Lisa Batiashvili verzückt und verzaubert das Bonner Publikum

Lisa Batiashvili und Dresdner Philharmonie  Beethovenfest 2026, Beethovenhalle Bonn, 25. September 2026

Lisa Batiashvili, Dresdner Philharmonie, Leitung Dalia Stasevska © Leoni Ridder

Die georgischstämmige Geigerin, Residenzkünstlerin des diesjährigen Beethovenfests, spielt mit Glut und Intensität Sibelius. Die Dresdner Philharmonie spielt unter Daria Stasevska formidabel, wenn auch einige Tempi der Kategorie „Affenzahn“ die Präzision in Mendelssohns Vierter Sinfonie leiden lassen.

Beethovenhalle Bonn, 25. September 2026

Gija Kantscheli (1935-2019) – Sio für Streicher, Klavier und Schlagwerk

Jean Sibelius (1865-1857) – Violinkonzert d-Moll op. 47

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) – Sinfonie Nr. 4 A-Dur op. 90 „Italienische“

Lisa Batiashvili, Violine (Beethovenfest Residenz 2026)

Sandro Nebieridze, Klavier
Alexej Bröse, Schlagwerk

 Dresdner Philharmonie

Dalia Stasevska, Dirigentin

 von Brian Cooper

Eines vorweg: Das Programmheft gibt es nicht, wie befürchtet, nur noch digital, sondern in Papierform und inzwischen sogar kostenlos. Beides ist wunderbar und kann nicht mit genug Lob bedacht werden. Ja, Programmhefte fallen im Konzert schon mal runter, und das ist eine lästige Störung, aber immer noch besser als 50 hell leuchtende – und übrigens ebenfalls regelmäßig runterfallende – Smartphones im Saal. Und zwar während der Aufführung. Das muss man nicht noch ermutigen. An dieser Stelle sei also nochmal ein Plädoyer fürs analoge Programmheft ventiliert.

Mein Lebensmensch ist zum ersten Mal im großen Konzertsaal meines Wohnorts und schwärmt vom ersten Eindruck wie von der Eleganz der Menschen, die vor dem Konzert drinnen wie draußen umherschwirren. Es ist eine bürgerliche Stadt, ja, aber glücklicherweise auch ein Musikfest, das viel dafür zu tun scheint, dass auch junge Menschen kommen. Die Holde und ich sind begeistert von den drei sehr jungen Damen zu unserer Linken, die während der Aufführung weder das Smartphone zücken noch quatschen. Ja, die sind von der Musikschule, erzählt mir mein Freund David, der spontan eine Karte gekauft hat. Und die hiesige Musikschule leitet.

Lisa Batiashvili als Artist in Residence zu gewinnen – das ist ein wahrer Coup fürs Beethovenfest. Sie ist schon seit Jahrzehnten eine der spannendsten, vielseitigsten und besten Geigerinnen der Welt, und hatten wir sie schon vor zweieinhalb Jahren mit dem Sibelius-Konzert in Baden-Baden erlebt, so war es eine besondere Freude, sie nun „daheim“ zu hören.

„Nach Hause/Daheim“ ist das diesjährige Motto des Beethovenfests, spielt man doch seit einer gefühlten Ewigkeit endlich wieder in der wiedereröffneten Beethovenhalle. Im vergangenen Dezember konnte ich aufgrund eines ungünstigen Platzes unter der Treppe keinen echten Eindruck der neuen Akustik sammeln, doch an diesem Freitagabend hole ich gern nach, dass sich das Hören im frisch sanierten Saal weitaus angenehmer gestaltet als vor der Renovierung. Ein Gewinn für Bonn!

Lisa Batiashvili, Dresdner Philharmonie unter der Leitung von Dalia Stasevska © Leoni Ridder

Gija Kantscheli war ein bemerkenswerter georgischer Komponist, für dessen Musik sich u.a. der große Geiger Gidon Kremer unermüdlich einsetzt. Mit der Solistin teilt der Komponist die georgische Herkunft und die Geburtsstadt Tbilisi. Viele sorgfältig produzierte und ästhetisch ansprechende CDs seiner Werke wurden von Manfred Eichers Edel-Label ECM herausgebracht.

Kantschelis 1998 geschriebenes Werk Sio, übersetzt „Wind“, ist reich an Klangfarben. Schon die Besetzung ist interessant: Zu einem Streichorchester, dessen Konzertmeister recht viel zu tun hat und sämtliche Herausforderungen hier mit Bravour meisterte, gesellen sich Klavier und Schlagwerk. Pianist Sandro Nebieridze, übrigens ebenfalls Georgier aus Tiflis, und Perkussionist Alexej Bröse brachten ihre solistischen Partien auf wunderbarste Weise in einen Gesamtklang, der unter der Leitung Daria Stasevskas aufblühen und abschwellen konnte.

Überhaupt war dieses einleitende Werk einer von mehreren Höhepunkten des Abends. Die Grundstimmung ist piano, getragen, nebulös, bisweilen an Arvo Pärt erinnernd, aber es gibt auch forte-Ausbrüche, die jedoch nie überfordern. Ein Werk, da waren wir uns einig, das man gern ein zweites Mal hören würde. Der Einsatz der leisen Glocken verzaubert.

Lisa Batiashvili spielt das ihr besonders am Herzen liegende Sibelius-Violinkonzert mit einer solchen Glut und Intensität, dass man es immer wieder von ihr, Janine Jansen und wenigen anderen Geigerinnen und Geigern hören möchte. Die Anfangsmelodie, wunderbar von der Dresdner Philharmonie begleitet, füllt den Saal, das Publikum ist bis auf wenige Huster – mutmaßlich Tagestouristen aus der großen Nachbarstadt Köln – gebannt bis verzückt. Wie der elegante Herr vor uns, der mit sanften Kopfbewegungen mitgeht und völlig konzentriert zuhört. Wunderbar!

Lisa Batiashvili Dresdner Philharmonie unter der Leitung von Dalia Stasevska © Leoni Ridder

Die Kantilene des langsamen Satzes spielt die Geigerin mit einer Intensität, die einfach nur staunen macht, etwa ihre Töne in höchster Lage auf der G-Saite. Und die vorzüglichen Punktierungen im Finalsatz gelingen überaus präzise – ein Adjektiv, das nicht immer auf das (dennoch gut disponierte) Orchester zutrifft.

Die anschließende „Italienische“ Felix Mendelssohns lässt umso mehr an Präzision vermissen, was meiner Ansicht nach an manch übertriebener Gestik der Dirigentin liegt, die alle Sätze sehr zügig nimmt und die finale Tarantella bis an die Grenze der Unspielbarkeit treibt. Als Hörer darfst Du nie die Frage „Kommen die heil durch?“ im Kopf haben. Fazit: Guter bis sehr guter Sekt, kein Champagner.

Einzig der nach dem Konzert sämtliche Taxifahrer stentorisch-despotisch zusammenfaltende alte Mann („ICH HATTE EIN TAXI BESTELLT!“) trübt ein wenig die Stimmung nach einem insgesamt erfreulichen Konzert. Der Mann, eine Mischung aus Opa Hoppenstedt („Ich will jetzt mein Geschenk!“) und einer schlimmeren Figur aus sehr düsteren Zeiten („Wird’s bald, Ihr minderwertigen Kreaturen?“), hat sie nicht mehr alle.

Brian Cooper, 26. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Eröffnungskonzert Beethoven, London Symphony Orchestra, Antonio Pappano Beethovenhalle Bonn, 4. September 2026

Oslo Philharmonic, Lisa Batiashvili, Klaus Mäkelä, Dirigat Philharmonie Essen, 24. Januar 2026

LSO Sir Antonio Pappano/Lisa Batiashvili Alte Oper Frankfurt, 2. Juni 2025

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