dirigentin Philharmonie Berlin, 4. September 2025

Staatskapelle Berlin, Simone Young, Dirigentin Philharmonie Berlin, 20. April 2025

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Marie Jacquot Dirigentin Bremer Konzerthaus Die Glocke, 14. März 2025

Debussy und Bartók, Konzerthausorchester Berlin, Joana Mallwitz, Dirigentin Konzerthaus Berlin, 19. September 2024

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert