Foto: Stefan Behrisch (c) Stefan Behrisch
Nach fast 10-jähriger Renovierung kehrt das Beethovenfest nach Hause in die Beethovenhalle in Bonn zurück. Der Auftakt gelingt furios mit dem Surround-Sound der Uraufführung „a call to the heavens“. Das Werk ist spannend und spricht nicht nur Klassikliebhaber an. Es könnte sich als maßgeschneiderte Eröffnungshymne etablieren.
Antonio Pappano und das London Symphony Orchestra führen uns auf eine andere Art mit Bruckners 9. Sinfonie in den Himmel. Klanggewaltig und Dank des exakten Dirigats transparent, erleben wir die Akustik der Halle, auf die Bonn stolz sein kann.
Eröffnungskonzert, Beethovenhalle Bonn, 4. September 2026
Ludwig van Beethoven
Ouvertüre zum Festspiel „Die Weihe des Hauses“, op. 124
Stefan Behrisch
„a call to the heavens“ für 14 Trompeten und Orgel (Uraufführung)
Anton Bruckner Sinfonie Nr. 9 d-Moll, WAB 109 (Edition Musikwissenschaftlicher Verlag Wien)
Andy Harderer und Studierende der Hochschule für Musik und Tanz Köln (Trompeten)
George Fletcher Warren (Orgel)
London Symphony Orchestra
Antonio Pappano (Dirigent)
von Petra und Dr. Guido Grass
„Nach Hause/Daheim“ ist das diesjährige Motto des Beethovenfests, kehrt doch das Festival nach fast 10jähriger Renovierung in die Beethovenhalle zurück. So lag es nahe, Ludwig van Beethovens selten gespielte Ouvertüre „Die Weihe des Hauses“ zu programmieren. Wuchtig hallen die ersten Akkordschläge durch die Halle. Majestätisch lässt Beethoven die Musik schreiten. Die Trompetenfanfaren lassen uns den würdevollen Moment spüren. Transparent gestaltet das London Symphony Orchestra die Fuge. Wir sind zu Hause angekommen.

Der Festival Salon ist für alle geöffnet – auch ohne Ticket
Das Zuhause, das das Festival meint, ist ein gastfreundliches, kein abgrenzender Rückzugsort im Privaten. Festivalleiter Steven Walter möchte die Beethovenhalle als Ort der Begegnung, als Gabe der offenen Gemeinschaft gestalten. Während des gesamten Beethovenfests lädt daher der Festival Salon zu zahlreichen Veranstaltungen ein – ohne Ticket!
Hier, unter der Musik, versammeln sich die Menschen zum „call to the heavens“
Der Titel der Komposition „a call to the heavens“ von Stefan Behrisch ist nicht ausgrenzend religiös gemeint, sondern als Suche nach Antworten auf drängende Probleme, die schließlich in einer gemeinsamen Kraftanstrengung eine Lösung finden. Trompeten und Orgel sind wie geschaffen für diesen Kraftakt.
14 Trompeter finden ihren Platz rund um das Publikum. Bewegung kommt auf: Was geschieht denn da hinten? Die besondere Architektur der Beethovenhalle mit ihrem asymmetrischen Balkon bestimmte die Anzahl der Musiker. Neben den Trompeten kommen 12 Flügelhörner, zwei Piccolo-Trompeten und eine Basstrompete zum Einsatz. Fanfarenrufe wandern quer durch den Saal, von vorne nach hinten, zur Mitte, auf den Balkon und zur Seite.
Es entsteht ein überwältigender Raumklang, der die Halle akustisch erfahrbar macht. Klänge überschlagen sich – suchen einen Ausweg. Während die Töne so hin und fliegen, bleibt die Klais-Orgel fest verankert, untermalt mit warmer, trauriger Stimme die Klage der Trompeten. Sie gehört zur Halle wie der Rhein zu Bonn, der während ihrer fließenden Läufe vor unserem inneren Auge erscheint.
Alles ist im Fluss, aber wohin soll es führen?
Die Piccolotrompeten geben die Richtung vor. Die Flügelhörner vereinigen sich. Die Melodie wandert im Kanon und dreht sich im Kreis – eine unwiderstehliche Sogwirkung in die Höhe entsteht, ein Aufwind. Was für ein Glück – die Himmel öffnen sich.
Eine Eröffnungshymne für das Beethovenfest, die wir gerne nochmal hören würden.

Dem lieben Gott gewidmet führt Anton Bruckners Sinfonie Nr. 9 in d-Moll das Thema „Himmel“ auf andere Weise fort. Geheimnisvoll tremolieren die Violinen, bevor magisch die Hörner einsetzen und sich mächtig das Hauptmotiv entwickelt.
Pappano führt das Orchester in einen gewaltigen Tutti-Klang
Der Saal ist erfüllt vom Klang, aber es ist nicht neblig. Die Musik bleibt transparent. Die einzelnen Stimmen klar hörbar. Wie Vogelgezwitscher in göttlicher Natur klingt das Holz.
Pappano setzt auf Kontraste. Noch etwas leiser als anfänglich beginnt die Reprise. Das gibt Raum für eine ganz allmähliche, aber umso drängendere Steigerung. Mit Schärfe rufen die Trompeten. Im fulminanten Ende des ersten Satzes verlangt Pappano dem gesamten London Symphony Orchestra einfach alles ab, was sie nur geben können.
Ergriffene Stille, kein Husten, ein leichtes Durchatmen.
Eher auf der zügigen Seite spielen die Londoner den zweiten Satz (Scherzo. Bewegt, lebhaft – Trio. Schnell). Jede einzelne Note scheint Pappano in den Pizzicato-Passagen zu dirigieren. Nur kurz scheint im Trio eine lustige Idylle auf. Nach deutlicher Generalpause kehrt das wuchtige Scherzo zurück. Auf die Saiten der Kontrabässe knallen die Bögen. Wie Peitschenschläge drängen sie das Orchester voran.
„Langsam, feierlich“ ist der dritte Satz überschrieben. Über dem schmerzhaften Zehren der Streicher baut sich würdevoll der Klang des Gesamtorchesters auf. Majestätisch schwebt das Blech über dem Geigenteppich.

Vielleicht angespornt von den studentischen Trompetern in „a call to the heavens“ lassen sich die Trompeten des LSO bei den Fanfarenklängen nicht lange bitten. Noch einmal fordert Pappano in der Coda sein Orchester zur maximalen Intensität. Ein unbeschreiblich erhebendes Gefühl macht sich breit, wenn die letzten Takte erklingen und die Sinfonie himmlisch verklingt.
Alle im Saal halten einen Moment inne, bevor es sich zu großem Applaus erhebt.
Das Eröffnungskonzert war ein rundum gelungener Auftakt zum Beethovenfest, der neugierig macht, auf die vielen noch folgenden Veranstaltungen.
Petra und Dr. Guido Grass, 6. September 2026,
für klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Beethovenfest: Jerusalem Quartet/Elisabeth Leonskaja Kölner Philharmonie, 23. September 2025
Beethovenfest, Fazıl Say, Klavier Forum der Bundeskunsthalle, Bonn, 3. Oktober 2024
Beethovenfest Abschlusskonzert, COE, Robin Ticciati, Dirigent Bonn, Oper, 24. September 2023