Wie sehen die Bayreuther Festspiele hinter den Kulissen aus?

Stephan Mösch, Bayreuth als Theater – Auf dem Weg zu einer Festspielgeschichte  klassik-begeistert.de, 27. September 2026

Buchbesprechung:

Stephan Mösch
Bayreuth als Theater
Auf dem Weg zu einer Festspielgeschichte

Bärenreiter-Verlag Karl Vötterle GmbH & Co. KG, 2026
ISBN 978-3-7618-2649-2 (Bärenreiter)
ISBN 978-3-662- 72775-1 (Metzler)

von Jolanta Łada-Zielke

Das Buchcover stellt die Schlussszene des ersten Aktes von „Tannhäuser“ aus dem Jahr 2019 unter der Regie von Tobias Kratzer dar. Venus (wahrscheinlich Helena Zhidkova) und ihre Avantgarde-Künstlergruppe, zu der Manni Laudenbach und Le Gateau Chocolat gehören, treffen am Festspielhaus ein und überlegen, wie sie hineinkommen können. Sobald ihnen das gelingt, „führen“ Manni und Le Gateau die Zuschauer in der Videoprojektion hinter die Kulissen des Theaters.

Genau das ist das Buch von Stephan Mösch – es zeigt die Geschichte der Bayreuther Festspiele „vom Hinterzimmer aus“, Vorbereitungen von Inszenierungen, die Auswahl der Dirigenten und Sänger, die ruhmreichen, aber auch schwierigen Momente (nicht nur während der Zeit des Nationalsozialismus), die treffenden und die unglücklichen Entscheidungen, die Streitigkeiten und Kompromisse, die Trennungen und die Rückkehr.

Viel Raum widmet der Autor dem „Neubayreuth“, also der Wiederaufnahme des Festivals im Jahr 1951. In diesem Zusammenhang erscheint besonders spannend der von Wieland Wagner unternommene Versuch, „Die Meistersinger“, die man während der Kriegsfestspiele aufführte, zu entnazifizieren. Der Begriff „Neubayreuth“ scheint jedoch relativ zu sein; man kann ihn auf die Ära jeder Nachfolgerin oder jedes Nachfolgers Richard Wagners: Cosima, Siegfried, Winifred, Wieland, Wolfgang und Katharina, anwenden. Die Amtsübernahme durch jede dieser Persönlichkeiten bedeutete für die Festspiele einen gestalterischen Neuanfang.

Es finden sich in diesem Buch die Namen vieler Dirigenten, sowohl derer, die mit den Festspielen lange Zeit verbunden waren (Mottl, Furtwängler, Knappertsbusch, Markevitsch, Boulez, Barenboim), als auch jener, für die dies nur ein kurzes Intermezzo war (R. Strauss, Paul Hindemith, Karajan). Ich stimme dem Autor zu, der behauptet, dass „Wieland Wagner und die Dirigenten“ eine Geschichte von permanenter Unruhe sei. Er war ständig auf der Suche nach dem perfekten, sogenannten „lateinischen“ Dirigenten für die Bayreuther Festspiele, als den er in erster Linie Arturo Toscanini ansah.

Christian Thielemann sagte mir 2005 im Interview, dass man in Bayreuth schlecht bezahlt werde; wenn Künstler hierherkommen, dann wegen der Atmosphäre, wegen Wagners Musik oder einfach weil Bayreuth eben Bayreuth ist. Ich konnte das nicht glauben, vielleicht weil ich damals noch in Polen lebte, und mein Money Mindset auf Zloty basierte. Doch im Buch von Stephan Mösch finde ich mehrfach eine Bestätigung für die Worte des Dirigenten. Die Budgetplanung, die Finanzierung, die Festlegung der Gagen für Dirigenten und Sänger – all das war mit schwierigen Entscheidungen verbunden. Manche Sänger (Jon Vickers) bekamen für ihren gesamten Aufenthalt in Bayreuth einen Betrag so hoch wie das Honorar, das sie anderswo für eine einzige Vorstellung erhielten. Die Festspielleitung engagierte Wagner-Sänger, die auf internationalen Bühnen erfolgreich waren, auch aus finanziellen Gründen nur ungern, wie zum Beispiel die Sopranistin Birgit Nilsson. Heute funktioniert das anders.

