Fotos © Andreas Etter
PREMIERE +++ Lohengrin +++ Staatstheater Mainz, 4. Oktober 2026
Wer am Staatstheater Mainz eine jener üblichen Regietheater-Entgleisungen befürchtet hatte, bei denen der Schwanenritter im Jogginganzug einmarschiert oder als Bundeswehr-Rekrut über die Vorstadtbühne robbt, durfte am Ende erleichtert durchatmen. Regisseur Erik Raskopf wählte für Richard Wagners romantische Oper einen gänzlich anderen, verblüffend werkdienlichen Weg.
Richard Wagner Lohengrin
Musikalische Leitung: Gabriel Venzago
Inszenierung und Kostüme: Erik Raskopf
Bühne und Video: Christoph Schubiger
Licht: Frederik Wollek
Kampfchoreografie: Atef Vogel
Choreinstudierung: Sebastian Hernandez-Laverny
Dramaturgie: Sonja Westerbeck
Chor und Extrachor des Staatstheater Mainz
Statisterie des Staatstheater Mainz
Philharmonisches Staatsorchester Mainz
Premiere am Staatstheater Mainz, 4. Oktober 2026
von Dirk Schauß
In einer stilisierten, streng durchdachten Ästhetik, die in ihren besten Momenten feinsinnig an die legendären Entwürfe Wieland Wagners erinnert, rückte er das ins Zentrum, was bei Wagner ohnehin die Hauptrolle spielen sollte: die Musik und die tragische Dialektik der Figuren. Die Personenführung blieb durchweg schlüssig, die Interaktion von Solisten und Chören natürlich und musikbezogen – elegant in den Massenszenen, präzise in den intimen Dialogen.
Das von Christoph Schubiger entworfene Bühnenbild verzichtet auf wohlfeilen Aktualisierungsballast. Hohe, in kühlen Blautönen gehaltene Steinwände behaupten einen zeitlosen, mythologischen Raum. In allen drei Aufzügen öffnet sich die mächtige Rückwand und gibt einen tiefen, geheimnisvollen Spalt frei. Wenn Lohengrin hier zum ersten Mal erscheint, flankiert von riesigen Schwanenflügeln und zwei stummen Begleitern mit eisern verschlossenen Chromstahlmasken, gelingt ein Bild von nachhaltiger Wucht.

Das sensible, aufs Feinste mit der Partitur atmende Licht von Frederik Wollek taucht die Szenerie in wechselnde Stimmungen, die dem Geschehen eine hypnotische Sogwirkung verleihen. Freilich schleicht sich auch in diese gelungene Optik der eine oder andere regietheaterliche Zeigefinger ein. In der zweiten Hälfte des ersten Vorspiels meinte man, dem Publikum eine projizierte Vorgeschichte im Duktus bunter Wachsmalkreide nachreichen zu müssen: Elsa und Gottfried beim Spiel, Elsas Verlobung mit Telramund, schließlich Gottfried mit blutendem Messer auf der Flucht.
Diese Bebilderung wirkte überflüssig wie ein Kropf. Wagner hat die Vorgeschichte bereits im Text verankert, und das Publikum am Rhein braucht wahrlich keine Bebilderungshilfe für Dreikäsehochs. Umso stärker gerieten die dramatischen Wendungen. Der Schwertkampf zwischen Lohengrin und Telramund, choreografiert von Atef Vogel, besaß echte, beklemmende Physis. Im zweiten Aufzug quillt gigantischer Nebel über den Orchestergraben, während Lohengrins unheimlich maskierte Begleiter echte Feuerfackeln tragen.

Ortrud klaubt ihre Zauberutensilien an einer düsteren Wasserstelle zusammen, setzt sich eine Totenmaske auf und zieht ihren Gatten Friedrich mit intensivsten Küssen tiefer in ihren Bann. Ein Höhepunkt der Inszenierung gelang Raskopf im dritten Aufzug: Das Brautgemach, beherrscht von einem gigantischen Vorhang um das Ehebett, wird zum Schauplatz einer seelischen Demontage.
Wie hier das Gift des Zweifels eine frische Liebe binnen Minuten zerfrisst, wie die anfängliche Zärtlichkeit in Lähmung und schmerzliche Trauer umschlägt, war von beklemmender Intensität. Elsa sucht hierbei die Zuflucht zu einer kleiner Spielpuppe, Gottfried. Am Ende lüftet einer der Begleiter Lohengrins die Maske: es ist Gottfried, der tot geglaubte Bruder, der nun zum König gekrönt wird. Bereits im ersten Aufzug sah man einen Hinweis darauf, auf die Bühnenrückwand projiziert. Hoffnung, die Realität wurde. Einen veritablen Ärgernis-Lapsus leistet sich das Haus allerdings bei der Textgestalt.

Warum man dem Libretto mit der Zensurschere zu Leibe rücken musste, bleibt das Geheimnis der Dramaturgie. Alle Bezüge auf „deutsch“ wurden akribisch ausgemerzt. König Heinrich darf nicht mehr „Was deutsches Land heißt“ singen, sondern muss sich mit dem „heil’gen Land“ begnügen. Aus dem „deutschen Reich“ wird das „Königreich“, und wenn Lohengrin am Ende als Beschützer Brabants eingesetzt wird, mutiert der „Führer“ brav zum „Schützer“. Diese angstgetriebene Sprachkosmetik wirkt reichlich armselig. Als ob das heutige Opernpublikum nicht mündig genug wäre, historische Begriffe im Kontext der Entstehungszeit des Werkes zu begreifen.
Musikalisch hingegen bot der Abend ein Fest von selten gewordener Güte. Der „Lohengrin“ gilt nicht zu Unrecht als die Choroper Richard Wagners schlechthin. Oft genug verkommen die gewaltigen Aufmärsche der Brabanter zu einem diffusen Schreiwettbewerb. Nicht so in Mainz.

