Petrenko tanzt

Berliner Philharmoniker, Kirill Petrenko,  Berlin Philharmonie, 27. Oktober 2021

Foto: © Monika Rittershaus

Berlin Philharmonie, 27. Oktober 2021

Felix Mendelssohn Bartholdy
Symphonie Nr. 3 a-Moll op.56

Dmitri Schostakowitsch
Symphonie Nr. 10 e-Moll op. 93

Berliner Philharmoniker
Dirigent Kirill Petrenko

von Peter Sommeregger

Gemeinsam ist diesen beiden Symphonien doch sehr unterschiedlicher Epochen, dass sie  in Moll geschrieben sind und in ihren ersten Sätzen eine gewisse, zur Jahreszeit passende Düsternis ausstrahlen, die sich erst im späteren Verlauf der Werke aufhellt und auch tänzerische Elemente beinhaltet. Diese Parallelen mögen Kirill Petrenko bewogen haben, sie in diesem Konzert gegenüberzustellen.

Mendelssohns sogenannte Schottische Symphonie geht tatsächlich auf Eindrücke zurück, die der junge Komponist während einer seiner Bildungsreisen empfing. Dabei skizzierte er bereits ein Thema, konnte die Symphonie aber erst zwölf Jahre später vollenden, wobei das ursprüngliche Thema tatsächlich zur Dominante des ersten Satzes wurde. Im zweiten Satz erinnert die tänzerische Passage an die frühe Sommernachtstraum-Musik. Petrenko übernimmt dieses Element in seine Körpersprache und gibt auf dem Podium eine beinahe schon ballettreife Einlage.

Von erheblich größerer Dimension ist Dmitri Schostakowitschs zehnte Symphonie, entstanden 1953 unter dem Eindruck von Stalins Tod, der auf eine Lockerung des strengen sowjetischen Regimes hoffen ließ, dessen Härte der Komponist zuvor erfahren musste. Der mit 20 Minuten überlange erste Satz wirkt noch grüblerisch bedrückt, im zweiten, extrem kurzen schroffen Satz meinten Zeitgenossen ein Porträt Stalins zu erkennen. Es folgt ein Walzer-Motiv, das Petrenko wieder tänzerisch umsetzt. Auch in den weiteren Passagen der Symphonie bleibt unter zunehmend freundlicheren Passagen doch die im Hintergrund allgegenwärtige Bedrohung präsent und spürbar, mündend aber in einen hoffnungsvollen Schluss.

Diese Symphonie von Schostakowitsch hat für die Berliner Philharmoniker eine besondere Bedeutung. Herbert von Karajan, der sie sehr schätzte, führte sie bei einem Gastspiel des Orchesters 1969 in Moskau auf. Der Komponist war im Publikum und erlebte einen immensen persönlichen Erfolg. Kirill Petrenko setzt mit dieser Aufführung eine Tradition fort, und seine hinreißende Hingabe an das Werk bleibt nicht ohne Echo. Ein reich beschenktes Publikum feiert ihn und das Orchester begeistert.

Peter Sommeregger, 28. Oktober 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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