Wieland Wagner und Hans Knappertsbusch, der Chefdirigent der Bayreuther Festspiele 1951-1964, erscheinen als nicht besonders sympathische Persönlichkeiten. Natürlich lässt sich nicht leugnen, dass sie große Künstler waren, aber in menschlicher Hinsicht lässt ihr Umgang mit den Mitarbeitern viel zu wünschen übrig. Wieland schätzte diejenigen nicht gebührend, die sich tatsächlich der Festspiele verschrieben hatten, wie beispielsweise den Festspielchorleiter Wilhelm Pitz und den Dirigenten Joseph Keilberth. Den Letzteren hielt Wieland in der Reserve und ließ ihn nur dann einspringen, wenn jemand „Wichtiger“ gerade abgesagt hatte, was oft ganz spontan geschah. Knappertsbusch hingegen bediente sich gerne jüngerer Kollegen oder seiner Assistenten, um die Opern einzustudieren. Er übernahm erst bei der Generalprobe selbst den Stock, schrieb jedoch andere Tempi vor als seine Vorgänger, was bei den Orchestermusikern und Sängern für Stress sorgte.

Interessant ist die Geschichte des „Jahrhundert-Rings“ aus dem Jahr 1976: Vor allem fassungslose Zuschauer verglichen die Aufführung mit der Commedia dell’arte, Disneyland und der Opera buffa. Mittlerweile ist diese Inszenierung zur Legende geworden. Wie sich herausstellt, hatte ihr Regisseur Patrice Chéreau in Peter Stein einen Konkurrenten. Wolfgang Wagner und Pierre Boulez konnten sich lange Zeit nicht entscheiden und trafen sich mit jedem der Kandidaten einzeln; außerdem ließen sie sich von ihnen ein Exposé zukommen lassen.

Mösch erwähnt auch die jüngsten umstrittenen Inszenierungen, darunter Christoph Schlingensiefs „Parsifal“ aus dem Jahr 2004 mit Elementen der Voodoo-Kultur, toten Hasen, Skulpturen von Josef Beuys sowie einer Filmprojektion, die auf alles – einschließlich der Sänger – gelaufen ist. Bis heute habe ich eine Aufzeichnung der Umfrage, die ich damals für polnischen Sender RMF Classic durchgeführt habe, und in der zwei Italiener empört sagen: „Questa produzione di Parsifal è uno scandalo! Peccato! Perché musicalmente è bella (kein Wunder: Pierre Boulez!), ma la messa in scena – non capisco, non riesco a capire che cosa vuol dire!“ Deutschen Zuschauern hat es jedoch gut gefallen; sie hielten das für ein Zeichen, dass Bayreuth mit der Zeit geht.

Als einen der größten Schätze dieser Publikation, das über 500 Seiten reinen Text umfasst, betrachte ich die Farbtafeln mit Auszügen aus den Partituren und Klavierauszügen der Opern Richard Wagners mit den von Wilhelm Furtwängler sowie der „Isolde aller Zeiten“ – Frida Leider mit Bleistift vorgenommenen Bemerkungen. Dies bietet eine großartige Gelegenheit, einen Einblick in die Arbeit der Künstler an der Interpretation Wagners Werken zu gewinnen. Anhand verschiedener Beispiele zeigt der Autor zudem, wie sich der „Wagner- Gesang“ mit der Zeit gewandelt hat. Hier widerlegt Mösch das weit verbreitete Klischee, dass Wagners Musik laut sei; es stellt sich heraus, dass bei ihm auch Piano und sogar Pianissimo möglich sind.

Bereits nach den ersten Kapiteln bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es nicht nur heute in Bayreuth Inszenierungen gibt, die das Publikum empören oder schockieren. Schon in der Vergangenheit kam es regelmäßig zu einem Aufeinandertreffen von Tradition und Moderne, das manchmal schmerzhaft war.

Vielleicht liegt genau darin der Reiz dieser Veranstaltung. Die Lektüre des Buchs von Stephan Mösch nimmt viel Zeit in Anspruch; es enthält eine solche Fülle an Namen und Fakten, dass man dieses Wissen besser schrittweise auf sich wirken lässt. Aber es ist sicherlich ein Werk, zu dem man immer wieder zurückkehrt.

Es ist sowohl für Musikwissenschaftler und Musikjournalisten als auch für Liebhaber der Bayreuther Festspiele nützlich, die deren frühere und jüngste Geschichte kennenlernen möchten.

Jolanta Łada-Zielke, 27. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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