Was Sebastian Hernandez-Laverny mit dem Chor und Extrachor des Staatstheaters Mainz einstudiert hat, verdient höchste Bewunderung. Die Chormitglieder agierten mit enormer Spielfreude, glänzten durch vorbildliche Textverständlichkeit und boten eine dynamische Differenzierung, die vom hauchzarten, ätherischen Pianissimo bis zum dröhnenden, aber nie forcierten Fortissimo reichte.
Der tobende Applaus für das Ensemble war mehr als verdient. In der Titelpartie bot Corby Welch eine glänzende Visitenkarte. Aus seiner Zeit als lyrischer Tenor hat er sich eine erstaunliche Geschmeidigkeit bewahrt. Welch verfügt über eine phänomenale Farbskala, nutzt das Piano und Mezza Voce mit geschmackvoller Klugheit und schleudert dennoch die schier endlosen hohen As der Partie mit strahlender, ermüdungsfreier Siegfried-Kraft in den Raum. Seine Textgestaltung war vorbildlich, seine Bühnenpräsenz von natürlicher Würde.

An seiner Seite glänzte Nadja Stefanoff als Elsa. Stefanoff gehört zu jener raren Spezies von Sängerinnen, die auf der Bühne völlig in ihrer Rolle verschwinden. Jede winzige Regung im Gesicht, jede Geste entsprang einer tief empfundenen inneren Wahrheit. Ihr Gesang bestach durch glasklare Artikulation und eine berührende stimmliche Reinheit. Wenn sie nach Lohengrins Liebesgeständnis das erste Mal lächelt, öffnet sich der Himmel.

Stephan Bootz gab einen stimmlich souveränen König Heinrich, der die tückische Tessitura mit sicherer Hand meisterte und fein zwischen väterlicher Milde und der Härte des Feldherrn zu unterscheiden wusste.

Julija Vasiljeva war als Ortrud eine echte Urgewalt. Mit hochdramatischer Attacke und gewaltiger Bühnenpräsenz verlieh sie der düsteren Gegenspielerin eine messerscharfe Kontur. Ihr müheloser Gesang empfiehlt sie für weitere hochdramatische Sopranpartien.

Einzig Brett Carter als Friedrich von Telramund hinterließ gemischte Gefühle. Stimmlich stand er die mörderische Partie mühelos durch – was viel ist –, doch fehlte ihm jegliche sprachliche Differenzierung. Carter sang fast durchweg im Einheitsforte. Wutausbrüche, Zynismus und die Verzweiflung eines Entehrten klangen bei ihm alle gleich trocken und monochrom. Das war solide, aber ohne Ausdrucksschärfe. Tim-Lukas Reuter lieferte als Heerrufer ein charaktervolles Portrait, wenngleich seine Artikulation stellenweise etwas mulmig geriet.

Aus dem Graben ertönte dazu ein Wagner-Klang von wunderbarer Transparenz. Das Philharmonische Staatsorchester Mainz spielte unter der Leitung von Gabriel Venzago hochkonzentriert, klangschön und mit bewundernswerter Ausdauer. Charaktervolle Holzbläser, feine Streicherklänge und pannenfreie, ausdauernde Blechbläser zeigten den Klangkörper in großer Form. Venzago variierte die Tempi – mal getragen, dann wieder angezogen, aber nie gehetzt – und ließ der Musik Raum zum Atmen. Er setzte auf einen lichten, hellen Gesamtklang und wahrte stets die Balance zwischen Orchester und Bühne. So entstand ein organischer, hochmusikalischer Fluss.
Am Ende gab es im Staatstheater Mainz langanhaltenden, riesigen Jubel. Die vereinzelten Buhrufe gegen das Regieteam beim Schlussvorhang wurden von der begeistert zustimmenden Bravo-Fraktion mühelos niedergewalzt.
Davor gab es noch eine kleine Kuriosität am Rande zu bestaunen: Vor Beginn der Vorstellung nahm Intendant Markus Müller die Auszeichnung der Zeitschrift Opernwelt als „Opernhaus des Jahres“ entgegen. Die entsprechende Würdigung hämmerte der Theaterchef in der zweiten Pause kurzerhand höchstselbst auf einer Wackelleiter stehend im Foyer an die Wand. Pragmatismus trifft auf großen Opernzauber.
Mainz hat mit diesem „Lohengrin“ ein starkes Ausrufezeichen gesetzt. Bundesweit dürfte es derzeit eine der ganz raren Gelegenheiten sein, eine ästhetische, mystische und vor allem verständliche Inszenierung zu erleben, die das Zeug hat, ein großer Publikumsrenner zu werden.
Dirk Schauß, 6. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
König Heinrich: Stephan Bootz
Lohengrin: Corby Welch
Friedrich von Telramund: Brett Carter
Heerrufer: Tim-Lukas Reuter
Ortrud: Julija Vasiljeva
Elsa: Nadja Stefanoff
Vier Edeldamen: Dohyun Lee, Jeeho Anja Park*, Paula Maria Müller*, Luisa Sagliano
Vier brabantische Edle: David Jakob Schläger*, Nikolas Groth*, Luis Gehrmann, Hyeongho Lee
Gottfried: Lennard Simon
Mönch: Christian Roth
Philharmonisches Staatsorchester Mainz, Gabriel Venzago Staatstheater Mainz, 13. September 2025
Erich Wolfgang Korngold, Die Tote Stadt Staatstheater Mainz, 26. Oktober 2025