„Idoménée“ bei den Barocktagen Unter den Linden: Die andere Seite der Geschichte

André Campra, Idoménée,  Barocktage, Staatsoper Unter den Linden, 5. November 2021

Die in Berlin im Rahmen der Barocktage gezeigte Produktion hatte bereits im September ihre Premiere an der Oper von Lille. Die Dirigentin Emmanuelle Haïm hat das von ihr begründete Ensemble Le Concert d’Astrée nach Berlin mitgebracht, das auf historischen Instrumenten dem Klangbild der Entstehungszeit wohl sehr nahe kommt.

Idoménée  Tassis Christoyannis
Idamante   Samuel Boden
Ilione          Chiara Skerath
Électre        Hélène Carpentier
Le Concert d’Astrée
Emmanuelle Haïm   Dirigentin
Àlex Ollé / La Fura dels Baus  Regie

Fotos: Idoménée © Bernd Uhlig

Staatsoper Unter den Linden Berlin, Premiere am 5. November 2021

von Peter Sommeregger

Idomeneus, in der griechischen Mythologie König von Kreta, ist als Titelheld von Mozarts Oper weithin bekannt. Tatsächlich gab es aber schon längere Zeit vor Mozart eine Oper, deren Held er ist.

Der französische Komponist André Campra führte seine Vertonung bereits 1712 in Paris auf, knapp siebzig Jahre bevor Mozarts „Idomeneo“ erstmals in München erklang. Dieser große zeitliche Unterschied erklärt sowohl die stilistischen als auch die dramaturgischen Unterschiede der beiden Opern. Erfüllt sich bei Campra das grausame Schicksal des Kreterkönigs, so lässt Mozart seine Version mit dem damals üblichen „lieto fine“, also einem glücklichen Ausgang enden.

Stilistisch folgt Campra der französischen Tradition der Tragédie en musique, die durch ausgreifende Rezitative und eine eigene szenische wie musikalische Dramaturgie geprägt ist. Die in Berlin im Rahmen der Barocktage gezeigte Produktion hatte bereits im September ihre Premiere an der Oper von Lille. Die Dirigentin Emmanuelle Haïm hat das von ihr begründete Ensemble Le Concert d’Astrée nach Berlin mitgebracht, das auf historischen Instrumenten dem Klangbild der Entstehungszeit wohl sehr nahe kommt.

Foto: Idoménée © Bernd Uhlig

Der griechische Bariton Tassis Christoyannis kann in der Titelrolle durch einen warm und füllig timbrierten Bariton überzeugen. Seinen Sohn Idamante hat der Komponist aber reichlicher bedacht, dadurch kann Samuel Boden, der über einen hellen, technisch sehr gut gebildeten Tenor verfügt, den stärkeren Eindruck hinterlassen.

Einen sicher geführten, lyrischen Sopran bringt Chiara Skerath für die trojanische Königstochter Ilione mit. Ihr schönes Timbre verschafft ihr am Ende der Vorstellung auch den stärksten Applaus. Eindrucksvoll ihre dramatische Gegenspielerin Électre, die von Hélène Carpentier äußerst temperamentvoll gesungen und gespielt wird. Insgesamt sind die vokalen Leistungen bis zu den kleinsten Rollen auf hohem Niveau.

Emmanuelle Haïm und ihr Barock-Ensemble erobern sich mit ihrer authentischen und stilvollen Spielweise schnell die Herzen des Publikums. Der Applaus wird schon nach der Pause zum Gradmesser für die Begeisterung des Publikums.

Foto: Idoménée © Bernd Uhlig

Auch optisch hat diese Produktion viel zu bieten. Das Team Àlex Ollé/ La Fura del Baus entfaltet ein prunkvolles barockes Ambiente, das mit einigen raffinierten Bühnentricks erzeugt wird. Acrylwände reflektieren prächtige barocke Portale, Videos reichern  die abwechslungsreiche Optik an. Auch das erzürnte Meer kann so eindrucksvoll dargestellt werden.

Einzig die Kostüme von Lluc Castells enttäuschen durch wenig einfallsreiche Ausstaffierung der Darsteller. Das wird der sonst so üppigen Optik nicht gerecht.

Am Ende große Begeisterung für die Bekanntschaft mit dem „anderen Idomeneo“. Emmanuelle Haïm hat die Berliner im Sturm erobert.

Peter Sommeregger, 7. November 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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